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Corona-Luftfilter nur Luftnummer?

Eltern, Politiker und Lehrer im Kreis Meißen bezweifeln die Sinnhaftigkeit der Virenreiniger und würden das Fördergeld lieber für andere Zwecke einsetzen.

Der Bund möchte die Schulen für 200 Millionen Euro mit Luftreinigern ausstatten. Im Kreis Meißen ist das Geld nicht unbedingt willkommen.
Der Bund möchte die Schulen für 200 Millionen Euro mit Luftreinigern ausstatten. Im Kreis Meißen ist das Geld nicht unbedingt willkommen. © dpa

Meißen. Mit 200 Millionen Euro möchte die Bundesregierung in einer vierten Corona-Welle nach den Ferien dafür sorgen, dass die Luft in den deutschen Klassenzimmern virenfrei bleibt. Was auf den ersten Blick als sehr großzügige Geste erscheint, könnte sich schnell als heiße Luft erweisen. Einer, der genau nachgerechnet hat, ist der Meißner Kreisrat und Vorsitzende der sogenannten Großfraktion im Stadtrat Meißen, Martin Bahrmann (FDP).

Hat akribisch gerechnet: Der Meißner Liberale Martin Bahrmann kann nachweisen, dass das Luftfilter-Förderprogramm des Bundes niemals für alle Klassenzimmer reichen kann.
Hat akribisch gerechnet: Der Meißner Liberale Martin Bahrmann kann nachweisen, dass das Luftfilter-Förderprogramm des Bundes niemals für alle Klassenzimmer reichen kann. ©  Archivfoto: Claudia Hübschmann

Im Internet hat der Liberale herausgefunden, dass ein Gerät zwischen 1.000 Euro und 3.000 Euro kostet. Bei der Wahl der billigsten Version könnte Sachsen für den ihm zustehenden Anteil Bahrmanns Kalkulation zufolge 20.000 Luftreiniger anschaffen. Das Problem dabei: Im Freistaat existieren mehr als 1.300 öffentliche Schulen. Dazu kommen nochmals gut 500 Privatschulen. Jeder Einrichtung würden demnach zehn Geräte zustehen.

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Diese Quote wäre, auf das Beispiel des Meißner Franziskaneums angewandt, der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Die Schule zählt zu den größten Gymnasien im Kreis und läuft fünf- bis sechszügig. Aktuell werden 31 Klassen gleichzeitig unterrichtet. Der FDP-Politiker fragt sich vor diesem Hintergrund, wie eine Auswahl erfolgen soll. Wer entscheidet nach welchen Kriterien, wo ein Luftreiniger steht beziehungsweise fehlt?

Insgesamt wären in Meißen, einer nicht besonders großen Stadt, nach seinen Recherchen rund 200 Schulräume auszustatten. Dies entspräche einem Prozent des sächsischen Kontingents. "Es ist und bleibt eine riesige Mogelpackung sowie Aktionismus, den wieder nur die großen und schnellen Städte mit leistungsfähigen Rathäusern bedienen werden können." Der Liberale verweist darauf, dass die Mittel bis Ende des Jahres abgeflossen sein müssen. Ungeklärt sei zudem die Frage, wer für die nicht gerade preiswerte Wartung aufkomme.

Kinder nach Leistung in Gruppen aufteilen

Klare Worte kommen auch vom Meißner Kreiselternrat. "Die aktuell diskutierten Luftreinigungsanlagen können nur ein kleiner technischer Teil sein, um die Virenlast in den Klassenzimmern in der kalten Jahreszeit zu reduzieren. Sie sind kein Allheilmittel", heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung. Der Vorsitzende Sven Auerswald fragt sich vor diesem Hintergrund, ob das viele Geld nicht besser genutzt werden könnte, um beispielsweise die baulichen Mängel an den Schulen zu beseitigen. In diesem Zusammenhang verweist er etwa auf das Dach der Meißner Triebischtalschule, welches saniert werden müsste.

Statt auf pauschale Lösungen zu setzen, sollte nach Ansicht Auerswalds individuell und differenziert vorgegangen werden. So könne er sich vorstellen, priorisiert jene Kinder und Jugendliche in den Präsenzunterricht zu holen, denen das Lernen von zu Hause eher schwergefallen sei.

Für den Sächsischen Lehrerverband verweist dessen Vorstand Jens Weichelt darauf, dass die Debatte um den Wirkungsgrad der Luftreiniger nach wie vor sehr kontrovers geführt werde. Einige Kommunen seien als Schulträger allerdings vorgeprescht und investierten im vergangenen Jahr auf diesem Gebiet in hochwertige Technik. Seinen Erfahrungen zufolge hätte sich dies durchaus ausgezahlt.

Er kann sich vorstellen, dass die Lüfter auch nach Abklingen der Pandemie, beispielsweise während der jährlichen Grippewelle sinnvoll und mit guten Ergebnissen zum Einsatz kommen könnten. Flächendeckende Schulschließungen während einer möglichen vierten Welle lehnt Weichelt kategorisch ab. Es müsse immer nach der konkreten Betroffenheit entschieden werden.

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Selbst das Meißner Rathaus, wo man angesichts der hohen Förderquote Mitnahmeeffekte vermuten könnte, äußert sich am Dienstag skeptisch. "Lüftungsfilter sind wohl nur dort angezeigt, wo keine natürliche Lüftung infrage kommt, ansonsten bleibt das Stoßlüften die wirksamste Methode gegen eine Virenbelastung in den Klassenzimmern", heißt es aus der Pressestelle. Aktuell prüfe die Verwaltung, in welchen derzeit genutzten Räumen vielleicht tatsächlich keine natürliche Belüftung möglich sei. "Doch selbstverständlich sind nahezu alle Räume in den Meißner Schulen mit Fenstern ausgestattet", so die Pressestelle.

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