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Den Baum im Friedwald schon ausgesucht

Niederaus Bürgermeister Steffen Sang ist zurück im Amt. Neun Monate fehlte er wegen einer schweren Krankheit.

Nach neun Monaten wieder im Amt: Niederaus Bürgermeister Steffen Sang.
Nach neun Monaten wieder im Amt: Niederaus Bürgermeister Steffen Sang. © Claudia Hübschmann

Steffen Sang steht im Waldbad Oberau, spricht mit Bungalowbesitzern. Es geht um die Nutzung von Toiletten. Schnell ist man sich einig. "Das haben wir alles schon mit Bürgermeister Sang besprochen", sagt sein Gegenüber. Sang ist einen kurzen Moment irritiert. "Ich bin der Bürgermeister", sagt er. Jetzt ist sein Gesprächspartner überrascht. Er hatte ihn nicht erkannt.

Steffen Sang hat sich stark verändert, ist von einer schweren Krankheit gezeichnet. "Ein Mann wie ein Baum", schrieb die SZ mal über ihn. So einen haut nichts gleich um. Er ist ein gestandener Mann, ein Schwergewicht im doppelten Sinne. Doch aus der deutschen Eiche war eine Birke geworden, die sich im Wind bog.

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10.000 Schritte am Tag sind ein Muss. Steffen Sang hat nach seiner schweren Erkrankung sein Leben komplett umgestellt. Er hat mehr als 30 Kilogramm abgenommen.
10.000 Schritte am Tag sind ein Muss. Steffen Sang hat nach seiner schweren Erkrankung sein Leben komplett umgestellt. Er hat mehr als 30 Kilogramm abgenommen. © Claudia Hübschmann

Eine niederschmetternde Diagnose

Es ist eine Routineuntersuchung bei seinem Hausarzt im März dieses Jahres, eine Vorsorgemaßnahme. Dabei wird ihm auch Blut abgenommen. Der Arzt stellt hohe Entzündungswerte fest. Die Ursache muss schnell geklärt werden. Nach einer Magenspiegelung dann die niederschmetternde Diagnose. Steffen Sang hat Magenkrebs. In seinem Magen findet sich ein bösartiger, schnell wachsender Tumor. "Ich fühlte mich wohl, hatte keinerlei Beschwerden", sagt der 58-Jährige. Doch schnelles Handeln tut not. Nach wenigen Tagen beginnt er die erste von vier Chemotherapien, damit der Tumor nicht weiter wächst. Sie schlägt an, er wächst nicht weiter. Aber der Tumor wird auch nicht kleiner, ist gleich gar nicht verschwunden. Es hilft nichts: Nur eine Operation kann sein Leben retten.

Steffen Sang ist voll des Lobes über das Ärzte- und Schwesternteam in der Meißner Elblandklinik. Dass er sich dennoch in der Dresdner Uniklinik operieren lässt, ist der Tatsache geschuldet, dass dort mit dem amerikanischen OP-Roboter "Da Vinci" gearbeitet werden kann. An die Worte eines Arztes kurz vor der Operation erinnert er sich noch ganz genau: "Wenn Sie wieder aufwachen, werden Sie keinen Magen mehr haben." Doch er hat Glück, es kommt anders. Es ist nur ein lokal begrenzter Tumor, die Ärzte müssen nur Teile des Magens entfernen. Und die beste Nachricht: Es haben sich keine Metastasen gebildet.

Was hat er gedacht, als er die Diagnose bekam? Ist er in Panik verfallen? "Nein. Ich glaube, die Diagnose hat meine Frau mehr getroffen als mich. Als ich wusste, dass da was Akutes kommt, habe ich versucht, dienstlich und auch privat wichtige Dinge zu regeln", sagt er. Dazu gehört, dass er zum Betreiber des Friedwaldes geht. Er sucht sich einen Baum aus, an dem er einmal begraben sein möchte.

Nach der Operation gibt es zwei weitere Chemotherapien und danach geht es für vier Wochen zur Reha in die Märkische Schweiz. In drei Monaten nimmt er mehr als 30 Kilogramm ab. Inzwischen hat er seinen Humor wiedergefunden. "50 Jahre habe ich erfolglos versucht abzunehmen. Jetzt kann ich in einen ganz normalen Laden gehen und Kleidung von der Stange kaufen", sagt er und lacht.

Während seiner Krankheit erhält er viel Zuspruch, freut sich über die vielen Krankenbesuche, auch von seinen Kollegen. Die halten ihn auf dem Laufenden. "Ich konnte mich in Ruhe um meine Gesundheit kümmern, habe mich in dieser Zeit relativ stark auf mich konzentriert. In der Gemeinde lief es prächtig, alle haben eine super Arbeit geleistet", lobt er seine Mitarbeiter.

Es gab aber auch Gerüchte. Beispielsweise, dass er nicht mehr ins Bürgermeisteramt zurückkehren würde. Sein A und O war, stets einen Hoffnungsschimmer zu haben und den Willen, wieder gesund zu werden. Relativ zeitig war klar, dass sich keine Metastasen gebildet hatten. "Daran habe ich mich festgekrallt", sagt er. Eine große Hilfe war seine Familie und vor allem seine Frau Claudia. In zwei Jahren wollen sie Silberhochzeit feiern.

10.000 Schritte am Tag sind ein Muss

Der Gohliser hat sein Leben komplett umgestellt. Er macht Nordic Walking, fünf Kilometer, auch mal acht am Stück, schwitzt täglich 45 Minuten auf dem Hometrainer, ist viel im Wald unterwegs. 10.000 Schritte am Tag sind ein Muss. "Skatspielen und Wurftaubenschießen, was ich zuvor gemacht habe, reicht nicht aus, um fit zu werden und zu bleiben", sagt er. Während der Krankheit hat er viel nachgedacht. Darüber, dass es auch ein Leben außerhalb des Bürgermeisteramtes gibt. Er will Hobbys wiederbeleben, seine sportlichen Aktivitäten beibehalten. Und natürlich seine Arbeit fortführen. "Aber ich werde nicht mit Zwölf-Stunden-Tagen anfangen. Man muss auch mal loslassen können und seinen Mitarbeitern vertrauen", sagt er.

In dreieinhalb Jahren endet seine jetzige Amtszeit. Dann ist er 62. Wird er noch einmal antreten? "Nach gegenwärtigem Stand nicht mehr. Ich war dann 20 Jahre Gemeinderat und 14 Jahre Bürgermeister, möchte Platz für die Jüngeren machen", sagt er.

Steffen Sang ist keiner, der an seinem Sessel klebt, keiner, der sich für unersetzlich hält, keiner, der nicht von der Macht lassen kann. Liegt vielleicht auch daran, dass der gelernte Werkzeugmacher, der nach der Wende zum Ver- und Entsorger umschulte, fast 20 Jahre auf der Deponie in Gröbern an der Basis arbeitete. Er kennt die Sorgen der kleinen Leute, lebt nicht im Elfenbeinturm, sondern unter ihnen.

Steffen Sang erholt sich relativ schnell. Sein erster öffentlicher Auftritt nach der Krankheit ist zur Verabschiedung des Meißner Landrates. "Manche Kollegen haben erst dort erfahren, dass ich krank bin", sagt er. Seit Anfang Dezember geht er wieder stundenweise arbeiten. Ab Januar will er wieder voll einsteigen. "Eigentlich wollte ich schon ab November wieder anfangen, aber die Ärzte haben mir das untersagt", sagt er.

Gute Chancen, komplett zu gesunden

Weihnachten wird auch für ihn und seine Patchwork-Familie anders als sonst. Normalerweise treffen sich die insgesamt fünf Kinder und neun Enkel zu Weihnachten, gehen in eine Gaststätte essen. Das ist in diesem Jahr sowieso nicht möglich. Aber auch zu Hause wird es so ein großes Treffen wohl nicht geben. "Wir halten uns an die Corona-Regeln. Nicht alles, was erlaubt ist, muss man ja auf Biegen und Brechen durchsetzen", sagt er. Und vielleicht wird ja die Familie das Weihnachtsfest im Frühjahr nachholen.

Steffen Sang ist jedenfalls optimistisch, was seine Zukunft angeht. Die Ärzte haben ihm gesagt, es bestünden gute Chancen, dass er relativ komplett gesunden werde. Eine Vorsorgeuntersuchung hat ihm das Leben gerettet. Der Familienbaum im Friedwald muss wohl noch lange warten.

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