SZ + Meißen
Merken

Die Lust an der Linie

Mehr als 30 Künstler haben Arbeiten auf Papier beim 20. Meißner Grafikmarkt gezeigt. Allerdings kamen weitaus weniger Besucher als sonst.

 4 Min.
Teilen
Folgen
Der Freundeskreis Albrechtsburg Meißen hat gemeinsam mit der Albrechtsburg Meißen und dem Gewerbeverein der Stadt den 20. Meißner Grafikmarkt veranstaltet. Viele Künstler nahmen daran teil.
Der Freundeskreis Albrechtsburg Meißen hat gemeinsam mit der Albrechtsburg Meißen und dem Gewerbeverein der Stadt den 20. Meißner Grafikmarkt veranstaltet. Viele Künstler nahmen daran teil. © Claudia Hübschmann

Von Lilli Vostry

Nimm, was der Blick dir gibt“, lockt als Aufforderung an die Besucher zum Sehen und Genießen gleich neben dem Eingang. Der Spruch ziert zusammen mit farbigen Holzschnitten und Bonmots aus seinem Lebenswerk den Ringelnatz-Kalender für 2022.Der liegt neben maritimen Grafiken auf alten Seekarten und kleinen typografischen Blättern voller doppelsinniger Lebensweisheiten am Stand von Hans-Hilmar Koch. Er ist Grafiker, Setzer und Drucker in Krakow am See und der am weitesten angereiste Teilnehmer beim 20. Meißner Grafikmarkt, der am Wochenende auf der Albrechtsburg Meißen stattfand. Über 30 Künstlerinnen und Künstler, vorwiegend aus der Region, zeigten vielfältige Arbeiten auf Papier für ein breites Publikum zum Verkauf.

Der Erlös geht anders als in Galerien vollständig an die Künstler. Ein halbes Dutzend Künstler hatten ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt. „Zwei von ihnen kamen nicht klar mit dem kostenpflichtigen Testnachweis für Ungeimpfte. Das ist sehr bedauerlich“, sagt Schlossleiter Uwe Michel. In der Grafikmarktausschreibung sei auf die geltenden Covid-19-Regelungen hingewiesen worden.

Unter den Künstlern beim Grafikmarkt war auch der Liedermacher und Maler Hans-Jürgen Andersen aus Dresden.
Unter den Künstlern beim Grafikmarkt war auch der Liedermacher und Maler Hans-Jürgen Andersen aus Dresden. © Claudia Hübschmann

Nachdem der Meißner Grafikmarkt bereits zweimal abgesagt werden musste, sei man froh, dass die Kunstschau dieses Jahr wieder stattfinden konnte. Daher fand der Jubiläums-Grafikmarkt nicht wie sonst im Frühjahr statt, sondern jetzt. Rund 2.500 Besucher kamen diesmal, so Michel. Weitaus weniger wohl auch wegen der Corona-Einschränkungen. Bisher kamen bis zu 5.000 Besucher an beiden Tagen zum Meißner Grafikmarkt.

„Es ist ein ambitioniertes Publikum hier und eine angenehme Umgebung“, sagt Hans-Hilmar Koch. Er komme auch gern, um Freunde und Künstlerkollegen und deren Arbeiten zu sehen und neue Dinge zu besprechen.

Catrin Große lebt freischaffend als Malerin, Grafikerin und Bildhauerin in Dresden und ist erstmals beim Meißner Grafikmarkt dabei. Sie nimmt ihre Bilder aus der Folie, damit die Besucher sie besser sehen. „Es ist ja auch als Kunst zum Anfassen gedacht.“ Sie zeigt zarte Kirschblütenzweige, sich jagende Jaguare, sinnliche Frauenakte und eine grinsende Gestalt mit Totenschädel. Mal in starken Schwarz-Weiß-Kontrasten und mal schwebend leichte Blätter, die mit linearen grafischen Strukturen spielen im von ihr entwickelten Ambossdruck, einem Hochdruckverfahren mit Tiefdruckanleihen. In ihren Grafiken gibt sie sich ganz der Lust am Spiel mit der Linie hin. „Ich habe schon oft Bildtitel gefunden durch Gespräche mit Besuchern, die Bilder wirken ja auf jeden anders und öffnen Türen“, freut sie sich über die Resonanz.

Schön wäre, wenn Künstler ihre Arbeiten noch selbstverständlicher und sichtbar auch in großen Ausstellungen, Galerien und Museen zeigen könnten. „Es gibt nicht so viele Grafikmärkte in der Gegend und das ist eine gute Gelegenheit, präsent zu sein“, sagt die Radebeuler Künstlerin Dorothee Kuhbandner. Guten Zuspruch fanden ihr neuer farbenfreudiger und fantasievoller Jahres- und Adventskalender sowie ihre „LebensART“-Hefte mit originellen Zeichnungen und Sprüchen. Neu sind ihre farbigen Sägeblatt-Drucke mit schwungvollen Figuren.

Auch Papier- und Buchbindekunst gab es beim Grafikmarkt zu sehen und zu kaufen.
Auch Papier- und Buchbindekunst gab es beim Grafikmarkt zu sehen und zu kaufen. © Claudia Hübschmann

Gabriele Seitz stellte ihren neuen Bildband „In Lethes Garten“ mit stimmungsvoller Schwarz-Weiß-Fotografie und einen Tischkalender mit Blumen-Stillleben vor.Eine besondere Entdeckung sind die in einem Extraraum der Albrechtsburg ausgestellten farbenfroh-skurrilen Bilder sächsischer Kurfürsten von Esteban Velazquez von Wilhelm. „Herr Michel hat mich angerufen und zu dieser Ausstellung eingeladen“, freut sich der 41-jährige Historiker und Künstler aus Venezuela, der seit 2016 in Dresden lebt. Er trägt eine rote Augenklappe, ein Auge verlor er durch Folter des Regimes in seinem Heimatland, und eine bemalte Lederjacke mit Meißner Stadtwappen. Witzig, frech und fantasievoll, weiß perückt und ein Auge von einem Fleck bedeckt, spielen seine Porträts sächsischer Kurfürsten und Herrscher mit Äußerlichkeiten, Posen, Symbolen von Macht und Individualität und hinterfragen sie.

Die Bilder lösen unweigerlich Staunen und Schmunzeln aus und bringen goldverziert, mit wild expressiver Farbigkeit und dem Blick von außen auf hiesige Traditionen und Gegenwart frischen Wind in das altehrwürdige Gemäuer der Albrechtsburg. Von Wilhelms sächsischer Hof kann dort auf Anfrage noch zwei Wochen bis 4. November besichtigt werden.

Der nächste Meißner Grafikmarkt soll planmäßig im Frühjahr 2022 einladen. Am Sonntag findet aber erst einmal das Radebeuler Pendant von 10 bis 18 Uhr in der Elbsporthalle in Kötzschenbroda statt.