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Das große Rechnen im Gerichtssaal

Ein Radebeuler soll mit 2,42 Promille mit dem Auto gefahren sein. Er tischt immer wieder neue Varianten auf.

Nach der Alkoholfahrt will der Angeklagte noch eine Flasche Bier und ein großes Glas Wein getrunken haben. Zu widerlegen ist ihm das nicht.
Nach der Alkoholfahrt will der Angeklagte noch eine Flasche Bier und ein großes Glas Wein getrunken haben. Zu widerlegen ist ihm das nicht. © dpa-tmn

Meißen. Der 52-Jährige ist am Abend des 5. Februar dieses Jahres auf dem Nachhauseweg von Dresden. In Radebeul fällt ihm ein vor ihm fahrender VW Passat auf. Dessen Fahrer begeht mehrere gravierende Fehler. Ordnet sich links ein, blinkt links, fährt dann aber doch gerade aus. Der Fahrer eines Peugeot kann gerade noch einen Zusammenstoß verhindern. Offenbar hat der Passat-Fahrer Probleme, die Spur zu halten, orientiert sich an den Straßenbahnschienen. Immer wieder gerät er auf die Gegenfahrbahnen. Erst als Gegenverkehr kommt, zieht er auf der vierspurigen Straße wieder nach rechts.

Der Mann, der das die ganze Zeit aufmerksam beobachtet, hat wohl einen besonderen Blick dafür. Er ist Rechtsanwalt. Und ruft schon im Auto die Polizei. Denn der Mann, der da in dem Passat Schlangenlinien fährt, ist offenbar ziemlich betrunken.

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Das bestätigt sich auch, nachdem der Fahrer ausgestiegen ist, schwankend und torkelnd in den Hauseingang geht, dabei die gesamte Breite der Einfahrt braucht. Nach langen 30 Minuten trifft die Polizei ein. Klingelt bei dem 57-jährigen Mann, macht einen Atemalkoholtest. Das Ergebnis wird später im Krankenhaus mit einem Blutalkoholtest bestätigt. Der ergibt eine Blutalkoholkonzentration von 2,43 Promille.

Nun sitzt der Radebeuler wegen vorsätzlicher Trunkenheit im Verkehr vor dem Meißner Amtsgericht. Gegenüber den Polizisten hatte er zunächst behauptet, nicht gefahren zu sein. Als klar wird, dass er beobachtet wurde, gibt er das zu, will aber nach der Fahrt bis zum Eintreffen der Polizei Bier getrunken haben. So ist es auch im Protokoll der Blutentnahme vermerkt.

Zur Verhandlung nun eine weitere Variante. Sein Mandant habe nach der Fahrt noch eine Flasche Bier und ein großes Glas Rotwein getrunken, und das innerhalb von 30 Minuten. Mal abgesehen von der merkwürdigen Kombination war zuvor von Wein nicht die Rede.

Der Angeklagte trinkt offenbar regelmäßig

Die Absicht ist klar. Der Angeklagte und sein Verteidiger wollen durch den angegebenen Nachtrunk den Alkoholwert drücken, möglichst auf unter 1,6 Promille. "Wenn es Ihnen darauf ankommt, brauchen wir ein Gutachten", sagt Richter Michael Falk. Ein solches sehr teures Begleitstoffgutachten könnte ziemlich genau darüber Aufschluss geben, wann der Angeklagte was getrunken hat. Und möglicherweise einen Nachtrunk ad absurdum führen.

Denn eines ist merkwürdig: Zunächst zeigt der Angeklagte deutliche Beeinträchtigungen wegen des Alkohols. Als er noch mehr getrunken hat oder haben will, aber nicht mehr. Im Blutentnahmeprotokoll sind fast keine Ausfallerscheinungen vermerkt. Der Mann sei "leicht alkoholisiert", heißt es dort. Dies wiederum spricht bei einem Wert von 2,43 Promille dafür, dass der Angeklagte an Alkohol gewöhnt ist, regelmäßig große Mengen trinkt, wie Staatsanwalt Andreas Ball feststellt.

Der Richter will ein teures Gutachten ersparen, rechnet dafür selbst. Zugunsten des Angeklagten unterstellt er den Nachtrunk als wahr, das Gegenteil ist dem Mann jedenfalls nicht nachzuweisen. Und kommt durch diesen Nachtrunk auf einen Wert von maximal 1,17 Promille. Das ist bei einem Bier und einem Glas Rotwein ziemlich viel, liegt aber daran, dass der Angeklagte nur 65 Kilogramm wiegt. Bei einem 100-Kilo-Mann wäre der Wert deutlich geringer. Nach dieser Rechnung bliebe also nach der Fahrt und ohne den Nachtrunk ein Alkoholwert zwischen 1,2 und 1,3 Promille. Also auch im günstigsten Falle ein Wert von mehr als 1,1 Promille, den Juristen als absolute Fahruntauglichkeit werten.

Der Verteidiger will aber noch mehr, plädiert statt vorsätzlicher Trunkenheit auf Fahrlässigkeit. Sein Mandant habe sich fahrtüchtig gefühlt, behauptet er. Dem widersprechen aber die Aussagen des Zeugen, eines seiner Kollegen. Diesem wirft er "erhebliche Belastungsmomente" vor, er habe die Sache dramatisiert. Ins Gesicht sagt er ihm das nicht, sondern erst, als der Zeuge den Saal verlassen hat.

Richter: Es war Vorsatz

Staatsanwalt und Richter sehen das freilich ganz anders, halten den Zeugen für sehr glaubwürdig. Dieser habe sehr detailliert und ohne Verfolgungseifer die Situation geschildert, so Richter Michael Falk. Die Fahrt sei erkennbar gefährlich gewesen. Der Angeklagte habe erkannt, dass er fahruntüchtig sei, dies aber billigend in Kauf genommen. Es gäbe klare Ansatzpunkte für Vorsatz, sagt er und verurteilt den Mann zu einer Geldstrafe von 750 Euro, berücksichtigt dabei, dass der Angeklagte geständig und nicht vorbestraft ist. Außerdem bekommt er drei Punkte in Flensburg.

Viel mehr trifft diesen aber, dass die Fahrerlaubnis entzogen und der Führerschein eingezogen wird. Dieser wurde ihm schon am Tattag, also vor sieben Monaten, abgenommen. Jetzt muss er noch weitere fünf Monate auf ihn verzichten. Eine neue Fahrerlaubnis bekommt er aber erst nach einer medizinisch-psychologischen Untersuchung. Hier muss er unter anderem eine Alkoholabstinenz nachweisen.

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