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Vergesst die Demenzpatienten nicht

Corona hat feste Routinen zerstört und demente Menschen hart getroffen. Masken empfinden sie teils als persönliche Beleidigung. Ein Besuch in der Demenz-WG in Weinböhla.

Vor vier Jahren haben sich Gundula Rudolf und Erika Eckert haben sich in der Demenz-WG in Weinböhla kennengelernt.
Vor vier Jahren haben sich Gundula Rudolf und Erika Eckert haben sich in der Demenz-WG in Weinböhla kennengelernt. © Claudia Hübschmann

Gundula Rudolf hält kurz inne und fixiert ihre Pflegerin eindringlich: „Bei Ihnen denke ich immer, dass ich Sie von früher kenne“, entfährt es der 84-Jährigen. „Ich weiß nicht, wie das kommt: Jedes Mal denke ich das.“ Dass sie von ihr schon jahrelang gepflegt wird, vergisst sie immer wieder. Vor vier Jahren ist Gundula Rudolf von einem Haus am See in Mecklenburg-Vorpommern in die Demenz-WG mit Teich nach Weinböhla gezogen. Seitdem ist ‚früher‘ zu einem dehnbaren Begriff geworden; überzogen von einem grauen Schleier. Wie etwa 1,6 Millionen andere Deutsche auch, lebt Gundula Rudolf mit einer Demenzerkrankung.

Das Familienministerium prognostiziert sogar, dass sich die Zahl in den nächsten 30 Jahren verdoppelt. Und trotzdem versuchen wir so gut es geht zu vergessen, dass es auch uns treffen könnte. Denn über der Krankheit schwebt die Angst, durch die Diagnose ausgegrenzt zu werden, berichtet Niederlassungsleiterin, Dorit Birke. „Dabei nimmt bei einer Krebserkrankung oder einem Schlaganfall doch auch niemand ein Blatt vor den Mund.“ Die Krankheit würde zu Unrecht stigmatisiert – schließlich sei alles eine Frage der richtigen Pflege: „Wer glücklich ist, fühlt sich in der Einrichtung heimisch und sträubt sich auch nicht gegen seine Medikamente.“ Voraussetzung dafür: Feste Routinen, um eine Ordnung zu schaffen, an der sich die Menschen orientieren können. Kann das in einer unsicheren Pandemie funktionieren?

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Erheblicher kognitiver Abbau im Pandemie-Jahr

Wenn Dorit Birke im Haus unterwegs ist, muss sie immer wieder anhalten, um ihre Maske zu lüften. „Anders erkennen viele Demenzpatienten nicht, ob ich Ihnen wohlgesonnen bin.“ Viele könnten das nur anhand der Mimik erkennen. „Für Menschen mit Demenz kann es notwendig sein, das ganze Gesicht zu sehen, um eine Person zu erkennen“, bestätigt Markus Donix, Leiter der Universitäts-Gedächtnisambulanz in Dresden. Große Namensschilder oder Fotos an der Kleidung würden daran nichts ändern.

Noch nie waren die Verständnisproblemen so groß, klagt Niederlassungsleiterin Dorit Birke.
Noch nie waren die Verständnisproblemen so groß, klagt Niederlassungsleiterin Dorit Birke. © Claudia Hübschmann

„Lange haben wir versucht, das mit ganz viel Humor aufzufangen“, so Dorit Birke. „Anfangs haben wir gescherzt, aber mittlerweile dauert die Pandemie einfach zu lange an: Durch die andauernden Einschränkungen, hat ein erheblicher kognitiver Abbau stattgefunden.“

Weil sich die Bewohner im Haus immerhin frei bewegen können, gebe es zwar Verständnis für die aktuellen Maßnahmen. „Aber es gibt auch Bewohner, die sich durch die Maske persönlich beleidigt fühlen. Es lässt sich eben nicht alles erklären: Das führt zu so vielen Verständnisproblemen wie noch nie.“ Eine solche Verärgerung sei nichts Persönliches, ordnet Donix ein. Vielmehr ein Ausdruck von Unwohlsein und Verunsicherung: „Menschen mit Demenz empfinden Ärger und Wut genauso wie Menschen ohne eine solche Diagnose.“ Könnten Emotionen und Impulse aber schlechter kontrollieren.“

Gundula Rudolf hat sich trotz des auszehrenden Jahres nicht beirren lassen und reagiert auf die Maskenpflicht gelassen: „Unter der Maske sehen wir sowieso viel jünger aus“, scherzt sie. Lieber möchte sie ihr Zimmer zeigen, als über Corona zu sprechen. „Ich hoffe, ich habe auch aufgeräumt. Aber meines Wissens mach ich das immer.“

Singen verboten

Ein Foto an jeder Tür weist den Weg bis ans Ende des Ganges, wo sich Gundula Rudolf schließlich selbst erkennt: Ein Zimmer tapeziert mit Familienfotos aus acht Jahrzehnten. Auf viele Bilder ist mit schwarzem Edding der Namen dazugeschrieben. „Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. So wach ich morgens auf und sehe vertraute Gesichter. Dann weiß ich, dass alles gut ist.“ Auch die Einrichtung stammt aus einer Phase ihres Lebens, an die sie sich noch gut erinnern kann: Die alte Kommode, ein Bild ihrer alten Kiefer und auch der selbst gehäkelte Lampenschirm zeugen von einer Zeit, als Gundula Rudolf ihr Strickzeug noch bedenkenlos auf dem Couchtisch liegenlassen konnte.

Heute unvorstellbar. „Meine Kinder hätten viel zu große Angst, dass ich die Stricknadeln irgendwo liegenlasse und mich darauf setze, weil ich vergesslich geworden bin.“ Dabei würde sie gerne wieder stricken, Handarbeiten machen und sich in alten Zeiten verlieren, als sie erst Krankenschwester, später ökonomische Leiterin in einem Kurort an der Mecklenburgischen Seenplatte war. Heute begleiten sie andere Routinen: am immer gleichen Platz frühstücken, Zeitung lesen, dann ein Spaziergang zu ihrem Lieblingsplatz am Teich.

Vor Corona wurde die starre Tagesstruktur mit Ausflügen aufgelockert. Auch wenn sich die Bewohner nach einem Ausflug oft nicht mehr daran erinnern könnten, blieb doch ein gutes Gefühl: „Aktivitäten außerhalb der Wohngemeinschaft bleiben ganz schön auf der Strecke. Selbst singen können wir nicht mehr“, bedauert Frau Birke. Dabei sei Musik für viele Bewohner das Allergrößte. Weil wirklich gar nichts ging, bleibt ein Ausflug in den Baumarkt das Highlight der letzten Monate.

Lange Zeit war im „Waldhotel Weinböhla“ sogar Besuch verboten und Kontakt nach draußen nur telefonisch möglich. Die fehlende Unterstützung der Angehörigen sei für die Pflegekräfte der größte Einschnitt gewesen. „Für unsere Mitarbeiter, aber auch für unsere Bewohner war das besonders auszehrend. Denn egal, wie sehr wir uns auch anstrengen, eine Familie können und sollen wir nicht ersetzen.“ Es dürfe nämlich nicht vergessen werden, dass eigentlich eine professionelle Distanz gewahrt werden müsste. „Für viele Mitarbeiter ist das sehr schwer, vor allem als diese Lücke nicht mehr von den Angehörigen gefüllt werden konnte. Schließlich sind unsere Mitarbeiter in der Pflege, weil sie über eine ganz besondere Empathie verfügen.“

Zwölf Bewohner leben in der Demenz-WG. Insgesamt gibt es im „Waldhotel Weinböhla“ 40 betreute Wohnungen.
Zwölf Bewohner leben in der Demenz-WG. Insgesamt gibt es im „Waldhotel Weinböhla“ 40 betreute Wohnungen. © Claudia Hübschmann

Mittlerweile dürfen Verwandte wieder zu Besuch kommen, solange sie einen negativen Test vorweisen. Dass es einmal anders war, daran kann sich Gundula Rudolf schon gar nicht mehr erinnern: „Meine Kinder sagen immer, ich vergesse, was ich will. Aber zum Glück habe ich noch an alle Phasen meines Lebens Erinnerungen, wenn auch nicht mehr so detailreich.“

Tiefpunkt der Pflegeentwicklung

Was die Betreuung in Weinböhla so exzellent mache, sei die Tagespflege im eigenen Haus. „Im Alter reichen oft vier bis fünf Stunden Schlaf: Da bleibt ganz viel freie Zeit, die ein Pflegedienst nicht abdecken könnte.“ Das sei nicht nur eine enorme Entlastung für die Angehörigen: Da das ganze Haus zusammen isst, würden die vielen Gänge in den Speisesaal mobil halten und die Bewohner so mit Menschen unterschiedlichster Pflegeschwerpunkten zusammenkommen. „Sonst werden Menschen in der Pflege doch auch nicht aufgrund des gleichen Krankheitsbildes zusammengesteckt. Freundschaften knüpfen sich aufgrund von ganz anderen Einflüssen. Dieses Gespür – ob die Sympathie stimmt - geht auch durch eine Demenz nicht verloren.“

Kommt man auf das Thema der anstehenden Pflegereform zu sprechen, macht Dorit Birke auf einmal selbst einen vergesslichen Eindruck. Und kann gar nicht mehr aufhören, ihre Befürchtung zu wiederholen, dass die Tagespflege um bis 50 Prozent zusammengekürzt werden könnte: „Das wäre der Tiefpunkt der Pflegeentwicklung.“
Bewohner mit hohem Pflegegrad könnten nicht mehr fünfmal die Woche das Angebot der Tagespflege in Anspruch nehmen, bzw., es sich nicht mehr leisten. „Letztlich hätten wir täglich andere Gäste. Darunter würde auch die gute Harmonie und Tagesstruktur sehr leiden.“

Da bisher nur ein Arbeitsentwurf zur geplanten Pflegereform vorliegt, lässt sich über dessen Ausgang nur spekulieren. Zuversichtlich sei Birke allerdings schon lange nicht mehr. Dafür sei sie von der Politik schon viel zu oft enttäuscht worden.
Auch die sozialpolitische Vorständin der Diakonie Deutschland, Maria Loheide, unterstreicht, was auf dem Spiel steht: „Gerade die Erfahrungen der Pandemie im vergangenen Jahr haben gezeigt, wie wichtig die Tagespflege ist, die häuslichen Versorgung zu stabilisieren und zu unterstützen.“ Wenn die Leistungen um die Hälfte gekürzt würden, könnte das dramatische Folgen haben: „Die Tagespflege ist enorm wichtig, um pflegende Angehörige – das gilt ganz besonders bei pflegebedürftigen Menschen mit Demenz – zuhause zu entlasten.“

Für Dorit Birke ist es besonders bedauerlich, dass gerade über eine Generation entschieden wird, die unser Land mit aufgebaut hat und jetzt wieder benachteiligt werden soll.

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