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Erst Frost im Weinberg, dann Corona

Die Inhaber eines kleinen Sekt- und Weingutes nahe Meißen lassen das Jahr 2020 Revue passieren. Corona-konform mit Gästen bei einer digitalen Weinprobe.

Premiere einer Online-Weinverkostung. Die Inhaber des Sekt- und Weingutes Cambium Compagnie in Mauna, Martin Biedermann und Dirk Dobiéy treffen ihre Gäste digital.
Premiere einer Online-Weinverkostung. Die Inhaber des Sekt- und Weingutes Cambium Compagnie in Mauna, Martin Biedermann und Dirk Dobiéy treffen ihre Gäste digital. © Claudia Hübschmann

Nossen/Käbschütztal. Das kleine Sekt- und Weingut im Käbschütztaler Mauna hat zur Online-Weinverkostung eingeladen. Es soll der Abschluss eines Jahres mit Höhen und Tiefen sein. Obwohl: Die beiden Inhaber der Cambium Compagnie, Martin Biedermann und Dirk Dobiéy, vermögen es, am Ende des Tages statt eines Tiefs immer ein Hoch zu sehen. So auch am Ende 2020. Die Corona-Pandemie und der drohende Ernte-Totalausfall wegen einer Frostnacht machten dem noch jungen Unternehmen zu schaffen. Eine geplante Weinprobe war wegen der coronabedingten Einschränkungen nicht möglich, um ihren Wein und ihre Geschichte zu präsentieren. Aber alles kein Problem. Schließlich wird derzeit vieles digital erledigt. Warum also nicht auch eine Weinverkostung?

Doch ganz so einfach war auch dieses Projekt nicht. Der Ort war klar. Haus Nummer 11 in Mauna, die künftige Weinklause. Viel Arbeit, Zeit und Liebe wurden bereits in dieses alte Haus investiert. Doch wie darin heizen – ohne Ofen? Sicher keine unlösbare Aufgabe. Aber eine Online-Übertragung aus dem kleinen Mauna, dem irgendwo im nirgendwo? Die Generalprobe: Nach fünf Minuten brach die Leitung zusammen. Alles kein Problem. So zogen die Inhaber in das vier Kilometer weit entfernte Nossener Gallschütz um.

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Es ist kurz vor 17 Uhr. Aufgeregt sitzen Biedermann und Dobiéy vor den Bildschirmen. Im Hintergrund ist die Einrichtung von Haus Nummer 11 in Mauna zu sehen, obwohl sie dort gar nicht sitzen. Die Technik macht es möglich. Die Bandbreite stimmt diesmal. „Ich habe ganz schön Lampenfieber“, sagt Martin Biedermann. Für den Winzer ist das Vorhaben absolutes Neuland. Auch Dirk Dobiéy ist gespannt, wie die zweistündige Weinprobe verlaufen wird. Nach und nach erscheinen immer mehr Personen auf dem Bildschirm, wie bei einer Videokonferenz. Zuvor hatten die mehr als 20 Teilnehmer ein Paket mit drei verschiedenen Weinen erhalten. Und mit ihm die Anleitung zur digitalen Weinverkostung.

Die Eisheiligen zerstören in dem Weinberg in Mauna alle jungen Triebe. Der Totalausfall droht. Foto: Claudia Hübschmann
Die Eisheiligen zerstören in dem Weinberg in Mauna alle jungen Triebe. Der Totalausfall droht. Foto: Claudia Hübschmann © Claudia Hübschmann

Dann der Startschuss. Dobiéy schaltet sich zu, heißt alle willkommen und sagt mit einem Lachen erfreut: „Die Welt zu Gast in Gallschütz. Kann uns jemand hören?“ Nach einer kurzen Klärung technischer Details erzählt er zunächst etwas über den Weinberg in Mauna. Martin Biedermann bittet die virtuellen Gäste ihre Gläser als erstes mit dem Blanc Noir zu füllen. Dann nimmt er sein Glas, dreht und schwenkt es, betrachtet die edle Flüssigkeit im Licht. „Ein leichtes Altrosa...“ Er lädt die teils viele Hundert Kilometer weit entfernten Gäste ein, den Wein zu probieren. Erklärt, wie aus einer Rotweinsorte, dem Frühburgunder, ein Blanc Noir zu machen ist.

Nun lädt Dirk Dobiéy die Teilnehmer ein, sich selbst – sofern sie mögen – sich vorzustellen. „Uns interessiert, wer alles da draußen ist.“ Und natürlich möchten die beiden auch wissen, wie die Gäste auf die Online-Weinprobe aufmerksam wurden. Meißen, Dresden und von weiter weg melden sich die Gäste. Aachen, München, Stuttgarter Raum. Eigentlich wären auch Schweizer dabei gewesen, erzählt Dobiéy, „doch leider ist das Paket bei ihnen nicht angekommen.“ Manche haben die Weinprobe selbst bestellt, für andere war es ein Weihnachtsgeschenk. So auch für einen Mann: „Meine Schwester aus Moskau hat dort in der SZ von der Online-Weinverkostung gelesen.“ Verwundert fragt Dobiéy: „Das müssen Sie uns erklären.“ Der Mann lacht und sagt: „Das Internet macht‘s möglich.“ Nach der scherzhaften Aufforderung, die Gäste können sich gern immer wieder nachschenken, erzählt Biedermann noch etwas zum 2019er Blanc Noir.

Gäste verabreden sich für Himmelfahrt

Es folgt ein kleiner Ausflug in die Geschichte der Firmengründung 2018 und der Firmenphilosophie. So erzählt Dobiéy: „Jedes Jahr küren wir ein Tier des Jahres. 2020 war es die Florfliege.“ Jede 2019er Flasche ziert ein Anhänger mit dem Nutztier. Dabei kommt er auch auf den Firmennamen Cambium Compagnie zu sprechen, für viele Kunden immer noch schwer zu merken. Deshalb, so habe er von einem Weinladen gehört, würden die Kunden ein Problem mit diesem Namen haben und deshalb dann nach dem Wein mit der Florfliege fragen. Und mit einem Tusch wird auch das Tier 2021 verraten: Der Rebenstecher. „Auch der gehört in den Weinberg, auch wenn es ein Schädling ist.“

Winzer Biedermann fordert die Gäste indes zur zweiten Weinprobe auf. Ein Grauburgunder. „Schönes, sattes Gelb. Geradlinig in der Nase. Er hat etwas von einem Bachlauf an einem Januartag…“

Die Weingut-Inhaber nehmen die Gäste weiter mit auf die Reise durch das Jahr 2020. Berichten von ihrem ökologischen Gedanken, von der Besenwirtschaft Mauna-Beach und von der frostigen Nacht, in der alle jungen Triebe zerstört wurden. Von der Hoffnung, dass die Beiaugen doch noch tragen werden. Und von der Freude, dass am Ende aus dem Mauna-Weinberg „50 Prozent Gewinn“ gemacht werden konnte. Denn von Verlust will der Winzer nicht reden. Zwei Tonnen Trauben konnten geerntet werden. Die letzte Lese war am 31. Oktober. „Viel später als sonst. Normalerweise feiern wir zu diesem Zeitpunkt schon“, sagt Biedermann.

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Der dritte 2019er Wein, die Scheurebe wird probiert. Für einige in der digitalen Runde der beste Wein an diesem Abend. Die Gäste werden am Ende animiert, ihre Meinung zu äußern. Zum Seminar und zum Wein. Ein lustiger Austausch beginnt. Einige verabreden sich sogar für Himmelfahrt in der Besenwirtschaft in Mauna. Denn schließlich wollen sie sich nun auch einmal richtig treffen. Aber vielleicht ist das auch schon zum 1. Mai möglich. Denn so Corona will, sagt Biedermann, könnte dann die erste Jungweinprobe stattfinden. Dann wird sich zeigen, was der Frostwein 2020 zu bieten hat.

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