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Der Stasi-Spitzel und die Angst der Opfer

Gebrochene Herzen in Meißen, geprellte Handwerker, gefälschte Titel in Dresden: Ein in der DDR angelernter Betrüger geht in den Knast. Und was passiert dann?

Konnte nach der Wende nicht Fuß fassen und hatte eine "schwere Kindheit": Stasi-Mann Henryk B. jammert sich in Dresden durch seinen Betrugsprozess. Dann rückt er ins Gefängnis ein.
Konnte nach der Wende nicht Fuß fassen und hatte eine "schwere Kindheit": Stasi-Mann Henryk B. jammert sich in Dresden durch seinen Betrugsprozess. Dann rückt er ins Gefängnis ein. © Benno Löffler

Dresden/Meißen. Der Richter hat das Wort. In der DDR hießt es abgewandelt: Der Staatsanwalt hat das Wort. Bei diesem Mittagstermin am Donnerstag vor dem Landgericht Dresden liest Richter Joachim Kubista dem angeklagten Serien-Verbrecher Henryk B. die Leviten. Er gibt dem früher hauptberuflich als Stasi-Spitzel tätigen Berufsverbrecher einige Lehren mit auf den Weg.

Ein gewisses Unbehagen spürten er und seine Schöffen angesichts des Urteils, so der Jurist. Dabei sind fünf Jahre und drei Monate im Knast kein Zuckerschlecken. Die Strafe hat ihren Grund. Verurteilt wird Henryk B. diesmal wegen mehrfachen Betruges und des Missbrauchs der Berufsbezeichnung Anwalt. In den letzten knapp drei Jahrzehnten legte der 61-Jährige zuvor eine beeindruckende, um nicht zu sagen beängstigende kriminelle Energie an den Tag. Viermal saß er in Haft. Zwölf bis 13 Jahre kamen dabei zusammen. Auf ein paar Monate mehr oder weniger kommt es nicht an, sagt er selbst.

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Einer der am stärksten beschäftigten und doch erfolglosesten Betrüger Deutschlands musste sich am Dienstag vor dem Landgericht in Dresden verantworten. Mit interessanten Erkenntnissen.
Einer der am stärksten beschäftigten und doch erfolglosesten Betrüger Deutschlands musste sich am Dienstag vor dem Landgericht in Dresden verantworten. Mit interessanten Erkenntnissen. © René Meinig

Aktuell wird seine jüngste Betrugsserie in Sachsen verhandelt: In Meißen hatte der gebürtige Greifswalder im Sommer vergangenen Jahres versucht, sich eine stattliche Villa im Nobelviertel Plossen zu ergaunern. Dabei benutzte er die Gutgläubigkeit seiner damaligen Partnerin, prellte Handwerker sowie den Notar, einen Rechtsanwalt aus Dresden und das Radebeuler Maklerbüro um deren Honorare. In Hannover legte er es darauf an, sich einen teuren Mercedes zu erschleichen. Vor dem Abenteuer in Meißen fiel noch eine Hochzeitsorganisatorin auf ihn herein, die für ihn und seine vierte Frau eine Feier für über 60.000 Euro auf die Beine stellen sollte.

Insgesamt kassiert der Schwindler jetzt für seine jüngsten Gaunereien fünf Jahre und drei Monate Gefängnisstrafe, ohne Bewährung. Vermutlich wird er diese Zeit auch absitzen. Wie im Verlauf von drei Prozesstagen zu erfahren war, machte sich der Norddeutsche während seiner Gefängniskarriere kaum Freunde. Im Gegenteil: In den verschiedenen Justizvollzugsanstalten fiel er durch ähnlich großmäuliges Benehmen auf wie in der Freiheit. Das stieß angesichts der harten Gesetze im Knast auf wenig Gegenliebe bei den Insassen.

"Sie wussten bei Ihren Einkaufstouren, dass Sie für gar nichts bezahlen konnten", sagt Richter Joachim Kubista im Rahmen der Urteilsverkündung. Nahezu jeden Tag habe der Angeklagte neue Opfer über den Tisch gezogen. Der Schaden, welchen diese dadurch erlitten – finanziell und psychisch –, sei ihm offenbar gleichgültig gewesen. Einfühlungsvermögen – so hatte es die Verhandlung gezeigt – geht dem Angeklagten nahezu komplett ab.

Der sogenannte Plossen, ein Höhenzug über Meißen, gehört zu den bevorzugten und teuren Wohngegenden in der Stadt. Betrüger Henryk B. hätte sich hier gern angesiedelt.
Der sogenannte Plossen, ein Höhenzug über Meißen, gehört zu den bevorzugten und teuren Wohngegenden in der Stadt. Betrüger Henryk B. hätte sich hier gern angesiedelt. © Claudia Hübschmann

Richter Kubista zweifelt angesichts dieser Disposition, dass sich der Betrüger nach dem Absitzen seiner Haftstraße mit einer Mindestrente abfinden wird. Wenn Henryk B. nicht ernsthaft an sich arbeite, bestehe die Gefahr, dass er schnell wieder rückfällig werde. "Sie reißen die Beteiligten ins Unglück", versucht der Richter dem Angeklagten ins Gewissen zu reden. Seine letzten Opfer hätten noch lange Zeit an den Folgen der Betrügereien zu leiden. Sicherheitsverwahrung allerdings ist für Betrug nicht vorgesehen.

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Der Meißner Unternehmer Andreas T., welcher fast sein Haus an den Schwindler eingebüßt hätte, ist überzeugt davon, dass der frühere Stasi-Mann nach seiner Haftstrafe wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen dürfte. Er zählt die Tage, bis dieser aus dem Gefängnis entlassen wird. Angst schwingt mit. "Ich bin sauer über dieses Urteil", sagt er. Das volle Strafmaß sei nicht ausgeschöpft worden, obwohl der Täter ganz offensichtlich unbelehrbar sei. Eine materielle Entschädigung für die Opfer dürfte aus seiner Sicht nicht zu erwarten sein. Recht ginge vor Gerechtigkeit.

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