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Die Lkw fast im Wohnzimmer

Bewohner der Königstraße in Lommatzsch klagen über Verkehr, Lärm und Gestank. Eine Umgehungsstraße wurde schon vor Jahrzehnten versprochen.

Genervt, engagiert und letztlich resigniert: Siegbert Kothe aus Lommatzsch leidet wie so viele Anwohner unter zunehmendem Lkw-Verkehr.
Genervt, engagiert und letztlich resigniert: Siegbert Kothe aus Lommatzsch leidet wie so viele Anwohner unter zunehmendem Lkw-Verkehr. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Seit mehr als sieben Jahrzehnten wohnt der 77-jährige Siegbert Kothe in diesem Haus an der Königstraße in  Lommatzsch. An den vielen Verkehr hat er sich zwangsweise im Laufe der Jahrzehnte gewöhnt. "Doch so schlimm wie jetzt, war es noch nie", sagt er. Die enge Königstraße, die sich mitten durch die Stadt zieht, ist die kürzeste Verbindung von der B 6 am Abzweig Prausitz zur Autobahn nach Nossen. "Viele vor allem osteuropäische Lkw-Fahrer verlassen die Autobahn in Leipzig, fahren dann über die B 6 und dann wieder in Nossen auf die Autobahn,  um die Mautkosten zu sparen", sagt er. 

Er und die anderen Anwohner sind genervt.  Vom Lärm und vom Dieselgestank.  "Das geht bis abends 22 Uhr und fängt früh halb zwei wieder an. Nachts das Fenster aufzulassen zum Lüften, ist nicht drin", sagt er.  Die Lastkraftwagen fahren so eng nicht nur an seinem Haus vorbei, dass sie fast im Wohnzimmer stehen.  "Die Schulkinder und auch ältere Leute haben Angst, über die Straße zu gehen", sagt er. Und nicht nur das. Die tonnenschweren Lkw hätten an einigen Häusern schon Risse im Mauerwerk verursacht.

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Erst Graben, jetzt ein Huckel

Vor einiger Zeit ist ein weiteres Ärgernis dazugekommen. In der Stadt wurden Breibandkabel verlegt. Ein Graben geht in unmittelbarer Nähe des Hauses von Siegbert Kothe quer über die Straße. Nachdem  die Decke wieder geschlossen war, bildete sich ein Graben, durch welche die Lkw donnerten. Er beschwerte sich bei der Stadt. Die Straße wurde repariert. Jetzt gibt es einen Huckel. Das Ergebnis ist das Gleiche. "Gerade wenn Fahrzeuge mit leeren Containern mit Karacho über den Huckel fahren, dann donnert es gewaltig", so der 77-Jährige. 

Ein weiteres Problem sei, dass die Gewerbegebiete der Stadt nicht ausgeschildert seien. Die Lkw-Fahrer irrten durch die Stadt. "Ich beobachte immer wieder, dass Lkw die Königstraße hinunterfahren. In ein paar Minuten kommen sie wieder zurück, weil sie merken, dass sie sich verfahren haben", so Siegbert Kothe. Dabei befahren sie auch immer wieder die Carl-Menzel-Straße. "Die ist für Lkw gesperrt. Aber keinen interessiert das. Kontrolliert wird das Lkw-Verbot auch nicht", sagt der Lommatzscher. 

Schon vor elf Jahren platzte den Anwohnern der Kragen, weil sie von der Politik im Stich gelassen wurden. Mehr als 200 Leute unterschrieben eine Petition an den Sächsischen Landtag. Sie forderten als erste Maßnahme eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Kilometer pro Stunde und entsprechende Kontrollen. Außerdem sollte die Tonnage für die Straße auf 7,5 Tonnen begrenzt werden. 

 Vierzigtonner und landwirtschaftliche Fahrzeuge passierten oft mit unangemessener Geschwindigkeit die Straße. Es komme oft zu gefährlichen und geräuschvollen Bremsungen,  um aneinander vorbeizukommen. Der Lärm sei inzwischen unerträglich geworden. Auch die Bausubstanz der Häuser sei inzwischen durch den anwachsenden Schwerlastverkehr extrem gefährdet, heißt es in dem Schreiben. Geändert hat sich an den Zuständen in den elf Jahren nichts. Im Gegenteil: Es ist noch viel schlimmer geworden. 

964 Lkw an einem Tag

Siegbert Kothe und andere Anwohner haben damals gezählt. An einem Tag im August donnerten in 24 Stunden allein 620 der 40-Tonner über die Königstraße. Hinzu kamen 344 Lkw mit einer Masse zwischen 7,5 und 20 Tonnen sowie 3.120 Pkw und Transporter.  Den genervten Anwohnern wurde schon lange Hilfe versprochen. Seit Jahrzehnten wird eine Westumfahrung von Lommatzsch geplant. Das Zählen hat er inzwischen aufgegeben. "Das Verkehrsaufkommen dürfte sich seitdem wohl mehr als verdoppelt haben", schätzt der Lommatzscher. Seit Jahren werden er und die anderen geplagten Anwohner immer wieder vertröstet. Eine Westumfahrung, die den Verkehr aus der Stadt bringen und damit das Problem lösen würde, ist seit Jahrzehnten in der Planung. Doch passiert ist bisher nichts. 

Nicht mal im Plan für 2030

Kommt nun also in absehbarer Zeit  die so sehr ersehnte  Westumfahrung? Nachfrage beim zuständigen Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). "Die verkehrliche Problematik in Lommatzsch, insbesondere die nachvollziehbare Zielstellung, die Königstraße vom Durchgangsverkehr zu entlasten, ist uns bewusst und wurde auch durch die Stadt Lommatzsch bereits mit uns besprochen", so Pressesprecherin Isabell Siebert. 

Es habe erste verkehrliche Untersuchungen gegeben, um die Entlastungswirkung unterschiedlicher Varianten aufzuzeigen." Im Ergebnis dieser Untersuchungen wurde die sogenannte Westumgehung im Zuge der S 85 als verkehrlich effizienteste Möglichkeit ermittelt. Mit der Umsetzung einer Nordostumfahrung unter abschnittsweiser Nutzung der vorhandenen Weissacher/Domselwitzer Straße sowie der kommenden S 32-Ostumfahrung von Lommatzsch, könne aber eine Entlastung der Königstraße ebenfalls mit akzeptablen Ergebnissen erreicht werden. Diese Variante hätte den Vorteil, dass sie einfacher und kostengünstiger zu realisieren wäre", so Isabell Siebert. Das Lasuv habe deshalb  dieses Vorhaben  für die Einordnung in den Landesverkehrsplan 2030 des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr angemeldet, so die Pressesprecherin. 

Das hieße also, dass in frühestens zehn Jahren eine Lösung geplant werden könnte. Doch nicht einmal dazu wird es kommen, denn: "Das Vorhaben konnte allerdings nicht in den Landesverkehrsplan 2030 eingeordnet werden, weil es nicht den Vorgaben der Kosten-Nutzen-Rechnung entsprach", heißt es aus dem Lasuv weiter.  Und wieder werden die Lommatzscher vertröstet und hingehalten: Das Vorhaben könne ja "zu gegebener Zeit  gegebenenfalls erneut geprüft werden", so Isabell Siebert.

Damit ist klar, eine Lösung wird es für die Bewohner der Königstraße  in absehbarer Zeit nicht geben. "Wir werden weiter im Stich gelassen", resümiert ein resignierter Siegbert Kothe.  Er wohnt zwar an der Königstraße, fühlt sich aber nicht als König, sondern als Bettler. Den die Behörden an der ausgestreckten Hand verhungern lassen. 

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