merken
Meißen.Lokal

Erwacht! Die Geister der Görnischen Gasse

Teil 1: Die Geschichte der Görnischen Gasse 4

© Doc Winkler Fotografie

Seit den letzten Jahren wird die Görnische Gasse in Meißen aus ihrem Geisterschlaf zurück geholt und erstrahlt in neuem Glanz. Auch dem Einsatz und der Arbeit der Brumm Bau GmbH aus Meißen ist es zu verdanken, dass einigen der sanierungsbedürftigen Häuser wieder neues Leben eingehaucht wurde.

In den nächsten Monaten wollen wir auf unserer Seite Meissen.lokal die Geister einiger Häuser erwachen lassen und ihre Geschichten erzählen.

Die Görnische Gasse

Die wunderschöne verträumte Görnische Gasse liegt in der sogenannten Görnischen Vorstadt und ging aus dem slawischen Ort Kirnitz (auch Görnitz) hervor und gilt heute als Teil der Triebischvorstadt.

Erstmals wurde der Ort „Kirnitz“ 1287 erwähnt und lag unmittelbar südwestlich der Meißner Altstadt am linken Triebischufer, unterhalb der Stadtmauer. Von diesem Ort führte ein Weg, der mit der planmäßigen Stadtgründung angelegt wurde, durch das „Kirniczsch thor“ - einem Aufenthaltsort für Wachmannschaften, welcher 1357 erbaut, aber 1837 leider abgerissen wurde. Dieser Weg hieß zunächst „Kyrnischgasse“, erst 1597 setzte sich die heutige Schreibweise „Görnische Gasse“ durch.

In dieser etwas abseits der Verkehrsströme liegenden Gasse stehen baugeschichtliche bemerkenswerte Häuser aus der Zeit der Renaissance, welche die Zeit überlebten. Auch weil sie vom letzten verheerenden Stadtbrand 1637 nahezu verschont geblieben und somit erhalten wurden.

Haus Nummer 4

Das heute ca. 22,5 m lange Flurstück reicht bis an die äußere Zwingermauer der ehemaligen Stadtbefestigung heran. Spätestens 1580 wurde das heute bestehende Vorderhaus errichtet. Im 16. Jh. entstand auch ein Seitengebäude im Hof, das an dessen Nordwestecke im heutigen südlichen Seitengebäudes noch erhalten ist und an der Mauerwerksstruktur sowie äußerlich an dem 2015 freigelegten Renaissance- Fenstergewände erkennbar ist.

Die mit Halbkugeln geschmückten sogenannten Linsenmedaillongewände zeigen in den Spiegelflächen Flachreliefs mit floralen Motiven. Bis nach 1900 war eine Bildtafel mit künstlerisch gestalteter Sandsteinplastik davon noch in der hofseitigen Fassade eingebaut, die heute leider verloren ist.

Im Inneren sind die originalen Baustrukturen der Hochrenaissance in großem Umfang erhalten, so dass Funktion und Gestaltung eines großen Wohn- und Geschäftshauses der Zeit noch gut ablesbar sind. So die mit Sterngewölben überzogene Haushalle, von der aus ein turmartig vorgestellter Wendelstein erschlossen wird, der im Obergeschoss in einer großflächigen Querdiele mündet und auch noch den Dachraum erreicht. Weiterhin finden wir eine Schwarzküche mit Rauchkammer im darüber liegenden Geschoss, die herrschaftlich ausgestatteten quadratischen Stuben im Erd- und Obergeschoss, weitere Stuben und Kammern straßenseitig.

Der große Brunnen im Hof mit 3 m Durchmesser ist der bisher größte bekannte im Altstadtgebiet - entsprechend seiner Ausführung aus Sandsteinquadern - frühestens im 18. Jh. in dieser Form entstanden.

1637 – Hilfe, die Schweden kommen

Im Verzeichnis über die Kriegsschäden des Schwedeneinfalls im Juni 1637, der mit großen Verwüstungen in der Stadt einherging, wird das Haus Nr. 4 unter den "bewohnten" geführt.
Hier erfahren wir den Namen des damaligen Eigentümers: Paul Striegnicz, der Ratsherr seit 1617 und Notar war. Seine Vorfahren waren reiche Tuchmacher und in der Burgstraße ansässig.

Da das Haus über fünf Biere verfügte, d. h. fünfmal im Jahr Bier gebraut und ausgeschenkt werden durfte, ist die Notwendigkeit einer eigenen Wasserversorgung ableitbar. Am Beginn des 18. Jh. ist ein Röhrfahrtsanschluss dort für den Eigentümer Eschke verzeichnet. Die weiten Kellerräume eigneten sich hervorragend zur Bierherstellung; einige der steinernen Fassbänke sind noch vorhanden.

1832 Brauerei Stephan und Sohn

Mehrere Umbauten hat auch dieses Anwesen erfahren. Mit der Entwicklung des Brauereiwesens im Grundstück wurde verstärkt die Hofbebauung verändert und verdichtet, u. a. Pferdeställe.

Neben Renaissance- und Barockfassungen berichten stark farbige Fassungen aus dem endenden 19. Jh. von Schönheitsvorstellungen eines Gastraumes des Historismus (zu denen auch die geborgene Gusssäule in reiche Neorenaissanceformen gehört, die jetzt im Altan des Hofes steht).

Ab 1875 ist die Nutzung des Obergeschosses als Gastwirtschaft belegt.

Eine militärische Nutzung bestand seit dem endenden 19. Jh., wovon ein kleines Schilderhaus in einer Wandnische des ersten Seitengebäudes zeugt. Auch wird erzählt, dass in dem Haus zu dieser Zeit der Polizeimeister wohnte.

© Claus Dirk Langer

Von der Brauerei zur HO-Gaststätte

Die Intensivierung der gastronomischen Nutzung Anfang des 20. Jh. und die Nutzung als Großküche bis ca. 1990 hatten zahlreiche tiefe bauliche Eingriffe zur Folge: Die untere Treppe des Wendelsteines wurde herausgebrochen; die Renaissancedecke der Stube im EG musste einer Betondecke weichen, ein Speiseaufzug wurde dort eingebaut, die darüber liegende Stube wurde ihrer wertvollen Sandsteinpilaster fast vollständig beraubt. Die straßenseitigen Stuben im Obergeschoss mussten weichen zugunsten eines großen Gastraumes, der hier ab 1875 bestand.

Nach Auflösung der HO (Handelsorganisation der DDR) verwaltete ein staatlicher Immobilienverwalter Sachsens das Grundstück bis es privatisiert wurde. Bis nach der Wende fristete das Haus ein tristes und dem Verfall preisgegebenes Dasein.

Eine engagierte Familie hatte sich die Rettung des geschichtsträchtigen Anwesens und Wiedernutzbarmachung zum Ziel gesetzt. Planung, notwendige Freimachungen und erste Notsicherungen erfolgten im Grundstück mit viel Engagement und Eigenleistung.

© Brumm Bau GmbH

2014 – 2016 Instandsetzung und Modernisierung durch die Brumm-Bau GmbH Meißen - Der erste Geist erwacht

Seit 2014 erfolgte die Sicherung, anschließende Instandsetzung und Modernisierung der Gebäude. Neben der Wahrung kulturhistorischer Werte und Aufwertung der räumlichen Qualitäten waren zeitgemäßer Nutzungskomfort für die entstehenden großzügigen Wohnungen und Geschäftsräume Prinzip der baulichen Entwicklung.

Besondere Aspekte waren die Wiederherstellung der teilabgebrochenen Renaissance-Wendeltreppe, die Restaurierung der aufwändig gestalteten, jedoch stark geschädigten Gewände der Fassaden und Innenräume, und die sorgfältige Instandsetzung der wertvollen Dachkonstruktion. Heute bietet die Görnische Gasse 4 im neuen Gewande höchsten Wohnkomfort im historischen Bau.

© Brumm Bau GmbH
© Brumm Bau GmbH

Kunst-Ausstellung am kommenden Wochenende

Am kommenden Wochenende (Freitag, 28. Mai, - Sonntag, 30. Mai) findet in der Görnischen Gasse 4 eine Ausstellung des chinesischen Künstler Zhuo Qi statt. Während seines zweimonatigen Stipendiums experimentierte er mit Porzellan. Die entstandenen Kunstwerke können ab Freitag 17 Uhr und 10 bis 16 Uhr (Sa., So.) bewundert werden.

Wie Sie sehen: die Görnische Gasse wird mit neuem Leben erfüllt und lädt herzlich ein!

Mehr zum Thema Meißen.Lokal