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"Das Reisejahr können wir knicken"

Bodo Hausen vom Reiseservice Lommatzsch musste sich einen Zweitjob suchen. Und hofft auf bessere Zeiten. Irgendwann.

Reiseverkehrskaufmann Bodo Hausen vor seinem Reiseservice in Lommatzsch.
Reiseverkehrskaufmann Bodo Hausen vor seinem Reiseservice in Lommatzsch. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Es ist nur gut ein Jahr her, da hing der Himmel von Bodo Hausen noch voller Geigen. Der Lommatzscher hatte gerade das 25-jährige Bestehen seines Reiseservices gefeiert. Die Reiselust sei ungebrochen, Fernreisen und Kreuzfahrten lägen voll im Trend, die Buchungen seien top, sagte er damals . Er habe nicht einen einzigen Tag bereut, dass er sich selbstständig gemacht habe, so der gelernte Reiseverkehrskaufmann. Jedes Jahr sei besser gewesen als das vorherige. Dann kam Corona.

Kunden sind verunsichert

Auch jetzt sitzt Bodo Hausen fast jeden Tag in seinem Reisebüro am Markt. Allerdings nur von 13 bis18 Uhr. Kunden darf er nur auf Voranmeldung empfangen und wenn sie einen aktuellen negativen Corona-Test vorlegen. "Das schreckt die Leute ab", sagt er.

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Vormittags hat er anderes zu tun. "Ich musste mir einen Zweitjob auf 450-Euro-Basis suchen, um über die Runden zu kommen und den Unterhalt für meinen Sohn zahlen zu können", sagt der 50-Jährige. Praktisch das ganze vergangene Jahr war er mit Rückabwicklung von Verträgen beschäftigt. Das brachte nicht nur kein Geld ein, sondern die Provisionen waren auch weg. Und er hatte vor Ort den Ärger mit den Kunden. "Manche haben Flüge bei einem Billiganbieter gebucht und nach einem Jahr ihr Geld immer noch nicht zurück", sagt er.

Was ist denn mit den berühmten Mallorca-Reisen? "Diejenigen, die hingeflogen sind, kamen ganz begeistert zurück", sagt er. Und hält nicht hinter dem Berg, dass die Anzahl in äußerst überschaubarem Rahmen liegt.

Buchungen für dieses Jahr sind jedenfalls rar. "Die Nachfrage ist da, doch die Leute sind total verunsichert, haben keine Planungssicherheit, halten sich zurück", so der Lommatzscher. Er plant eine Gruppenreise im September an die Ostsee. Ob das klappt, weiß er nicht. "Es gibt zwar Buchungen, aber die halten sich in Grenzen. Davon kann ich meine Kosten nicht decken", sagt er. Bodo Hausen macht sich keine Illusionen: "Das Reisejahr 2021 können wir knicken".

"Dieses Jahr halte ich noch durch"

Dennoch will er nicht jammern. "So lange es staatliche Hilfen gibt, geht es einigermaßen", sagt er. Jedenfalls müsse er derzeit kein privates Geld mehr zuschießen. Und weiß, dass das nicht ewig so weitergehen wird. "Ich möchte Gesicht zeigen, so lange es geht. Dieses Jahr halte ich noch durch", sagt er.

Ein weiteres Problem ist, dass die großen Anbieter, mit denen er zusammenarbeitet, die Kunden jetzt direkt anschreiben, ihn praktisch übergehen, das Geschäft selbst machen. Mit der viel beschworenen Loyalität, sei es bei manchen vorbei.

Jedes zweite Reiseunternehmen werde die Krise nicht überleben, sagt er, nachdem Corona ausgebrochen war und sich die Folgen für die Reisebranche zeigen. Sein eigenes Unternehmen schloss er dabei ausdrücklich aus.

Der Optimismus ist inzwischen gewichen. Aufgeben will er aber nicht, könnte sich aber durchaus vorstellen, etwas anderes zu machen. "Ich bin ja Unternehmer geworden, um etwas zu unternehmen. Die Schublade ist jedenfalls voller Ideen", sagt er.

Und macht aber keinen Hehl daraus, dass er am liebsten weiter seinen Reiseservice betreiben würde. "Das ist nach wie vor mein Traumjob, das, was ich machen möchte. Mein großer Wunsch ist es, meine Mitarbeiterin wieder einstellen zu können", so Bodo Hausen. Die musste er im vergangenen Jahr entlassen.

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In gewisser Weise hatte der Lommatzscher schon 2020 hellseherische Fähigkeiten. Er sagte voraus, dass der Inlandtourismus zunimmt und dass es nach der Pandemie Billigpreise wie bisher, und eine Goldgräberstimmung wie nach der Wende nicht mehr geben wird. Das ist jetzt schon eingetreten. Ferienwohnungen seien in Deutschland deutlich teurer geworden und zum größten Teil ausgebucht, sagt er.

Bodo Hausen hofft nun auf das kommende Jahr. "Weihnachten sieht es wieder besser aus", sagt er. Weihnachten 2021. Oder vielleicht auch Weihnachten 2022.

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