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Das Positive im Problem finden

Corona belastet Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis. Die Familientherapeutin Anett Große gibt Tipps für den richtigen Umgang mit dem Streitthema.

Die gebürtige Meißnerin Anett Große hilft als Therapeutin seit letztem Jahr verstärkt Menschen, die aufgrund der Corona-Krise zu ihr kommen.
Die gebürtige Meißnerin Anett Große hilft als Therapeutin seit letztem Jahr verstärkt Menschen, die aufgrund der Corona-Krise zu ihr kommen. © privat

Egal ob beim Osterspaziergang mit der Familie, beim Plausch unter Freunden oder in der Mittagspause auf Arbeit: Überall wird nur noch über das Thema Corona gesprochen. Wenn dann unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallen, knallt es oft schnell. Einige berichten von Gräben im Familienkreis, die extrem belastend sind. Manche haben sogar Freunde oder Familienmitglieder an die „Querdenker-Szene“ verloren und erkennen diese nicht wieder.

Hilfsangebote gibt es im Landkreis einige: So bietet die Erziehungs- und Familienberatungsstelle Meißen speziell für die Zeit der Quarantäne eine kostenlose und kontaktfreie Begleitung und Betreuung für Familien an, um zum Beispiel bei Konflikten zu schlichten. Eine generelle Zunahme der Gewaltbereitschaft seit der Corona-Pandemie gibt es allerdings nicht: „Die reinen Zahlen im Gegensatz zum Jahr 2019 lassen diesen Schluss nicht zu“, sagt Lukas Reumund aus der Polizeidirektion Dresden. So wurden im Landkreis Meißen im vergangenen Jahr 455 Straftaten häuslicher Gewalt erfasst. Demgegenüber steht das coronafreie Jahr 2019 mit 472 Straftaten.

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Die Familientherapeutin Anett Große hat seit 2017 eine Praxis für Systemische Therapie und Beratung in Radebeul. Seit Herbst letzten Jahres steigt die Zahl der Menschen, die familientherapeutische Unterstützung suchen. Auch ihre fünf Kollegen im Freien Integrativen Zentrum Radebeul (FIZ) erleben einen steigenden Bedarf.

Wie viele Anfragen zur Therapie aufgrund von „Corona-Problemen“ haben Sie bisher erhalten?

Die Anfragen lassen sich nicht auf das Corona-Problem eingrenzen. Die Menschen kommen mit individuellen Themen und berichten, dass sich die Probleme seit der Pandemie verstärken oder zu Tage treten.

Können Sie in dieser speziellen Zeit auch kurzfristig Hilfe anbieten?

Die Therapeuten, die in einer privaten Praxis arbeiten, können auch zeitnah Termine anbieten. Das sind Angebote für Selbstzahler. Benötigen Menschen Hilfe in Krisensituationen, die keine Möglichkeit haben, diese Angebote zu bezahlen, vermitteln wir diese zu psychosozialen Krisendiensten und in Beratungsstellen der Wohnorte.

Was sind die häufigsten Probleme, mit denen die Menschen aufgrund der Pandemie zu Ihnen kommen?

Die Problemlagen sind sehr vielschichtig. Familien leiden verstärkt unter Stress durch Kita- und Schulschließungen, dem Verlust von Tagesstruktur und Routinen. Kindern fehlt manchmal einfach der tägliche Weg zur Schule. Der gesamte Alltag spielt sich in der häuslichen Umgebung ab und so sind Stress und Konflikte vorprogrammiert. Einsamkeit macht sich breit, Freunde fehlen, aber auch die Gruppendynamik. Jugendliche berichten, es sei schwer den Grad zwischen wild und rebellisch sowie dem verantwortungsvollen Umgang mit der Pandemie zu finden.

Sind derzeit Therapiesitzungen vor Ort überhaupt möglich?

Ja, im FIZ gibt es ein Hygienekonzept, mit dem die Patienten und Therapeuten unter den Umständen so sicher wie möglich sind. Andererseits haben wir auch die Möglichkeit geschaffen, Onlinetherapie durchzuführen.

Welche sind die häufigsten psychischen Erkrankungen als Folge der Pandemie?

In der systemischen Therapie schauen wir weniger auf die Krankheit, sondern mehr auf die besonderen Lebenslagen, in denen sich die Menschen befinden. Kinder erleben diffuse Ängste und bei Erwachsenen sind es existenzielle Ängste. Deutlich spürbar ist auch, dass mehr Menschen mit Angst und Panikstörungen zu uns kommen. Sie leiden unter Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Viele berichten von Konzentrations- und Schlafstörungen.

Welche Strategien und Hilfestellungen können Sie anbieten, da der Umgang mit einer Pandemie für Sie ja auch ein neues Gebiet ist?

Die Unterstützungsmöglichkeiten sind gar nicht so neu. Wir arbeiten mit den Menschen, um wieder Zugang zu ihren Ressourcen zu finden, die sie aus ihrer Vergangenheit kennen. Wir versuchen, das Positive im Problem zu finden. Zum Beispiel, dass man jetzt mehr Zeit für die Familie hat. Julie, meine Therapiehündin, hilft den Menschen einen leichteren Zugang zu ihren Gefühlen zu finden.

Wie häufig kommt es vor, dass sich Familien und Freunde aufgrund der unterschiedlichen Ansichten zerstreiten?

Die Pandemie bringt uns alle an unsere Grenzen und jeder muss seinen Umgang damit finden. Die Anspannung drückt sich in Konflikten aus, die Familien aber auch Freundeskreise betreffen.

Woran liegt es, dass die Fronten bei diesem Thema so verhärtet sind?

Eine Jugendliche beschreibt die Situation so: „Ich fühle mich durch die Regelungen eingeschränkt, ja sogar bevormundet. Ich will einfach selber entscheiden, inwiefern ich mich einschränke oder eben nicht.“ Die Anderen sehen das eher als Rücksichtlosigkeit und pochen auf die Einhaltung der Regeln. Wenn sich die Diskussion zuspitzt, nehmen es die Beteiligten sehr persönlich und so entstehen Gräben.

Welche Tipps würden Sie in so einem Fall geben: In die Diskussion gehen oder sie lieber abbrechen?

Wenn sie merken, dass das Gespräch zu emotional wird, dann brechen sie lieber ab und finden einen neuen Zeitpunkt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Haben Sie Tipps für unsere Leser, was sie tun können, um besser durch die schwierige Zeit zu kommen?

Ich empfehle, viel frische Luft und spazieren gehen. Jugendliche sollten zumindest digital in Kontakt bleiben. In unserer Familie wird zum Beispiel zusammen gepuzzelt, sich gegenseitig ein Buch vorgelesen. Man kann sich auch etwas vornehmen, das im Alltag sonst keinen Platz hat, wie Bilderalben von letzten Urlauben gestalten, denn dabei werden schöne Erinnerungen aktiviert. Eine Klientin von mir vermisst Konzerte sehr. Eines Abends habe sie sich schick angezogen, ein gutes Glas Wein getrunken und sich ein Konzert von Charles Aznavour im Fernsehen angesehen. Das sei ein Abend gewesen, an den sie gerne zurückdenkt. Und ganz wichtig ist auch, das Thema Pandemie mal aus den Gesprächen zu verbannen, damit unser Gehirn etwas Zeit hat, sich von diesem Dauerstressthema zu erholen.

Das Gesundheitsamt Meißen empfiehlt folgende Anlaufstellen für Hilfe bei psychischen Problemen:

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Neben den 33 Psychotherapeuten sowie acht Kinder- und Jugendtherapeuten im Landkreis, der Sozialpsychiatrische Dienst sowie die Psychosozialen Kontaktstellen, die Telefonseelsorge, Beratungsstellen wie die Kirchenbezirkssozialarbeit, Ehe-, Familien- und Konfliktberatungsstellen, die bei umfangreichen Unterstützungsbedarf auch weitervermitteln.

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