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Der Weg aus dem Stottern

Wegen seines Stotterns hätte Manfred Hammer fast seinen Beruf aufgegeben. Jetzt redet der Nossener flüssig. Seine Erfahrungen möchte er weitergeben.

Manfred Hammer hat sein Stottern überwunden. Wie das geht, möchte er an Betroffene weitergeben.
Manfred Hammer hat sein Stottern überwunden. Wie das geht, möchte er an Betroffene weitergeben. © Claudia Hübschmann

Nossen. Er hatte Angst zu sprechen. „Das Stottern wurde immer schlimmer. In der Schule konnte ich nahezu keine mündlichen Leistungen bringen“, erzählt er. Dabei hatte er noch Glück mit seinen „Lehrern, die damit umgehen konnten.“ Er wurde „mitgenommen“, hatte Freunde. „Aber es war eine Belastung, die mich innerlich viel Kraft gekostet hat“, berichtet Manfred Hammer. Selbstzweifel. Zwar kann der geschickte Stotterer kaschieren, schwer auszusprechende Wörter meiden und durch andere ersetzen. Aber sie sind unvermeidlich: Minderwertigkeitskomplexe, depressive Tendenzen. Heute spricht Manfred Hammer fließend. Nichts zu merken von seinen einstigen Problemen und Zweifeln. Diese Erfahrung, Dinge zu schaffen – selbst, wenn sie unmöglich scheinen – dabei möchte er nun anderen helfen.

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Bis nach dem Architekturstudium an der TU Dresden kam Hammer durch, dank vieler, die Rücksicht nahmen. Dennoch, es war schwer. „Meinen Beruf wollte ich dann schmeißen. Ich musste viel telefonieren und konnte es nicht“, erzählt der heute 69-Jährige. Damals war er 27. Dann, 1978, hatte er Glück, kam zu einem therapeutisch untersetzten Lehrgang an die Charité. Der Leiter, ein auf diesem Gebiet anerkannter Logopäde und selbst sprachgestört, beeindruckte Hammer: „Als ich ihn sah, wusste ich: Ich bekomme das auch hin. Seine Persönlichkeit und Methoden wirkten auf mich wie ein Impuls. Ich wusste, dass dieser Impuls der Anfang war für einen langen, aber stetigen Weg der Besserung.“

Flüssiges Sprechen ist erlernbar

Danach war Hammer nicht geheilt, „aber wir hatten Werkzeuge an die Hand bekommen, um an uns zu arbeiten.“ So baute er eine Gruppe von am Ende 20 Betroffenen auf, die sich regelmäßig in der Nähe von Meißen trafen und übten. „Man muss lernen, mit den verschiedenen Methoden und psychischen, sprechmotorischen und rhetorischen Möglichkeiten virtuos umzugehen“, erklärt Hammer und ergänzt, „wie ein Musiker mit seinem Instrument.“

Es war ein weiter, anstrengender Weg. Rund 25 Jahre brauchte er, um so virtuos mit den Wörtern umzugehen. Misserfolge gehörten dazu. Beharrlichkeit und Wissen waren nötig. „Heute habe ich keine Probleme mehr, mit Menschen zu sprechen. Ganz im Gegenteil. Sprechen mit anderen bereitet mir Freude und ist selbstverständlich.“

Mit der politischen Wende brach die Sprechrunde, zu der Leute aus ganz Sachsen kamen, langsam auseinander. Auch Hammer selbst stand vor großen, neuen Herausforderungen. „1989 war ich so weit, dass ich in die Freiberuflichkeit ging.“ Zudem stellte er sich den Aufgaben im Kreistag Meißen. „Das hat mich angestrengt, aber ich wollte es wissen.“ Doch die Sprechgruppe sollte nicht ganz auseinanderfallen. 1991 gründete sich mit etwa 30 Mitgliedern einer der ersten Behinderten-Selbsthilfevereine in Sachsen, der jedoch später aufgelöst wurde. Leider, so sagt Hammer. „Sprechgestörte haben in unserer überaus harten Konkurrenz- und Selbstbehauptungsgesellschaft überaus schlechte Karten.“ So sei die stark beeinträchtigte Kommunikation schließlich auch ein Grund für das Scheitern des Vereins gewesen.

Verein mit Sitz im Nossener Gohla

Gemeinsam mit dem Verein Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen hat Manfred Hammer 2018 den Verein Stotterer-Selbsthilfe Sachsen mit Sitz im Nossener Ortsteil Gohla neu gegründet. Vor 27 Jahren hatte der Architekt das Grundstück mit einem alten, zerfallenen Haus gefunden. Idyllisch, abseits vom Trubel gelegen, ist Entspannung schon beim Betreten zu spüren. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt er. Zudem gefällt ihm der Standort, in der Mitte von Sachsen. Ursprünglich war es eine „alte Bruchbude. Das halbe Dach fehlte.“ Dank seiner Fachkenntnisse hat er es Stück für Stück saniert. Alte Teile verbaut, adaptiert. Zufrieden über das Geschaffene sitzt Hammer auf einer Bank vor dem Haus. Wein rankt an der Fassade.

Neben der Vereinsorganisation sieht Hammer einen Schwerpunkt in der Unterstützung jüngerer Sprechbehinderter, „die noch ihren Ausbildungs- und Berufsweg vor sich haben. Da gibt es sicherlich viele Fragen“, sagt er. „Und wir, ich schließe meine anderen Mitstreiter ein, versuchen zu unterstützen, wo es möglich ist.“ Alle mit Sprechproblemen oder von Sprechangst Betroffenen ab etwa 16 Jahren seien willkommen, betont er. „Jüngere natürlich auch, aber für sie gibt es erst einmal ein gut ausgeprägtes logopädisches Netz.“ Hammer komme es darauf an, seine vielen Erfahrungen möglichst effektiv weiterzugeben.

Die Veranstaltungen des Vereins Stotterer-Selbsthilfe Sachsen sollen noch erweitert und qualifiziert werden. Deshalb würde er sich über Interessierte und Engagierte, auch die nicht betroffen sind, freuen, die beispielsweise bei der Organisation helfen.

Kontakt für Betroffene und Unterstützer: Stotterer-Selbsthilfe Sachsen e. V., Manfred Hammer, Gohla Nr. 5, 01683 Nossen, Telefon: 0170 4447057 oder 0351 8473030, [email protected]

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