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Hier entscheiden Minuten

Dr. med. Alexander Neumann hat ein neues Amt übernommen – zusätzlich zu seiner Arbeit als Notfallmediziner am Meißner Elblandklinikum.

Von Harald Daßler
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Die Notaufnahme ist der Arbeitsplatz von Dr. med. Alexander Neumann. Hier sorgt er für schnelle medizinische Hilfe – schon bevor die Rettungswagen eintreffen.
Die Notaufnahme ist der Arbeitsplatz von Dr. med. Alexander Neumann. Hier sorgt er für schnelle medizinische Hilfe – schon bevor die Rettungswagen eintreffen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Diesen Bildschirm muss Alexander Neumann immer im Auge haben. Ob auf dem Tablet im Rettungsdienst oder im Triage-Raum der Notaufnahme – die Informationen, die in den verschiedenfarbigen Spalten angezeigt werden, verschaffen dem Notfallmediziner ständig einen aktuellen Überblick über alle verfügbaren Behandlungs- und Versorgungsmöglichkeiten in den Krankenhäusern im Landkreis. Blinkt eine neue Zeile am Monitor der Notaufnahme auf, wird ein neuer Patient elektronisch angemeldet und mitgeteilt, worauf sich Ärzte und Pflegekräfte dort einstellen müssen, wenn der Rettungswagen eintrifft.

Dieses Notfallmanagementsystem namens IVENA ist für Alexander Neumann ein wichtiges Instrument. Denn der Mediziner ist nicht nur Leitender Oberarzt im Notfallzentrum des Elblandklinikums Meißen, sondern seit dem 1. Dezember 2021 auch Ärztlicher Leiter Rettungsdienst für den Landkreis Meißen.

„Der Ärztliche Leiter Rettungsdienst ist ein im bodengebundenen Rettungsdienst tätiger Arzt, der im Rettungsdienstbereich für medizinische Fragen, insbesondere für Effektivität sowie Effizienz der präklinischen notfallmedizinischen Patientenversorgung und Patientenbetreuung verantwortlich ist und die Kontrolle hierüber wahrnimmt“, heißt es in der Sächsischen Landesrettungsdienstplanverordnung, deren Paragraf 11 diese Stelle sehr genau beschreibt.

Auf Grundlage der Daten, die IVENA seit seiner Inbetriebnahme im Landkreis im vorigen Jahr liefert, kann genauer und schneller entschieden werden: „Die Teams, die beispielsweise zu einem Verkehrsunfall ausrücken, informieren unmittelbar von der Unfallstelle über die Anzahl der beteiligten Personen und die Schwere der Verletzungen“, erläutert Alexander Neumann.

Das System erspart Telefonanrufe

Dementsprechend bleibt der Klinik Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens, um die Übernahme des Patienten im Triage- oder Schockraum, notwendige Untersuchungen und Interventionen oder die intensivmedizinische Behandlung vorzubereiten. Die Übermittlung, der für die weitere medizinische Versorgung notwendigen Daten, erfolgt über das Rettungsdienst-Tablet. Gegenüber den bisher üblichen Telefonanrufen spart das Zeit – Minuten, die lebenswichtig sein können.

Ebenso „weiß“ das System, wenn bestimmte Ressourcen in einer Klinik nicht zur Verfügung stehen, etwa bei einer maximal ausgelasteten Intensivstation oder bei Ausfall der Computertomografie. Dann werden die Rettungskräfte automatisch an eine andere Klinik verwiesen und ersparen sich zeitraubendes Herumtelefonieren. Sobald dieses System in allen Landkreisen verfügbar ist, ermöglicht es eine überregionale Koordination, um zum Beispiel einen Schlaganfall-Patienten oder einen Schwerstverletzten noch schneller in die am besten geeignete Klinik bringen zu können.

Sein neues Amt, in das Alexander Neumann vom Landrat berufen wurde, bekleidet der Facharzt für Anästhesiologie und Allgemeinmedizin zusätzlich zu seiner Tätigkeit im Meißner Elblandklinikum. Für die verantwortungsvolle Aufgabe bringt der 49-Jährige seine Berufserfahrung als Notarzt seit 2003 sowie zahlreiche Zusatzqualifikationen mit.

Als Ärztlicher Leiter Rettungsdienst hat er eine Weisungsbefugnis, die sich nicht nur auf die Koordination der über 20 Rettungsfahrzeuge an den Rettungswachen im Landkreis bezieht. Er muss auch medizinische Behandlungs- und Verhaltensrichtlinien festlegen, wie es in der Landesrettungsdienstplanverordnung heißt. Das schließt auch die Umsetzung neuer Erkenntnisse aus der Wissenschaft ein. So möchte Alexander Neumann die Notarzteinsatzfahrzeuge mit mobilen Ultraschallgeräten ausstatten, mit denen man bereits am Einsatzort relevante Erkrankungen und Verletzungen, wie zum Beispiel innere Blutungen diagnostizieren kann.

Weiterbildung im Simulationszentrum

Im Notfall entscheidet vor allem, dass alle am Rettungseinsatz beteiligten Einsatzkräfte professionell und Hand in Hand arbeiten, erklärt Alexander Neumann, weswegen er größten Wert auf Aus- und Fortbildung von Pflegepersonal, Rettungsassistenten und Notfallsanitätern sowie Ärzten legt. In zertifizierten Kursen soll nicht nur Wissen aufgefrischt, sondern vor allem praktisch geübt werden.

Dafür wurde an der Meißner Klinik ein spezielles Simulationszentrum eingerichtet: „An Hightec-Simulationspuppen lassen sich verschiedenste Kreislaufwerte wie Blutdruck, Herzfrequenz, Herzrhythmus und Sauerstoffsättigung programmieren, am Monitor darstellen und beliebig verändern“, beschreibt Alexander Neumann. „Somit können verschiedene Szenarien, wie zum Beispiel ein allergischer Schock oder auch eine Reanimationssituation, in ihrem kompletten Ablauf realistisch durchgespielt werden“. In diese Trainings fließen auch Erkenntnisse ein, die bei der regelmäßigen Auswertung und Nachbesprechung von Rettungseinsätzen gewonnen werden.

Damit die gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben rund um die Uhr und an allen Tagen des Jahres erfüllt werden können, bedarf es der intensiven Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen im Kreisgebiet, welche die Besatzungen für die Rettungsmittel stellen. Gerade in der aktuellen Corona-Pandemie ist dies von außerordentlicher Bedeutung, da der Rettungsdienst neben den Krankenhäusern überdurchschnittlich belastet ist.

Aber auch die Organisation des Leitenden Notarzt-Dienstes zur Bewältigung von Einsätzen mit einer großen Anzahl von Erkrankten und Verletzten gehört zu den Aufgaben des Ärztlichen Leiters Rettungsdienst. Für diese Planung kann der Mediziner auf zwölf erfahrene und speziell qualifizierte Notärzte zurückgreifen. Im Einsatzfall koordiniert der Leitende Notarzt zusammen mit dem Organisatorischen Leiter Rettungsdienst derartige Großschadenslagen. Dazu zählen schwere Verkehrsunfälle mit mehreren beteiligten Fahrzeugen auf der Autobahn, Infektionsausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen, Brände in Mehrfamilienhäusern oder auch Einsätze bei Naturkatastrophen.

Wenn viele Opfer mit zum Teil lebensbedrohlichen Erkrankungen und Verletzungen zu erwarten sind, müssen sich die Rettungskräfte vor allem schnell einen Überblick verschaffen, um weitere Unterstützung nachzufordern. Gleichzeitig müssen sie aber auch entscheiden, in welcher Reihenfolge die Patienten versorgt und behandelt werden. Der Ärztliche Leiter Rettungsdienst muss gewährleisten, dass alle Teams dafür regelmäßig trainieren und, dass Ausrüstungen, medizinische Geräte und Medikamente stets vollständig und einsatzbereit sind.

Natürlich hoffen alle Rettungskräfte, dass ihnen solche Einsätze erspart bleiben – im Ernstfall müssen sie aber so optimal wie möglich darauf vorbereitet sein.