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Meißen
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Ohne Reisepass in der Ukraine

Der Hilfstransport kommt mit der Erkenntnis zurück, dass Hilfe täglich wichtiger wird. In Meißen warten Gutscheine, Wohnraumbörse und Dolmetscher.

Von Marvin Graewert & Andre Schramm
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Von seiner Hilfsmission bringt Pastor Marc-Alexander Schmidt (Mitte) die Erkenntnis mit, dass Hilfe auch in den nächsten Monaten unverzichtbar bleibe. Hier mitten im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, vor dem Zoll.
Von seiner Hilfsmission bringt Pastor Marc-Alexander Schmidt (Mitte) die Erkenntnis mit, dass Hilfe auch in den nächsten Monaten unverzichtbar bleibe. Hier mitten im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, vor dem Zoll. ©  privat

Meißen. Eigentlich sollte der Transport mit Kriegsflüchtlingen auf dem Rückweg nach Meißen sein, doch dann erreicht die Redaktion ein abgehackter Anruf aus den polnischen Wäldern. Am Apparat ist Pastor Marc-Alexander Schmidt aus dem Hilfskonvoi des Pfadfinder-Fördervereins: "Dieses Mal haben wir uns auf ein richtiges Abenteuer eingelassen", so Schmidt.

Notstromaggregate, Medikamente, medizinische Ausrüstung, Kochplatten, Fleischkonserven und Fleecejacken, alles hatten sie eingepackt. Sogar noch ein paar letzte Powerbanks ergattert und Würstchen im Großhandel leergekauft. Doch ausgerechnet den Reisepass vergessen: "Wir dachten, wir treffen uns zwischen der Grenze und glaubten, dafür brauchen wir keinen Pass", berichtet Schmidt, der ohne böse Absicht an ein paar polnischen Schildern vorbeifuhr und so den Zoll auf sich aufmerksam gemacht habe. Am Ende ging alles gut, weil die Grenzbeamten beide Augen zugedrückt hätten: "Dennoch war es eine herausfordernde Situation", sagt Schmidt, dem noch einmal klar wurde, wie wertvoll das Schengen-Abkommen doch sei und man zuletzt zu DDR-Zeiten mit so einer Situation konfrontiert war.

Letztlich konnte die Mission, die Hilfsgüter an einen ukrainischen Aktivisten-Transport abzuliefern, mit drei Stunden Verspätung absolviert werden. Die 29 Plätze der Busse haben sie nicht vollbekommen. Dabei sei die neue Route über den polnischen Ort Chełm bewusst ausgewählt worden, weil dort nicht so viele Hilfstransporte entlangfahren. Doch am Freitag seien kaum Geflüchtete angekommen. Schmidt hört von Bombenangriffen auf dieser Fluchtroute – überprüfen kann das selbst so nah an der ukrainischen Grenze niemand. Auf jeden Fall hätten gespenstische Zustände geherrscht. Also geht die Reise weiter zu dem über 200 Kilometer entfernten Grenzort Przemyśl. Dorthin hatte schon die erste Fahrt geführt.

Die riesigen Flüchtlingslager, die dort aufgebaut wurden, hätten bei Schmidt ein Déjà-vu ausgelöst: "Das haben wir alles schon einmal 2015 erlebt. Das beste, was wir jetzt tun können, ist Wohnungen zu stellen." Zumindest warten in Meißen die nötigen Hilfsangebote und es werden immer mehr.

Wohnraumbörse, Dolmetscher, Spendensammlung

Relativ neu ist auch das Hilfsangebot für Übersetzungen. Der Verein hat dazu auf seiner Webseite Dolmetscher und ihre Kontakte gelistet, die bei Bedarf angerufen werden können. Wichtig: Das Angebot ist tatsächlich als telefonische und nicht persönliche Übersetzungshilfe gedacht. Nach dem Vorbild von 2015 wurden außerdem die Flüchtlings-Patenschaften zurück ins Leben gerufen. Es geht hauptsächlich um Behördengänge.

Am Mittwoch ging ein neues Portal online, um Wohnungen für Ukraine-Flüchtlinge in der Stadt Meißen und dem Landkreis zu melden. Wie Sören Skalicks vom Verein "Buntes Meißen" erklärte, könne über die neue Webseite (www.zuhause-in-meissen.de) auch Wohnungsbedarf für ukrainische Familien angemeldet werden. Die Meißner Agentur "pdir" hatte bei der Programmierung des neuen Online-Angebots unkompliziert geholfen. Geprüft würden die Wohnungen vorher nicht. Man verlasse sich auf die Seriosität der Anbieter, hieß es. "Gesucht werden auch Wohnungen, in denen Haustiere erlaubt sind", sagte Skalicks. Einige Flüchtlinge hätten ihre Haustiere mitgebracht. Alle haben es nicht nach Deutschland geschafft. Eine Frau aus der Ukraine, die bereits seit einer Woche in Deutschland ist, berichtet von zurückgelassenen Haustieren an Bahngleisen.

Auch die Stadt Meißen führe Gespräche mit der Wohnungsgesellschaft Seeg über Unterbringungsmöglichkeiten für Geflüchtete aus der Ukraine. Auf der Stadt-Webseite können sich Betroffene über Hilfsangebote informieren. Die Seite wird stetig aktualisiert. Zudem gibt es seitens der Meißner Bevölkerung eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft. Sehr viele wollen helfen und stellen privaten Bestand als Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Etwas länger, seit dem 4. März sammelt der Verein Geldspenden für Lebensmittelgutscheine. Auf diesem Weg waren in den ersten sechs Tagen der Aktion schon über 6.000 Euro zusammengekommen. "Die Spendenbereitschaft ist riesig", erklärte der Geschäftsstellenleiter weiter. Jeden Tag gingen mehrere Geldbeträge auf dem Konto ein. Finanziert werden damit Lebensmittelgutscheine (je 50 Euro) für Flüchtlinge, die bei Lidl bzw. im Kaufland eingelöst werden können. "Bis Mittwochmittag hatten wir bereits Gutscheine in Höhe von etwa 2.000 Euro ausgegeben", so Skalicks.

Auch die Sammelstelle an der Porzellanmanufaktur bleibt bestehen. Die Hilfsgüter gehen an die "Nothilfe Ukraine" des „Deutschen Roten Kreuzes“ und die Initiative „Direkthilfe Dresden“, die sich um die Weitergabe und Verteilung kümmern. Benötigt werden vor allem Verbandsmaterial und Medikamente.