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Meißen als Vorreiter des Lehmbaus

Die Stadt erhält aus Sicht des Ingenieurs Helge Landmann eine einmalige Chance.

Helge Landmann ist promovierter Fachingenieur für Denkmalpflege. Der Vorsitzende des Vereins Hahnemannzentrum Meißen e. V. ist auch Stadtrat mit dem Mandat der Initiative „Bürger für Meißen".
Helge Landmann ist promovierter Fachingenieur für Denkmalpflege. Der Vorsitzende des Vereins Hahnemannzentrum Meißen e. V. ist auch Stadtrat mit dem Mandat der Initiative „Bürger für Meißen". © Claudia Hübschmann

Meißen. Lehmbau in Meißen und Umgebung ist von der Tradition her nichts Unbekanntes. Lehm war hier, ob als Lösslehm oder Auelehm, immer reichlich verfügbar. Insofern mag es verwundern, dass Professor Wolfram Jäger aus Radebeul diesen Baustoff heute neu ins Gespräch bringen muss. Mehr noch, dass er in ihm Qualitäten herausstellt, die Deutschland die gesteckten Klimaziele erreichen helfen werden. Das ist natürlich richtig, so neu aber auch wieder nicht.

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Unsere Altvorderen, die in der Mehrheit nicht aus dem Vollen leben konnten, waren sich, ohne große Wissenschaft betreiben zu müssen, ohne Weiteres einig, welche hervorragenden Eigenschaften Lehm besitzt. Neben der guten Verarbeitbarkeit sind das die vortreffliche Wasseraufnahme und -abgabefähigkeit, welche zur natürlichen Stabilisierung von Feuchte- und Temperaturverhältnissen in Räumen führt. Es waren aber auch die Anwendungsbreite und Bildsamkeit, die diesen Baustoff immer ausgemacht haben. Wände wurden damit gestampft, Holzkonstruktionen ausgefacht, Fußböden in den Kellern oder Geschossdecken mit Lehmschlag versehen, Öfen damit gesetzt oder als Ganzes errichtet.

Mit Professor Gernot Minke an der Universität Kassel zog die Beschäftigung mit Lehm in den 1980 und 1990er Jahren in die moderne Baukonstruktionslehre ein. Schon damals stand die Frage der Energiebilanz des Bauens in der Diskussion. Wegen der nicht vorhandenen Normierbarkeit seiner Eigenschaften kam es allerdings nicht zur nachhaltigen Anwendung des großartigen Naturproduktes in unserer hoch technisierten Baustoffwirtschaft. Er blieb ein Nischenartikel für Liebhaber oder Angebot für Entwicklungsländer. Dennoch hatte sich die Ziegelei Klaus Huber in Graupzig in der Lommatzscher Pflege sehr rasch auf eine Linie zur Vermarktung von Lehmbauerzeugnissen eingerichtet und dazu Mitarbeiter eingestellt. Das Meißner Hahnemannzentrum erarbeitete mit dem beim Verein angestellten, leider aber viel zu früh verstorbenen Baubiologen Bernd Lehmann eine ganze Lehmbauphilosophie und stellte sie selbstbewusst neben die Zeugnisse 800-jähriger Klosterbaukunst.

Enthusiasten in Heiligkreuz

In dieser Zeit kam es zu ersten Begegnungen mit Professor Jäger, der damals als Lehrstuhlinhaber auf der Suche nach praktischen Beispielen des Bauens mit dem alten/neuen Baustoff Lehm war. Das Zentrum trug sich mit dem Gedanken, ein Erdhügelhaus in moderner Lehmbautechnik zu errichten, und der Baustandort „Rotes Haus“ hatte in Verbindung mit Aushubarbeiten für Keller ergiebige Mengen des begehrten Baumaterials geliefert. An einer Zusammenarbeit mit einer heimischen Universität waren die Initiatoren sehr interessiert. Aus dem Projekt selbst wurde aber leider nichts. Professor Jäger fand seine Herausforderung an einem Teilprojekt zur Wiedererrichtung der erdbebenzerstörten Zitadella in Bam (Iran).

Immerhin aber schlossen die Enthusiasten in „Heilig Kreuz“ noch vor dem Jahr 2000 den Bau eines Fachwerkgebäudes mit Lehmstakung bzw. mit Strohhäcksel gemagerten Lehmsteinen ab, welcher dem Klosterareal in einem Teilabschnitt die äußere Fassung gab. Die Innungsschule des Bauhandwerkes in Meißen hatte den Verein durch Lehrlinge bei den Bau- und Ausbauarbeiten tatkräftig unterstützt.

Durch Umstände, die das Bauen an einem hochwertigen Standort durchaus erschweren können, zogen sich die Planungen eines im Jahr 2019 schließlich begonnenen und unter-dessen kurz vor der Vollendung stehenden Veranstaltungshauses des Meißner Hahne-mannzentrums hin.

Der Bau ist architektonisch ganz der Moderne verpflichtet, das heißt, er ist funktionell, ästhetisch und arrangiert sich mit dem historischen Bestand. Er greift Lehm nicht nur als Hauptbaustoff auf, sondern setzt ihn mit Chinaschilf bewehrt und in einer Gleitschalung gestampft außerordentlich vorteilhaft und standortgerecht um. Der Oberflächenschutz blieb nicht dem Zufall überlassen. Vielmehr wurde in einem Zellulosederivat ein Bindemittel gefunden, welches dem wasserempfindlichen Material auf lange Zeit einen guten Widerstand gegen Schlagregen bietet.

Eine Perspektive für die Stadt

Das Stampfen selbst übernahmen Laien, die dadurch eine persönliche Bindung zum Bauvorhaben erlangten. Auch darin waren sich die Aktivisten des Vorhabens einig, dass das Bauen der Zukunft kein Privileg von Spezialisten, sondern eine Daseinsbestätigung für die sonst vielfach entwurzelnden Menschen werden sollte. Insofern wurde aus dem Bauvorhaben sehr schnell ein sozialökologisches Projekt.

Durch eine Ringbalkenlage aus bewehrtem Beton ist der Baukörper bei Bedarf aufzustocken. Man darf aber davon ausgehen, dass derselbe mit seiner Attikabekrönung aus Ziegeln, welche die Dachentwässerung verdeckt und später Möglichkeiten einer herabrankenden Fassadenbegrünung liefert, keine derartige Veränderung erfährt.

Dass sich in Materialität und Farbe fein in die Anlage des alten Klosters integrierende Veranstaltungshaus, ist federführend von der Klosterwerkstatt Heiligkreuz entworfen und errichtet worden. Es dürfte sich mit seinem rustikalen aber unverstellten Innenraum und der vorgelagerten Terrasse einer großen Nachfrage erfreuen. Durch verschiedene Finessen erfüllt es Forderungen, die die Baubiologie an physiologisch funktionsfähige Baukörper stellt, so die allumfassende Wasserdampfdurchlässigkeit der Konstruktion. Diese wurde unter anderem durch einen innovativen Flaschenboden bewirkt.

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