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Dem Zeitungszusteller aufgelauert

Der Mann soll morgens um 4 Uhr in einem Dorf bei Nossen mit einem Riemen verprügelt worden sein. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Beim Zeitungsaustragen soll ein 61-jähriger Nossener brutal überfallen und misshandelt worden sein.
Beim Zeitungsaustragen soll ein 61-jähriger Nossener brutal überfallen und misshandelt worden sein. © Symbolfoto: André Schulze

Meißen/Nossen. Es ist kurz nach 4 Uhr am Morgen, doch ein 61-jähriger Nossener trägt um diese Zeit in einem kleinen Ortsteil der Stadt wie an jedem Tag Zeitungen und Werbung aus. Da soll plötzlich der Bewohner eines Hauses angestürmt gekommen sein und ihn mit den Worten: "Du Dreckschwein, ich schlage dich tot" mit einem Ledergürtel oder einer Hundeleine auf den Zeitungsausträger brutal eingeschlagen haben. Angeblich habe der Mann Müll auf dessen Grundstück entsorgt, genauer gesagt Bierdeckel. "Der Mann hat mich gegen die Brust geschlagen, ich fiel zu Boden, dann hat er mir etliche Hiebe versetzt. So schnell wie er kam, war er auch wieder verschwunden", so der Geschädigte. Er hat etliche Blutergüsse am Gesäß und an den Oberschenkeln, erstattet Anzeige bei der Polizei.

Bierdeckel auf Grundstück geworfen?

Nun sitzt der 50-jährige mutmaßliche Schläger wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Er will sich zu den Vorwürfen nicht äußern, was sein gutes Recht ist. Spannungen zwischen den beiden gibt es wohl schon länger. Der Angeklagte hat auf seinem Grundstück eine Wildkamera installiert. Damit will er den Zeugen überführt haben, wie dieser Bierdeckel auf sein Grundstück wirft.

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Das bestätigt auch dessen Lebensgefährtin, die als Zeugin aussagen muss. Sie und der Angeklagte hätten an jenem Tag um vier Uhr und im Dunkeln das Grundstück nach Bierdeckeln abgesucht, aber nichts gefunden. Dann hatten sie sich an einem Holzhaufen versteckt und auf den Angeklagten gewartet, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Sie haben ihm buchstäblich aufgelauert, wussten, dass er um diese Zeit auftaucht. Tatsächlich habe der Mann in die Tasche gegriffen und Bierdeckel auf das Grundstück geworfen, behauptet sie. Der Angeklagte habe den Mann zur Rede stellen wollen. Glaubt man ihrer Aussage, muss es ein sehr freundliches Gespräch gewesen sein. Und nein, geschlagen habe er den Mann natürlich nicht. Und die Fotos, die den Geschädigten überführen sollten, hat sie leider gelöscht.

Hat der 61-Jährige denn nun Bierdeckel auf das Grundstück geworfen? Seine Antwort ist ausweichend. "Daran kann ich mich nicht erinnern."

Dubiose Schreiben im Dorf

Die Sache hat ein Nachspiel, und daran ist der Zusteller nicht unschuldig. Er verbreitet im Dorf ein Rundschreiben. Darin teilt er mit, dass gegen den mutmaßlichen Schläger ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung laufe. Der Mann habe ihn "mit nazihaften Methoden" zusammengeschlagen. Jahrzehntelang sei das Dorf friedlich gewesen. Dies habe sich erst geändert, seit der Angeklagte dort wohne. Dieser habe sogar versucht, seine 87-jährige Mutter einzuschüchtern. Es sei besser, wenn die Familie dahin zurückkehre, wo sie herkommen sei, schreibt er.

Der Angegriffene revanchiert sich mit einem Schreiben, das zwar anonym ist, welches er aber einem Dorfbewohner persönlich übergibt. Dieser, ein Jurist, ist empört. In dem Schreiben wird der 61-Jährige als "mieses Dreckschwein" und "linke Bazille" verunglimpft. "Das ist sehr ärgerlich und beleidigend. Ich kenne den Mann seit 30 Jahren und habe ihn als sehr angenehmen und hilfsbereiten Menschen kennengelernt", so der Zeuge.

Das Problem ist, dass es keine neutralen Zeugen gibt. Der Geschädigte hatte zwar Verletzungen, aber ob ihm diese der Angeklagte zugefügt hat, ist nicht sicher nachzuweisen. Dass es einen Vorfall gab, ist unstrittig, doch was genau passiert ist, kann nicht aufgeklärt werden. So bleibt dem Gericht nur, das Verfahren einzustellen.

Allerdings einigen sich die Parteien darauf, dass der Angeklagte an den Geschädigten wegen eines nicht aufgeklärten Falles 500 Euro zahlt. Zudem werden beiden Seiten zum Stillschweigen zu dieser Vereinbarung verpflichtet. Rundschreiben im Dorf dürfte es also diesmal nicht geben.

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