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Das Paradies der Kaiserin

Petra Kaiser aus Weinböhla wagt mit fast 50 einen Neuanfang. Sie macht sich in Golk selbstständig als Friseurin. Und das mitten in der Coronakrise.

Weil sie ihren Haarsalon wegen Corona noch nicht öffnen darf, ist Petra Kaisers zehnjähriger Sohn William als Model für das Foto eingesprungen.
Weil sie ihren Haarsalon wegen Corona noch nicht öffnen darf, ist Petra Kaisers zehnjähriger Sohn William als Model für das Foto eingesprungen. © Claudia Hübschmann

Diera-Zehren. Die Visitenkarten sind schon lange gedruckt. „Haarstudio Petra Kaiser - neu ab 1.2.2021“. Mit fast 50 wagt die gebürtige Weinböhlaerin einen mutigen Schritt: Nachdem sie 28 Jahre in einem großen Friseurunternehmen in Weinböhla und Coswig, bei dem sie schon gelernt hat, angestellt war, eröffnet sie jetzt in Golk ein eigenes Haarstudio. Der Liebe wegen ist sie in den kleinen Ort der Gemeinde Diera-Zehren gezogen, nachdem sich sie und ihr Mann nach fast 33 gemeinsamen Jahren getrennt hatten. In Golk hat die dreifache Mutter nun ihre neue Liebe gefunden. Und ist rundum glücklich: „Das hier ist mein Paradies“.

Doch es gibt noch einen Grund, warum sie kündigte, mit 49 noch einmal neu anfängt, privat wie beruflich: „Wenn man unglücklich ist, darf man nicht jammern, sondern muss sein Leben ändern“, sagt sie. Zuletzt war sie Salonleiterin. „Wir Friseurinnen standen permanent unter Zeitdruck. Ich habe mich nur noch gehetzt gefühlt, auf die Kundinnen und Kunden konnte man immer seltener individuell eingehen“, sagt sie.

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Zudem war sie lange krank wegen einer Schulterverletzung, wurde zweimal operiert. Jetzt ist sie wieder soweit hergestellt, dass sie arbeiten kann. „Die Krankheit war für mich eine sehr schwierige Zeit. Ich bin sehr stolz, dass ich mich durchgekämpft habe, habe neuen Mut gefasst“, sagt sie. Und dennoch: Den Druck hätte sie nicht mehr ausgehalten.

An zwei Tagen Hausbesuche

In Golk nun der Neuanfang mit einem kleinen, aber feinen Salon. Der befindet sich in einem Gebäudeteil, der früher mal Kuhstall, später Lager war. „Alles, aber auch alles musste neu gemacht werden. Es gab keinen Strom, kein Wasser, keine Toilette“, so die Neu-Golkerin. Vieles haben sie, ihr Partner und ihre drei Söhne selbst gemacht. „Mein Freund hat goldenen Hände, hat mich bedingungslos unterstützt, manchmal bis Mitternacht gearbeitet. Das ist für mich Glück“, sagt sie und lächelt zufrieden.

Wann es losgeht, weiß sie noch nicht, hofft, dass die Friseure bald wieder öffnen können. Termine hatte sie schon vereinbart und musste alle wieder absagen. „Obwohl ich noch gar nicht geöffnet habe, meldeten sie schon viele Stammkunden bei mir“, freut sie sich.

Drei Tage in der Woche wird sie ihr Haarstudio geöffnet haben. An zwei Tagen - immer dienstags und mittwochs - will sie auf Tour gehen, Hausbesuche machen. „Ich muss raus in die Welt“, sagt sie und lacht. Vor allem betagte Menschen, die ihr Zuhause kaum noch verlassen können, will die Friseurmeisterin dann schick machen. „Ich habe auch früher schon Hausbesuche gemacht, dabei viel Herzlichkeit und Dankbarkeit erlebt. Die alten Leute werden doch komplett im Stich gelassen“, sagt sie.

Tränen beim Motorradverkauf

Auch im Haarstudio sollen sich die Kundinnen und Kunden wohlfühlen, beispielsweise durch leise und ruhige Musik sowie gute Qualität. „Die Kunden wollen Ruhe haben, und der Kunde ist schließlich König“, sagt die Kaiserin. „Hier kann ich das tun, was mir vorher nicht möglich war: Mir meine Zeit individuell einteilen und auf die Kunden eingehen“, sagt sie.

Ist das nicht ein großes Wagnis, in dieser Zeit und im nicht mehr ganz jungen Alter noch mal ganz neu anzufangen, auch finanziell? „Natürlich braucht es dazu Mut. Ich habe in meinem Leben viel Schiffbruch erlitten. Jetzt aber bin ich am Ufer angekommen“, sagt sie. Verschulden musste sie sich nicht wegen des Salons, keinen Kredit aufnehmen. Wegen ihrer Schulterverletzung hatte sie ihr heiß geliebtes Motorrad verkauft. „Das war mein Kindheitstraum. Als ich es verkaufte, habe ich geheult. Aber mit dem Geld habe ich den Salon finanziert, mir einen anderen Traum erfüllt“, so Petra Kaiser.

Zum Glück ist ihr Partner auch ein Motorradfan. Und so fahren die beiden jetzt gemeinsam auf seiner BMW durch die Gegend. Und vielleicht, irgendwann, wird sie sich auch wieder ein eigenes Gefährt zulegen.

Ruhe und tiefes Glück

Petra Kaiser ist voller Tatendrang, möchte lieber heute als morgen ihr Haarstudio öffnen. Ganz ungelegen kommt ihr die Verzögerung nicht. Ihr Salon ist für Ortsunkundige schwer zu finden. Die Werbe- und Hinweisschilder sind gerade erst und somit doch noch rechtzeitig eingetroffen.

Die Kaiserin ist im Paradies angekommen, beruflich wie privat. „Ich liebe die Weinberge, ich liebe die Aussicht, ich gehe auf in der Gartenarbeit. Hier habe ich Ruhe, hier empfinde ich tiefes Glück“, sagt sie. Und wartet sehnsüchtig darauf, dass sie wieder arbeiten kann. Ebenso ihre Kunden, aber nicht nur die. Petra Kaiser schaut in den großen Spiegel, greift sich in die Haare, scheint ein wenig erschrocken: „Ich müsste mal wieder zum Friseur.“

Kontakt: Raupenberg 3, 01665 Diera--Zehren, Ortsteil Golk, Telefon 0157 54 46 33 96.

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