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Das Lebenswerk ist abgebrannt

Ingrid Möbius arbeitete vier Jahrzehnte im Gasthof "Herr Gevatter" in Wölkisch bei Meißen. Mit dem Brand stirbt auch ein Stück Geschichte.

Der Dachstuhl über dem Saal ist komplett abgebrannt, auch auf das Dach des Haupthauses griff das Feuer über.
Der Dachstuhl über dem Saal ist komplett abgebrannt, auch auf das Dach des Haupthauses griff das Feuer über. © Claudia Hübschmann

Diera-Zehren. Es ist Sonnabendabend kurz vor 19 Uhr, als die Sirenen heulen. Ingrid Möbius schaut aus dem Fenster ihres Hauses in Wölkisch. Und sieht große, weiße, hell erleuchtete Rauchwolken. Sofort hat sie einen Gedanken: "Das wird doch nicht die Schenke sein." Sie zieht sich eine Jacke drüber, läuft in Richtung B 6. Unterwegs kommen ihr schon Leute entgegen. Jetzt ist es Gewissheit: "Die Schenke brennt." Die Schenke, das ist der Gasthof "Herr Gevatter". Ihre Schenke. Fast vier Jahrzehnte hat Ingrid Möbius hier gearbeitet, bis 2013. Dann hörte sie aus Altersgründen auf, verkaufte später das Haus.

"Als ich ankam, brannte es schon lichterloh. Das war sehr, sehr schlimm für mich", sagt die Wölkischerin. Sie sieht, wie gerade ihr Lebenswerk abbrennt. "Auch wenn ihr das Gebäude nicht mehr gehört, so hängt sie doch nach wie vor dran. "Schon meine Schwiegereltern haben hier gearbeitet und auch im "Gevatter" gewohnt", sagt sie. Die Wohnung, die sich im Obergeschoss befand, ist ausgebrannt. Und so geht auch ein Stück Familiengeschichte in den Flammen auf.

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Die Feuerwehren sind schnell da, können den Brand löschen. Der Sachschaden an und in dem Haus ist dennoch sehr groß.
Die Feuerwehren sind schnell da, können den Brand löschen. Der Sachschaden an und in dem Haus ist dennoch sehr groß. © Roland Halkasch

Es war Brandstiftung

Polizei und Feuerwehr sind sich schnell sicher, dass es sich nur um Brandstiftung handeln kann. Der Grund: Seit Jahren ist das Gebäude unbewohnt. Mehr noch: Der Stromanschluss ist ebenso lange abgeklemmt, schon ab dem Masten an der Straße. "Dass der Brand durch einen technischen Defekt ausgelöst wurde, ist demnach auszuschließen", sagt auch Swen Mücke, der Einsatzleiter der Feuerwehr Zehren. Gemeinsam mit Feuerwehren aus Niederlommatzsch, Meißen, Lommatzsch, Wachtnitz, Riesa, Hirschstein und Bärnsdorf bekämpfte diese den Brand. Erst gegen 1.30 Uhr war der Einsatz beendet.

Das Feuer ist im hinteren Bereich des Saales ausgebrochen, griff schnell auf den Dachstuhl über. Dieser ist weitgehend abgebrannt, auch der Saal ist nicht mehr nutzbar. Die Decke des Saales ist allerdings noch nicht heruntergekommen, sagt Swen Mücke. Die erste Etage ist zur Hälfte zerstört, während es im Erdgeschoss zwar nicht brannte, aber große Löschwasserschäden entstanden sind. Die Polizei hat den Sachschaden auf 100.000 Euro geschätzt. Allerdings war das Haus, das zum Verkauf stand, zuletzt mit 80.000 Euro Verkaufspreis ausgewiesen. Zuvor wollten es die Italiener, die es vor einigen Jahren gekauft hatten, für rund 142.500 Euro verkaufen. Sie selbst hatten es von Ingrid Möbius für 40.000 Euro erworben.

Der Gasthof "Herr Gevatter" ist ein massives Gebäude. "Trotz der Schäden durch Feuer und Löschwasser könnte man es wieder aufbauen, wenn man es wollte", schätzt Feuerwehrmann Mücke ein. Doch wer sollte das tun? Die Italiener haben sich doch schon mit dem geplanten Kunsthaus finanziell völlig übernommen, wollten den alten Gasthof auf dem 3.800-Quadratmeter-Grundstück mit Nebengebäude auf dem Hof, Garagen, einer Scheune und großem Parkplatz loswerden.

Wer sind die zwei Männer?

Brandermittler der Polizei sind nun vor Ort, hoffen, die Brandstifter zu finden. Sollten sie tatsächlich gefasst werden, wird es für sie sehr ungemütlich. Auf schwere Brandstiftung steht eine Mindeststrafe von fünf Jahren Gefängnis.

Klar ist, dass unbewohnte Gebäude eine bestimmte Klientel anziehen wie Motten das Licht. Hat da etwa jemand gehaust? Ingrid Möbius schließt das aus. "Das hätte man hier im Ort im Laufe der Zeit sicher bemerkt", sagt sie. Bemerkt haben Anwohner aber etwas anders. Wie die Polizeidirektion Dresden auf Nachfrage mitteilte, hätte sich bei einer Befragung ergeben, dass sich am Freitag zwei Personen in Wölkisch aufhielten, die da nicht hingehören. Wer das war und ob diese mit der Tat in Verbindung gebracht werden können, wird Inhalt der laufenden Ermittlungen sein.

Klar ist, dass mit dem Gasthof "Herr Gevatter" nicht einfach ein Haus abgebrannt ist, sondern ein sehr geschichtsträchtiges Gebäude. Seinen Namen hat es nämlich Napoleon zu verdanken. Der Kaiser übernachtete hier am 10. September 1812. Die Frau des damaligen Besitzers war hochschwanger und gebar in dieser Nacht ein Kind. Napoleon wurde von dem Ehepaar gebeten, die Patenschaft für das Kind zu übernehmen. Der Kaiser sagte zu und wurde der Taufpate, der Gevatter, des Kindes. Gevatter ist die altertümliche Bezeichnung für Pate.

Der Kaiser ist allerdings nicht im Taufbuch eingetragen. Offiziell konnte er nämlich gar kein Pate werden. Denn Napoleon war katholisch, das Ehepaar evangelisch. "Clara Henriette Petermann bekam mehrere Kinder, die alle sehr zeitig starben. Nur das Kind, von dem Napoleon Taufpate war, wurde 30 Jahre alt", erzählt Ingrid Möbius, die sich mit der Geschichte befasst hat.

Allerdings übernachtete Napoleon auch nicht in dem heutigen, jetzt abgebrannten Gebäude, sondern in dem Vorgängerbau, der sich daneben befand. Mindestens seit 1732 wurde dieser Gasthof betrieben. Der erste namentlich bekannte Gastwirt war Johann Christian Tamme, der das Gasthaus von 1732 bis 1761 betrieb. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Vorgängerbau schon 1642. Auch er fiel Flammen zum Opfer.

"Jetzt ist alles vorbei"

Nach dem Brand ist nun so gut wie sicher, dass es mit dem Gasthof "Herr Gevatter" nichts mehr wird. "Jetzt ist alles vorbei. Dabei hatte ich so gehofft, dass sich doch jemand findet, der das Haus wieder betreibt", sagt Ingrid Möbius. Sie steht noch immer unter Schock, den sie nur langsam verdaut: "Es ist wirklich sehr schlimm für mich. Wenigstens weine ich jetzt nicht mehr."

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