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Ein sympathischer Angeklagter

Der Mann ist Deutscher und lebt seit eineinhalb Jahren auch wieder hier, wurde aber in Tunesien geboren. Mit der Bürokratie hat er so seine Probleme.

Ein ausländischer Führerschein muss spätestes nach sechs Monaten in einen deutschen getauscht werden, wenn der Inhaber hier seinen festen Wohnsitz hat.
Ein ausländischer Führerschein muss spätestes nach sechs Monaten in einen deutschen getauscht werden, wenn der Inhaber hier seinen festen Wohnsitz hat. © Marius Becker/dpa (Symbolfoto)

Meißen. "Sie kommen hier sehr sympathisch rüber", sagt Staatsanwältin Christine Eißmann. Es ist selten, dass ein Staatsanwalt oder eine Staatsanwältin solche Worte für einen Angeklagten finden. Und in der Tat ist der 21-Jährige, der da wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis vor dem Meißner Amtsgericht sitzt, sympathisch. Er hatte Einspruch gegen einen Strafbefehl eingelegt, nimmt diesen aber auf Anraten von Richterin Ute Wehner wieder zurück. Es gibt aber eine neue Anklage, ebenfalls wegen des gleichen Vergehens. Ob die gleich ohne Einhaltung der Ladungsfrist verhandelt werden solle, fragt ihn die Richterin. "Ich weiß ja nicht, wie Sie Zeit haben, aber bei mir würde es ganz gut passen", sagt der junge Mann. Die Richterin hat Zeit.

Tunesischer Führerschein ist ungültig

Die Geschichte des jungen Mannes ist schon sehr speziell. Er wurde in Tunesien geboren und lebt seit September 2019 in Deutschland. Doch einen Dolmetscher braucht er nicht. Er spricht fließend und akzentfrei Deutsch. Das ist kein Wunder. Denn der Mann ist Deutscher, hat einen deutschen Vater und eine tunesische Mutter.

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Schon in den Jahren 2000 bis 2005 lebte er hier. "Meine Mutter wollte aber, dass ich in Tunesien zur Schule gehe", sagt er. Er besucht dort das Gymnasium, macht das Abitur. Und kommt dann wieder nach Deutschland zurück. Und da gehen die Probleme los. Das Abitur wird nicht anerkannt, ihm nur ein Hauptschulabschluss angerechnet. Er kämpft aber weiter um die Anerkennung.

Dann fährt er in Riesa mit dem Auto zu schnell, wird von der Polizei angehalten. Bei der Kontrolle stellen die Beamten fest, dass sein tunesischer Führerschein ungültig ist. Denn der gilt in Deutschland nur sechs Monate, muss bis dahin in einen deutschen umgetauscht werden. Doch die Polizisten gestatten ihm wohl, dass er noch nach Hause nach Meißen fahren darf. Das missversteht er wohl. "Die Polizisten haben gesagt, ich könne weiterfahren", sagt er. Das macht er auch. Sechs Wochen später wird er wieder kontrolliert, diesmal in Meißen auf der Neugasse. Und wieder hat er keinen gültigen Führerschein.

Mit Behördengängen überfordert

Diesmal wusste er das freilich. Einen Antrag auf einen deutschen Führerschein hat er zwar gestellt. Was er nicht weiß: Es ist nicht nur ein Umtausch, sondern er muss auch in einer Fahrschule eine Prüfung machen. Um einen Termin muss er sich aber selbst kümmern. Inzwischen hat er sich bei zwei Fahrschulen angemeldet. Einen Termin hat er aber immer noch nicht.

"Er kam blauäugig nach Deutschland, wollte sofort eine Ausbildung machen, aber das Ausbildungsjahr hatte schon längst begonnen", sagt die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe und lobt ihn. Er habe sich stets um Arbeit bemüht und versucht, sich anzupassen. Allerdings sei er mit Behördengängen überfordert.

Eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht, wie von der Jugendgerichtshilfe gefordert, kommt für die Staatsanwältin aber trotzdem nicht in Betracht. Fahren ohne Fahrerlaubnis sei keine jugendtypische Straftat. Unter Einbeziehung des Strafbefehles fordert sie eine Gesamtgeldstrafe von 1.400 Euro. Auf eine Führerscheinsperre solle aber verzichtet werden.

Genauso urteilt auch das Gericht. "Muss ich das jetzt gleich bezahlen", fragt der Mann. Nein, natürlich nicht. Vielleicht muss er auch gar nichts bezahlen, sondern kann die Geldstrafe abarbeiten. Allerdings geht auch das nicht automatisch, sondern muss bei der Staatsanwaltschaft beantragt werden. Wir sind schließlich in Deutschland.

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