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Brutal auf Ärzte losgegangen

Der Angeklagte schlug den Chefarzt und einen Oberarzt. Er schiebt das auf eine Krankheit. Doch hat die wirklich etwas damit zu tun?

Ein Vorfall in der Psychiatrischen Klinik in Radebeul landete vor Gericht. Ein Patient hatte zwei Ärzte angegriffen und geschlagen.
Ein Vorfall in der Psychiatrischen Klinik in Radebeul landete vor Gericht. Ein Patient hatte zwei Ärzte angegriffen und geschlagen. © Norbert Millauer

Meißen/Radebeul. Der Psychiater und ehemalige Chefarzt der Psychiatrischen Klinik in Radebeul hat in seiner langen Laufbahn einiges erlebt. "Es kommt schon mal vor, dass Patienten randalieren und Sachen beschädigten. Aber einen Vorfall dieser Art gab es bisher noch nie", sagt der 66-Jährige, der inzwischen im Ruhestand ist. Was ist passiert in der Klinik in jenem Juli vor drei Jahren? Ein damals 34-jähriger Meißner war gerichtlich in die Psychiatrie eingeliefert worden, nachdem er in der Werkstatt eines psychosozialen Vereins Mitarbeiter bedroht hatte. Bereits zwei Monate zuvor soll er einen dort Angestellten mit einem Beil beworfen und diesen am rechten Schienbein getroffen haben.

In der Psychiatrie randaliert er weiter, nachdem ihm eröffnet wurde, dass er dort weiterhin bleiben muss. Er soll daraufhin dem Chefarzt zweimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen und in eine Zimmerecke geschleudert haben. Danach nahm er sich im Gang einen Oberarzt vor. Er soll ihn gegen ein Bett gedrückt und versucht haben, diesen ebenfalls ins Gesicht zu schlagen und zu würgen.

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"Inneren Zwang" verspürt

Der mittlerweile 36-Jährige räumt die Vorwürfe "im Großen und Ganzen" ein. "Ja, ich hatte ihn in der Mangel", sagt er zu dem Vorfall mit dem Chefarzt. "Ich hatte mich von den Ärzten angegriffen, bedroht und verraten gefühlt, verspürte einen inneren Zwang, den ich nicht kontrollieren konnte, mich zu wehren und die Ärzte anzugreifen", sagt er.

Er führt dies auf eine Krankheit zurück, welche er seit Geburt hat. Er leidet unter dem Gorlin-Goltz-Syndrom, einer äußerst seltenen Erbkrankheit, welche in Deutschland nur etwa 100 Mal vorkommt, erklärt der psychiatrische Gutachter Dr. Jan Lange von der Universitätsklinik Dresden. Es ist ein Syndrom, dem eine Genmutation zugrunde liegt und das unter anderem zu erhöhtem Krebsrisiko im Kindesalter, Zystenbildung und morphologischen Veränderungen des Kopfes wie Deformationen führt. Die Krankheit kann aber auch psychiatrische Phänomene wie manisch-depressives und aggressives Verhalten und Wahnvorstellungen auslösen. So habe er beispielsweise seinen Großvater, bei dem er aufwuchs, als Fabelwesen verkannt.

Er sei durch seine Eltern vorbelastet. Auch sie hatten die Krankheit, seien beide wie er Alkoholiker gewesen. Der Vater starb daran, die Mutter lebt in einer geschlossenen Einrichtung. Nach Einschätzung des Gutachters sei seine Steuerungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt, aber nicht aufgehoben gewesen. Mit anderen Worten: Er ist schuldfähig, wenngleich auch eingeschränkt.

Ein Meister der Täuschung

Nicht geklärt werden kann die Sache mit dem Beil. Der Geschädigte, selbst eingeschränkt, kann sich an den Vorfall nicht oder kaum erinnern. Es entsteht der Eindruck, dass er Angst vor dem Angeklagten hat. In diesem Punkt jedenfalls muss der Mann freigesprochen werden.

Für die Angriffe auf die Ärzte verurteilt das Gericht den mehrfach auch einschlägig vorbestraften Mann wegen Körperverletzung, wie von Staatsanwalt Andreas Ball beantragt, zu einer Haftstrafe von vier Monaten, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. "Sie sind brutal auf die beiden Ärzte losgegangen, hatten Glück, dass nicht mehr passiert ist. Durch Ihre Tat haben Sie unter dem Personal und den anderen Patienten in der Klinik Angst und Schrecken verbreitet", sagt Richterin Petra Rudolph.

Der ehemalige Chefarzt findet das Urteil in Ordnung. Allerdings glaubt er den Aussagen des Angeklagten, den er seit Jahren kennt, nicht. "Die Tat hat mit seiner Erkrankung nichts zu tun. Er ist ein Meister der Täuschung", sagt er. Der Angeklagte sei aufgrund seiner biografischen Entwicklungsbesonderheiten nicht in der Lage, mit Frustrationen umzugehen und setze seine Wünsche in aggressiver Art und Weise durch, sagte er der SZ.

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