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Ein Fragezeichen als "Goldesel"

Nahe Stauchitz soll die slawische Burg Gana gestanden haben. Dies soll touristisch vermarktet werden, findet ein Dresdner.

Ausgrabungen an der Stelle, wo die Burg Gana bei Stauchitz vermutet wird, gab es auch 2013.
Ausgrabungen an der Stelle, wo die Burg Gana bei Stauchitz vermutet wird, gab es auch 2013. © Foto: Archiv

Stauchitz/Meißen. Was haben Nebra und Stauchitz gemeinsam, abgesehen von der Lage im ländlichen Raum und der Einwohnerzahl? "Nichts", sagt der Dresdner Peter W. Janakiew. Nebra war bis zum Fund der Himmelsscheibe eine verschlafene Stadt im Norden des Burgenlandkreises. Abseits der stark touristisch frequentierten Saale-Unstrut-Region gelegen. "Heute ist Nebra international bekannt und hat mit seinem Besucherzentrum ein neues touristisches Highlight. Denn der Landkreis, die Stadt und weitere Akteure haben es verstanden, aus der haptisch nicht erlebbaren Himmelsscheibe eine touristische Erfolgsgeschichte zu stricken", so Janakiew. Die zudem auch wirtschaftlich überlebt. Zum 100.000 Besucher sagte der Landrat des Burgenlandkreises, eine schlafende Landschaft sei geweckt worden.

Stauchitz, mit seiner Lage vom Jahnatal bis in die Lommatzscher Pflege, sei auch eine schlafende Landschaft. "So zumindest mein Eindruck, als ich vor Ort wandern war. Dabei hat der Ort mit der Burg Gana einen riesigen Schatz im Boden, buchstäblich. Ich verstehe nicht, warum wird zugelassen, dass dieses einmalige Bodendenkmal durch den intensiven Ackerbau weiter geschliffen wird", so der Dresdner. Anderenorts würden im Freistaat Sachsen Millionen Euro aufgewendet, um aus historischen Fundamentresten Neues entstehen zu lassen. In Stauchitz passiere nichts. Dabei – auch wenn es sich nicht um die Hauptburg der Daleminzier handeln sollte – gelte es, die herausragende Anlage sofort zu schützen und jeglichen Eingriff zu unterbinden.

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Fokus nur auf Dresden und Meißen

"Zweitens was ich nicht verstehe, warum wird mit dem Schatz im Boden die Landschaft nicht erweckt. Mit einem Besucherzentrum, zum Beispiel im Stil des Taunusinformationszentrums, könnten Besucher nach Stauchitz geholt werden", so Janakiew. Die Lage sei zudem ideal, es sei in einer Stunde mit dem Auto von Dresden, Leipzig und Chemnitz zu erreichen, auch eine Bahnanbindung bestehe. "In der Dauerausstellung wird über die slawische Burg informiert und letztlich über den Nukleus der Mark Meißen, den Beginn der sächsischen Geschichte. In Nebenausstellungen über das Jahnatal mit seinen Schlössern, Rittergütern und die Lommatzscher Pflege mit seinen Windmühlen, dem Ackerbau.

Im Außenbereich könnten beispielsweise Teile der Burg als Anschauungsobjekte restauriert werden und eine begehbare Windmühle errichtet werden. Für letzteres würde sich sehr gut die Windmühle Dobernitz eignen. Laut Denkmalschutz ein Gebäude mit Seltenheitswert, baugeschichtlich, technikgeschichtlich und ortsgeschichtlich sehr bedeutsam, vergammelt es an seinem Standort", so seine Vorstellungen.

Er beobachte seit Jahren im Tourismuskonzept des sächsischen Elblands eine sehr starke, fast ausschließliche Fokussierung der politischen, finanziellen Ressourcen auf die „Goldesel“ in Meißen und Dresden. Dabei gibt es abseits dessen sehr viele "Fragezeichen" in der Region, die riesiges Potenzial hätten, die neuen „Goldesel“ zu werden. Stauchitz ist so ein Fragezeichen, das aber sehr schnell und sicher zum Star werde, wenn mindestens genauso gestrickt werde wie in Nebra, meint er.

Die Burg Gana ist in der Tat ein Fragezeichen. Unter einem Hügel an der Bundesstraße 169 vermuten Archäologen eine der wichtigen Mittelalterburgen auf sächsischem Boden. Doch ganz sicher ist man sich nicht. Sie ist so etwas wie das Troja Sachsens . Homer beschrieb Troja in seiner Dichtung Ilias, ohne zu sagen, wo der Ort lag. Darüber streitet man bis heute. So ist das auch bei Gana.

Die ältesten schriftlichen Hinweise auf die Burg Gana hinterließ Widukind von Corvey. Auch der Benediktinermönch machte keine Angabe, wo einst die Hauptburg der slawischen Dalaminizier stand, die Ende des ersten Jahrtausends in dem Gebiet siedelten, das heute als Meißener Land und Lommatzscher Pflege bekannt ist. In seiner Sachsengeschichte schrieb Widukind, dass Heinrich I. während seines Slawenfeldzuges 928/29 die Feste Brandenburg nahm und danach südwärts gegen die Dalaminizier zog.

Die Schlacht fand vermutlich neben der heutigen Bundesstraße 169 statt, fast in der Mitte zwischen Riesa und Döbeln. Hier, am Ortsausgang von Stauchitz, erhebt sich unweit vom Jahna-Bach ein flacher Hügel.

Von der B 169 aus ist keine Burg zu entdecken. Aber auf Luftbildern sind auf dem Acker deutlich runde und viereckige Verfärbungen des Bodens sichtbar. Es sind offenbar die Reste menschlicher Bautätigkeit.

Vor allem aber die Spuren heftiger Brände aus der Zeit um 900 nach Beginn unserer Zeitrechnung und die Größe der Anlage sind für die Archäologen Anhaltspunkte dafür, dass es sich bei dem Hügel an der alten Pappmühle bei Stauchitz, um die Reste jener legendären Festung handelt, die Widukind erwähnt. Ihre Eroberung führte noch im selben Jahr zur Gründung der Mark Meißen. Die Schlacht um Gana gehört somit zum Ursprung sächsischer Landesgeschichte.

Landwirtschaft zerstört Denkmal

Schon lange streiten die Wissenschaftler um die Lokalisierung des Zentrums des slawischen Stammes Dalemincia. Mehrere Standorte unter anderem Badeitz und Zöthain waren im Gespräch. Luftbildarchäologie brachte im Jahre 1992 Aufklärung. Demnach handelt es sich bei der Anlage unmittelbar auf der Gemarkungsgrenze Stauchitz zu Hof, die auch die heutigen Regierungsbezirke Dresden und Leipzig trennt, mit höchster Wahrscheinlichkeit um die slawische Ringwallanlage Gana. Die Anlage wird durch den Pappmühlenweg in Stauchitz, Gebäude der früheren Papierfabrik, die Bundesstraße 169 und im Norden durch einen Nebenarm des Baches Jahna begrenzt.

Heute ist die stark überpflügte und eingeebnete Ringwallanlage als Bodenerhebung nur noch schwach erkennbar. Aus der Luft dokumentieren sich in einem Areal von vier Hektar zwei fast kreisrunde Ringwälle und ein quadratischer Innenhof. Nachdem im 7. Jahrhundert slawische Völker aus dem Osten hier siedelten, errichteten sie ihre Burgen vorwiegend in sumpfigen Bachauen. Im Jahre 928 stieß der erste deutsche König Heinrich I. auf seiner Ostexpansion Richtung Böhmen im Gau der Daleminzier auf die "Schlüsselstelle" der Slawenburg Gana. 30 Tage soll die Belagerung gedauert haben. Danach waren alle männlichen Verteidiger von Gana erschlagen, Frauen und Kinder in die Gefangenschaft verschleppt. Erst der Fall Ganas ermöglichte Heinrich I. den Weg zur Elbe und zur Gründung der Burg Meißen (Misni) im Jahre 929.

Die jahrzehntelange landwirtschaftliche Nutzung hat an der frühmittelalterlichen Burganlage in Hof/Stauchitz dramatische Spuren der Zerstörung hinterlassen. Noch im 19. Jahrhundert war der Wall deutlich sichtbar gewesen. Mittlerweile ist er bis auf eine schwache Erhebung eingeebnet.

Über Studie nicht hinausgekommen

Die historische Anlage touristisch zu vermarkten, dazu hat sich die Gemeinde schon vor vielen Jahren Gedanken gemacht, sagt der Stauchitzer Bürgermeister Dirk Zschoke (parteilos). "Vor Jahren gab es eine Machbarkeitsstudie, was man hier im touristischen Bereich tun könnte. Gedacht wurde beispielsweise an den Nachbau der Burg. Es hat sich aber gezeigt, dass ein solcher Erlebnistourismus für uns mindestens eine Nummer zu groß ist", so der Bürgermeister. Über das Stadium einer Studie sei man deshalb nicht hinausgekommen.

Ein weiterer Punkt sei, dass die ehemalige Burganlage gar nicht auf dem Gemeindegebiet liege, sondern in Hof in der Gemeinde Naundorf, also im Landkreis Nordsachsen. Auf Stauchitzer Gebiet liegen nur ein paar Quadratmeter am Rande. "Auf dem Originalstandort könnte man sowieso nichts machen, denn der ist denkmalgeschützt", so Zschoke. Und schließlich sei die Frage, wie viele Interessenten es für ein solches von Janakiew vorgeschlagenes Museum überhaupt gäbe.

Mit seinem Anliegen hat sich Peter W. Janakiew auch an den Meißner Landrat Ralf Hänsel (parteilos) gewandt. In seinem Schreiben verweist das Landratsamt auf die in den zurückliegenden Jahren sehr intensive Beschäftigung mit den Kulturlandschaften das Landkreises. Dabei seien 20 Schlüsselprojekte für eine künftige Umsetzung ins Auge gefasst worden. Eines der Schlüsselprojekte befasst sich unter dem Titel „Spurensuche“ mit dem Ziel, die Geschichte des Landkreises über ein Netz an Attraktionspunkten lebendig zu machen. In diesem Projekt ist auch die Geschichte der Burg Gana enthalten, heißt es.

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