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„Die Stadt muss attraktiver werden“

Was ist zu tun, damit es sich in Meißen gut leben lässt? Die SZ sprach darüber mit Meißens neuem Baudezernenten Albrecht Herrmann.

„Wir arbeiten an einem Modell, wie wir jungen Familien beim Kauf von Grundstücken entgegenkommen können“: Baudezernent Albrecht Herrmann.
„Wir arbeiten an einem Modell, wie wir jungen Familien beim Kauf von Grundstücken entgegenkommen können“: Baudezernent Albrecht Herrmann. © Claudia Hübschmann

Meißen. Seit dem 1. April ist er der neue Baudezernent und damit Chef über Bauamt, Bauaufsicht, Bauhof und Bauverwaltung im Meißner Rathaus: Albrecht Herrmann. Der diplomierte Bauingenieur hatte zuvor im Hochbauamt der Dresdner Stadtverwaltung gearbeitet. Der 47 Jahre alte, dreifache Familienvater lebt in Weistropp und kommt – wenn es sich einrichten lässt – gern mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Herr Herrmann, was hat Sie in Ihrem neuen Job in Meißen am meisten überrascht?

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Die Ausstellung „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ gibt einen umfassenden Überblick und Einblick in das Gesamtwerk des Genies und Ausnahmekünstlers.

Vor allem die Bandbreite der Aufgaben. An einem Tag habe ich viele Termine, muss mich auf ganz unterschiedliche Themen vorbereiten. Das Aufgabenspektrum ist noch viel breiter gefächert, als ich es angenommen habe. Auch deshalb macht die Arbeit viel Freude.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie sich für Meißen entschieden?

Meißen ist eine sehr schöne Stadt mit sehr viel Potenzial. Vieles könnte noch besser erlebbar gemacht werden – und so Einwohner ebenso wie Besucher noch mehr begeistern.

Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel die Elbe. Die Flächen an den Ufern im Stadtgebiet ließen sich aus meiner Sicht interessanter gestalten, sodass sie mehr Aufenthaltsqualität bieten. Durch Terrassierung könnten Möglichkeiten zum Spazieren, Verweilen, Spielen, vielleicht auch für einen Biergarten geschaffen werden – natürlich ohne dabei den Hochwasserschutz außer Acht zu lassen.

Der Bund hat jetzt ein Förderprogramm aufgelegt, um die Schulen mit Luftreinigern auszustatten. Haben Sie schon Anträge gestellt?

Die Förderung gilt ja nur für Räume der Kategorie 2, also dort, wo eine freie Belüftung schlecht möglich ist. Ich habe das in Meißen erfassen lassen. Die hiesigen Räumlichkeiten lassen sich alle belüften. Somit haben wir hier in Meißen die Bedingungen, die erforderlich sind, in ausreichendem Maße Luftaustausch zu gewährleisten.

In der Vergangenheit scheiterten mehrere Bauvorhaben – etwa für ein Gästehaus in Proschwitz oder für Eigenheimstandorte – an den Mehrheitsverhältnissen im Stadtrat. Was können Sie tun, um „Blockaden“ zu lösen?

Da ich neu im Amt bin, kann ich die Dinge jenseits ihrer Vorgeschichte betrachten. Meine Mitarbeiter und ich sind mit vielen Bauherren und Investoren im Gespräch. Wir beraten sie, wie sie das Baurecht für ihre Vorhaben erhalten.

Was bedeutet das im Fall der im März, unmittelbar vor Ihrem Amtsantritt, abgelehnten Baupläne für ein Gästehaus in Proschwitz?

Auch hier sind wir weiter im Gespräch – wie mit allen Investoren, die ihre Entwicklungswünsche und Projektideen an die Bauverwaltung herantragen.

Was ist aus Ihrer Sicht zu tun, damit es sich in Meißen gut leben lässt?

Wir arbeiten an Landschaftsplänen, untersuchen verschiedene Standorte hinsichtlich ihrer ökologischen Funktion für die Stadt. Aber auch Konzeptionen für Kleingärten und Spielplätze entstehen in der Bauverwaltung. Das dient dem Ziel, die Stadt attraktiver zu machen. Für die Zukunft und eine nachhaltige Entwicklung der Stadt brauchen wir junge Familien. Die Kombination von guten Arbeitsplätzen und gutem Wohnumfeld ist die beste Voraussetzung dafür, dass sich junge Familien entscheiden, in Meißen zu wohnen. Die Verwaltung kann Einfluss darauf nehmen, wie familienfreundlich die Stadt wahrgenommen wird. Da fallen neben Kitas und Schulen auch Spielplätze ins Gewicht. Aber auch der Bürgergarten, der jetzt im Triebischtal entsteht, soll die Stadt für ihre Bewohner attraktiver machen. Und wir arbeiten an einem Modell, wie wir jungen Familien beim Kauf von Grundstücken entgegenkommen können, zum Beispiel durch einen Kinderbonus.

Gibt es denn überhaupt noch Areale im Stadtgebiet, die als Wohnstandorte entwickelt werden können?

Wir arbeiten an einem neuen Wohnbauflächenkataster. Darin sind alle Potenziale in der Stadt aufgezeigt und nach Kategorien geordnet. Ich erwarte davon Aufschluss darüber, wo Flächen schnell entwickelt werden können, auch um Angebote zum Flächenerwerb für Wohnbauten zu schaffen.

Die Sanierung und Modernisierung historischer Bauten in Meißen setzt Maßstäbe. Gilt das auch für die Pflege traditioneller Bauweisen?

Das Lehmhaus, das Professor Jäger als Bauherr gerade am Stadtrand errichtet, ist ein Beispiel dafür. Hier zeigt sich auch, wie alte Technologien neu interpretiert werden können. Die Lehmbautechnologie wurde auch bei der Veranstaltungshalle im Hahnemannzentrum angewandt. In der Verwaltung versuchen wir, Bauherren für ökologische Bauweisen zu gewinnen. Bei den weiteren Planungen für das neue Wohngebiet am Fürstenberg, wo besonderer Wert auf ökologische Aspekte gelegt werden soll, ist das ein Thema. Dabei muss aber auch geklärt werden, ob das bezahlbar ist und wo die Baumaterialien herkommen. In unserer Region sind Hersteller von Lehmziegeln derzeit eher rar.

Die Corona-Krise und die Flutkatastrophe in diesem Sommer werden sich auf die Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen auswirken. Sie müssen mit weniger Zuweisungen und geringeren Fördermöglichkeiten rechnen. Was bedeutet das für Sie?

Für Bauvorhaben in Meißen nutzen wir im Wesentlichen zwei Förderprogramme – das zum Stadtumbau und das EU-Programm zur regionalen Entwicklung (EFRE), neben den speziellen Fachförderungen für z. B. Schule, Sport und Straßen. Zumindest für den Zeitraum der laufenden Förderperioden ist klar, was aus diesen Töpfen zu erwarten ist. Deshalb kommt es für uns darauf an, den größtmöglichen Planungsvorlauf zu schaffen. Damit haben wir die größte Aussicht auf Bewilligung unserer Förderanträge – für Bauvorhaben an städtischen Straßen und Gehwegen ebenso wie für Projekte im Bereich Schulen und Kitas.

Ein Ärgernis in Meißen ist der Hamburger Hof, der weiter verfällt. Sehen Sie Aussicht auf Rettung des Gebäudekomplexes?

Ich weiß, dass der Hamburger Hof bei vielen Meißnern mit Erinnerungen an Erlebnisse aus ihrer Jugend verbunden ist. Aber die Nutzung als Veranstaltungsort hat bei allen Ideen, die es seit der Schließung gab, kaum noch eine Rolle gespielt. Da sich das Gebäude in privatem Eigentum befindet, sind die Einflussmöglichkeiten der Stadt begrenzt. Sie beschränken sich auf die Durchsetzung von Sicherungspflichten. Einem bislang eingereichten Bauantrag konnten wir aus Gründen des Denkmalschutzes nicht zustimmen. Wir stehen den Investoren aber jederzeit kompetent zur Seite.

Das Gespräch führte Harald Daßler.

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