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Der Exot unter den Ziegelherstellern

Aus einer Not heraus hat sich das Ziegelwerk Huber weit über Deutschlands Grenzen hinaus einen Namen gemacht.

Handformer Hannes Lohse vom Ziegelwerk Huber arbeitet an der Spitze für die Emmauskirche in Leipzig.
Handformer Hannes Lohse vom Ziegelwerk Huber arbeitet an der Spitze für die Emmauskirche in Leipzig. © Claudia Hübschmann

Nossen. Ziegelstein ist nicht gleich Ziegelstein. Spätestens beim genaueren Betrachten alter Gebäude fällt das auf. So gleicht kein Stein dem anderen. In Form und Farbe. Und was Ralf Huber besonders beeindruckt: Ziegelsteine haben auch noch im Alter Charme wie beispielsweise eine Ledertasche. Und um den Charme alter Fassaden auch nach einer nötigen Sanierung zu erhalten, ist besonderes Wissen und Können gefragt. Die Kunst: Neue Ziegel so herstellen, dass sie alt aussehen und sich in das Gesamtbild einfügen, ohne aufzufallen.

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Ralf Huber ist einer der beiden Geschäftsführer des Ziegelwerks Klaus Huber GmbH im Nossener Ortsteil Graupzig, rund 15 Kilometer westlich von Meißen gelegen. Vater Klaus musste die Verstaatlichung der Ziegelei 1972 miterleben, arbeitete dort dann als Betriebsdirektor. 1990 folgte die Reprivatisierung. Noch heute ist der mittlerweile 80-Jährige für wenige Stunden in der Firma. „Ich bin meinem Vater sehr dankbar. Er ist heute noch maßgebend und ich kann ihm voll vertrauen“, sagt Sohn Ralf, der seit 1993 im Unternehmen arbeitet.

Ralf Huber, Geschäftsführer des Ziegelwerkes Huber im Nossener OT Graupzig, hat sich in der Denkmalspflege einen Namen gemacht.
Ralf Huber, Geschäftsführer des Ziegelwerkes Huber im Nossener OT Graupzig, hat sich in der Denkmalspflege einen Namen gemacht. © Claudia Hübschmann
Gipsmodellbauer Volker Ziegert vom Ziegelwerk Huber in Graupzig stellt das Modell für die Spitze für die Emmauskirche in Leipzig her.
Gipsmodellbauer Volker Ziegert vom Ziegelwerk Huber in Graupzig stellt das Modell für die Spitze für die Emmauskirche in Leipzig her. © Claudia Hübschmann

Interesse für die Ziegelherstellung hatte der heute 54-Jährige erst nach der politischen Wende. „Zu DDR-Zeiten war es nur eine lieblose Produktion.“ Er brach sein damaliges Studium, Kinder- und Jugendarbeit, ab und ließ sich in Apolda zum Bauingenieur ausbilden.

Doch einfach war es nicht, die Ziegelei am Leben zu erhalten. Allein mit der Produktion von sogenannten Hintermauerziegeln – Steine, die bei einer zweischaligen Wand auf der Innenseite liegen – konnte Huber nicht bestehen. „Deshalb haben wir alles gemacht, was wir bekommen haben“, erzählt Ralf Huber rückblickend. Egal, ob es handgeformte Ziegel oder Lehmbaustoffe waren. „Hauptsache, wir hatten Aufträge.“

Sukzessive machte sich das kleine Unternehmen einen Namen. Und dann sei etwas Glück mit dem Kontakt zur Backstein Kontor GmbH in Köln dabei gewesen. Ein Netzwerk entwickelte sich. „Wir präsentierten uns auch auf Messen.“ Viele Aufträge im Denkmalschutz folgten. „Wir haben uns stückweise eingearbeitet.“ Ralf Huber beschreibt seine Firma als buntschillernden Exoten in der Branche. „Wir wenden verschiedene Techniken an, sind eher eine Manufaktur mit sehr individueller Fertigungsbreite.“ Mit Wiederholbarkeit und konstanter Qualität habe sich die Graupziger Firma einen Namen gemacht.

Viele Graupziger Steine auch in der Region verbaut

Besonders stolz sind die Geschäftsführer, dass die Ziegelei mit rund 40 Mitarbeitern – zur Wendezeit waren es rund 30 – immer liquide war. „Wir mussten nie Insolvenz anmelden“, sagt Ralf Huber. Mit ihren ausgefallenen Projekten, die nicht standardmäßig sind, „verdienen wir heute zwar Geld, aber wir müssen auch richtig investieren. Es läuft auch heute nicht von allein“, betont er.

Inzwischen ist die Referenzliste lang. Neben Aufträgen aus Deutschland kommen viele auch aus Schweden und Dänemark. Beispielsweise die Fassadensanierung der Alten Börse in Kopenhagen oder der Boxholm-Kirche in der schwedischen Provinz Östergötlands. Die bisher komplizierteste Sanierung sei das Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen gewesen. Die backsteinexpressionistische Fassade aus dem Jahr 1927 hatte große Schäden. Der Herstellung neuer Ziegel in ursprünglicher Optik eine Herausforderung. „Es war eine Mischung zwischen Klinkern und glasierten Formteilen.“ Die Farbgestaltung: Als würde man Farbtöpfe ausschütten und die Farben harmonisch ineinanderlaufen, beschreibt der Bauingenieur das Aussehen der Ziegel. Neue mussten nun genauso hergestellt werden, ohne dass sie im Gesamtbild auffallen. Entwicklungsleistung war nötig. „Wir haben uns herangearbeitet.“ Ralf Huber zeigt einen glasierten Stein und erklärt seine Herangehensweise: „Was erzählen mir die alten Teile? Wenn ich das verstehe, weiß ich, wie ich es machen muss.“

Auch in der unmittelbaren Region hat die Firma Huber ihre Spuren hinterlassen. So fertigte sie beispielsweise für die Rote Schule in Meißen die Reliefplatten mit Blütenmotiv in Anlehnung an den Originalbestand. Oder im Kloster Altzella Ziegel für Torbögen, Formsteine und Fußbodenplatten. Ebenso lieferte Huber Ziegel für die Schlosskapelle des Dresdner Residenzschlosses.

Ein nächstes großes Projekt sei die Sanierung der Stadthalle in Magdeburg. 2022 soll es losgehen. Aber ein Großprojekt habe er jedes Jahr: „Die Ziegelei hier auf dem Niveau zu halten, das sie hat“, sagt Ralf Huber. „Und das liegt auch ganz viel an den Mitarbeitern. Ohne die hätten wir keine Chance“, betont der Unternehmer. So sei er immer auf der Suche nach guten Leuten. Aktuell brauche er beispielsweise dringend einen Industriemeister.

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