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Den ganzen Tag Filmriss

Ein Radebeuler liegt betrunken auf der Straße, beleidigt Polizisten, soll nach ihnen getreten und geschlagen haben. Und kommt trotzdem straffrei davon.

Ein Radebeuler trinkt die ganze Nacht, begeht im Vollrausch Straftaten. Dennoch kann er nicht verurteilt werden.
Ein Radebeuler trinkt die ganze Nacht, begeht im Vollrausch Straftaten. Dennoch kann er nicht verurteilt werden. © Symbolfoto: Franziska Gabbert/dpa-tmn

Meißen. Die Polizei wird an jenem Aprilabend nach Radebeul gerufen. Ein Mann soll mit einem Knüppel unterwegs sein und Autofahrer anpöbeln. Als die Beamten eintreffen, werden sie von dem Mann, der halb auf der Straße, halb auf dem Fußweg sitzt, sofort angegangen und beleidigt. "Drecksbullen", "Luschen" und "Schwuchteln" sind dabei noch die vornehmeren Ausdrücke. Doch der Pöbler ist auch kreativ. Worte wie "Ostergartenclown" gehören eher nicht zum üblichen Sprachgebrauch.

Der Aufforderung der Polizisten, die Straße zu verlassen, kommt dieser nicht nach. Zu Viert packen sie schließlich den Mann, der sich mit Händen und Füßen wehrt, um sich geschlagen und getreten haben soll, legen ihn auf einem Grundstück ab und Handfesseln an. Dabei verletzt er sich selbst, in dem er immer wieder seinen Kopf auf den Boden schlägt. Im Rettungswagen muss er fixiert werden, ebenso im Krankenhaus. Schließlich wird er mit akuter Intoxikation und akutem Rausch auf die Intensivstation gebracht.

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Schon vor Ort hatte die Polizei einen Atemalkoholtest bei ihm gemacht. Der ergibt einen Wert von 1,43 Milligramm pro Gramm, was etwa 2,86 Promille entspricht. Dennoch kann er noch einigermaßen geordnet denken. So gibt er an, Corona-positiv zu sein, glaubt wohl, dass die Polizisten von ihm ablassen.

Die ganze Nacht getrunken

Wegen Widerstandes gegen Polizisten sitzt der Mann nun vor dem Meißner Amtsgericht. Und will sich an nichts mehr erinnern können. Er habe Stress mit seiner Freundin gehabt, die ganze Nacht Alkohol und Drogen genommen, alles getrunken, was er in die Hände bekam: Bier, Wein, Schnaps. "Ich hatte den ganzen Tag Filmriss", sagt er.

Zunächst entlässt er sich aus dem Krankenhaus selbst, kehrt dann aber zurück, macht eine dreiwöchige Entgiftung. Sie bringt nichts. Kurz darauf läuft er wieder auf der Straße zwischen Autos herum, ist total betrunken.

Das ist er wohl auch an jenem Märzabend in einem Coswiger Geschäft. Als der Verkäufer mit einer anderen Kundin beschäftigt ist, nutzt er die Gunst der Stunde und stiehlt eine Tabakbox für rund 30 Euro. Der Verkäufer rennt ihm hinterher, holt ihn aber nicht ein. Allerdings verliert der Täter bei der Flucht seine Geldbörse. Geld ist da zwar nicht drin, kein einziger Cent, aber sein Personalausweis.

Noch lange Haft vor sich

Für die Justiz ist der Radebeuler kein Unbekannter. Er hat 23 Vorstrafen, wird aus dem Gefängnis in Zeithain vorgeführt, wo er seit September vorigen Jahres gerade eine Haftstrafe absitzt. Zwei Bewährungen wurden widerrufen. Er hat noch drei Jahre und sieben Monate vor sich.

Diesmal kommt lediglich ein Monat hinzu. Das Gericht verurteilt ihn zwar wegen des Diebstahls zu einer Haftstrafe von acht Monaten auf Bewährung, allerdings wird die Verurteilung des Amtsgerichtes Dresden von sieben Monaten in das Urteil mit einbezogen.

Wegen des Widerstandes und die Beleidigungen gegen die Polizeibeamten wird er hingegen freigesprochen. Das Gericht billigt ihm wegen des Alkohol- und Drogenkonsums Schuldunfähigkeit zu. Das sieht zwar auch die Staatsanwältin so. Sie fordert aber stattdessen wegen vorsätzlichen Vollrausches eine Haftstrafe. Doch Richterin Petra Rudolph folgt der Ansicht von Verteidigerin Ines Kilian. Diese hatte argumentiert, ihrem Mandanten könne der Konsum von Alkohol und Drogen nicht vorgeworfen werden, weil er davon abhängig und krank sei. Er brauche den Konsum, um Entzugserscheinungen zu verhindern.

Das sieht auch die Richterin so. Eine Verurteilung wegen Rollrausches setze voraus, dass man sich schuldhaft in einen Rauschzustand versetze. Bei dem Angeklagten liegt aber eine Suchtmittelabhängigkeit vor, er könne sein Verhalten daher nicht steuern.

Damit Entzugserscheinungen künftig nicht mehr auftreten, soll der Radebeuler nun ab Anfang Juni eine sechsmonatige Langzeittherapie antreten. Dafür müsste allerdings die Haft unterbrochen werden.

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