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„Der Einzelhandel muss sich neu erfinden“

Wie vielen Innenstädten droht auch Meißen die „Reine Leere“. Die SZ sprach darüber mit Quartiersmanager Marcel Noack.

"Der Einzelhandel bietet, was ein Online-Einkauf nicht kann": Quartiersmanager Marcel Noack.
"Der Einzelhandel bietet, was ein Online-Einkauf nicht kann": Quartiersmanager Marcel Noack. © Claudia Hübschmann

Meißen. Seit fast drei Jahren ist er in Meißen – Quartiersmanager Marcel Noack. Hier ist er "Ansprechpartner für die Dienstleister, Einzelhändler, für Gastronomen, Handwerker und die sonstigen ansässigen Unternehmen“, wie Meißens Wirtschaftsförderer Martin Schuster damals bei der Eröffnung des Büros in der Fleischergasse erklärte. Ein wesentlicher Inhalt seiner Arbeit ist die Belebung der Innenstadt. Dazu braucht es vor allem die Unterstützung der Bürgerschaft.

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Herr Noack, wozu braucht man eigentlich noch Innenstädte?

Die Innenstädte sind und bleiben sehr wichtig, als Zentrum für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, als Ort der Identifikation mit unserer Stadt und als kultureller Mittelpunkt mit all den Angeboten auch zur Versorgung und zur Freizeit. Als Treffpunkt bleiben sie wichtig – weil die Menschen ein starkes Bedürfnis haben, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Daran ändern die gegenwärtigen Pandemiebeschränkungen ebenso wenig etwas wie die Auswirkungen des Strukturwandels im innerstädtischen Einzelhandel, worauf Ihre Frage sicherlich abzielte.

Immobilien-Experten sprechen von der „Reinen Leere“, wenn sie die Entwicklung des innerstädtischen Handels betrachten.

Natürlich sind die Geschäfte in der Innenstadt in arger Bedrängnis. Aber diese Einwicklung hat doch lange vor Corona eingesetzt. Einkaufszentren auf der grünen Wiese und wachsender Online-Handel haben stagnierende Umsätze im innerstädtischen Einzelhandel zur Folge. Er hat hier seine Funktion als zentraler Frequenzbringer verloren.

Sehen Sie überhaupt noch Chancen für den innerstädtische Einzelhandel gegen Amazon und Co.?

Wenn der Online-Handel das Paket 24 Stunden nach der Auswahl vor die Tür bringt, geht doch niemand mehr in die Innenstadt, weil er einkaufen muss. Der Mensch ist aber ein soziales Wesen – und er wird dorthin gehen, wo er etwas erleben, sich überraschen lassen kann oder Bekannte trifft. Der Einzelhandel bietet das an, was ein Online-Einkauf nicht bieten kann: Eine persönliche Beratung, das Fühlen, Riechen und Schmecken der Produkte und natürlich die soziale Komponente, die im Onlinehandel nicht vorhanden ist. Der stationäre Einzelhandel muss sich diesen Gegebenheiten anpassen, dann hat er gute Chancen.

Wie meinen Sie das?

Wenn der Kaufdruck nicht mehr da ist, dann muss es andere Gründe geben, um einen Laden zu besuchen. Aus meinen Beobachtungen in der Meißner Innenstadt und aus Gesprächen weiß ich, dass viele in einen Laden gehen, um sich wohl zu fühlen. Es geht also nicht mehr nur um das Präsentieren, Aussuchen oder Anprobieren, sondern um ein Erlebnis. Denkbar sind Kooperationen von Einzelhandel und Gastronomie, um Erlebnisse und Begegnungen zu schaffen. Das bietet durchaus neue Chancen, Kundschaft anzuziehen. Und Meißen hat den Vorteil, dass es bekannt ist und von vielen Touristen besucht wird. Die haben Zeit, auch um durch die Innenstadt zu schlendern.

Dennoch können die Geschäfte nur überleben, wenn sie Waren verkaufen. Von den Umsätzen hängt es ab, ob sie neue Waren ankaufen und die Gewerbemieten bezahlen können.

Natürlich. Hier ist auch die Politik gefordert: Sie sollte für einen fairen Ausgleich der Belastungen zwischen Online- und Einzelhandel sorgen. Als derjenige, der die Hauptlast der Pandemie trägt, darf er Unterstützung durch die Gesellschaft erwarten. Genauso wichtig ist aber auch, dass die Innenstadt anziehend ist und bleibt – und mit besonderen Offerten, Überraschungen, Veranstaltungen oder Aktionen anlockt.

Woran denken Sie da?

Im vorigen Jahr gab es drei Popup-Stores in der Innenstadt. Das sind Läden, die nur für eine bestimmte Zeit mit einem bestimmten Angebot in Erscheinung treten. In der Gerbergasse konnten Künstler in den Schaufenstern mehrerer leerstehender Läden ihre Werke zeigen. Auch in der Fleischergasse bot sich im Herbst ein Laden als Ort für eine temporäre Kunstausstellung an. Oder: Am Theaterplatz hat sich eine Yoga-Schule angesiedelt. Im Ladenraum oder auf dem Theaterplatz könnten öffentliche Yoga-Veranstaltungen stattfinden, sobald das die Hygieneregeln zulassen. Auch das kann Menschen anziehen und zusammenbringen.

Die leeren Schaufenster sind nicht zu übersehen. Und es ist zu befürchten, dass ihre Zahl durch die Corona-Krise und ihre fatalen Auswirkungen zunimmt.

Durch den stattgefundenen Transformationsprozess hat die Stadt Meißen, wie andere Städte auch, zu viel Verkaufsfläche. Jedes leere Geschäft hat dabei eine negative Sogwirkung auf Verkaufseinrichtungen in der Nachbarschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Ladenleerstand ist auch eine Frage der Stadtentwicklung. Neue Nutzungen in Laden- und Gewerbeeinheiten müssen nicht zwingend Geschäfte sein. Denkbar sind auch Bürgertreffs, Anwaltskanzleien, Ateliers oder Coworking Spaces, wie gemeinsam genutzte Büros in der Start up-Szene genannt werden. Möglich wäre auch eine Anlaufstelle zur Kinderbetreuung: Eltern können ihre lieben Kleinen hier für eine oder zwei Stunden abgeben. Die Kinder werden betreut, während Mama und Papa durch die Altstadt bummeln – und in das eine oder andere Geschäft schauen. Stadtentwicklung muss als kontinuierliche Arbeit begriffen werden, die bürgerschaftliches Engagement in dieser Hinsicht fördert und neue Ideen und Engagement umsetzt.

Wie begeistert man die Menschen für die Innenstadt?

Zum Beispiel mit Ideen für ganze Straßen. Schauen wir in die Görnische Gasse: Hier sind in den vergangen zehn Jahren viele Häuser schön saniert worden. Im Zuge der Straßensanierung sollen in den nächsten Jahren Inseln zum Verweilen geschaffen werden. Künstler gestalten Blickfänge auf dem Porzellanweg. Das wird Einheimische und Besucher der Stadt anziehen. Am Hahnemannsplatz haben sich Anlieger und das Hahnemannzentrum e.V. zusammengesetzt und überlegt, wie die Straße auf Samuel Hahnemann, dessen Geburtshaus dort steht, aufmerksam machen kann. Mit den Ideen, die dabei zusammengetragen wurden, hat sich Meißen im vorigen Jahr am City-Wettbewerb beteiligt und einen Sonderpreis gewonnen.

Neue Ideen haben es zuweilen nicht leicht, kreativen Start-ups fehlt oft das Geld. Wie können Sie als Quartiersmanager helfen?

Zunächst mal: Die allermeisten Vorschläge und Ideen, von denen ich gesprochen habe, kommen aus der Bürgerschaft. Quartiersmanagement und Wirtschaftsförderung sind Ansprechpartner für diejenigen, die Ideen für die Innenstadt haben. Wir versuchen Wege zu ebnen und Weichen zu stellen. Wir sprechen mit Hauseigentümern, helfen bei den bürokratischen Formalitäten und schauen nach Fördermöglichkeiten. Wir verweisen zum Beispiel auf den Verfügungsfonds, den die Stadt eingerichtet hat, um die Umsetzung kreativer Ideen in Meißen unterstützen zu können. Über den Verfügungsfonds können 50 Prozent der Kosten gefördert werden. Die anderen 50 Prozent müssen über Sponsoring und Eigenleistungen zusammenkommen.

An welchen Beispielen könnte sich eine Stadt wie Meißen orientieren?

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Ich halte nichts von Blaupausen. Jede Stadt hat ihre Eigenheiten, ihre eigene Kultur, ihre Historie. Und: Eine Chance hat nur das, was die Menschen hier wirklich wollen.

Das Gespräch führte Harald Daßler.

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