merken
PLUS Meißen

Faustrecht am Kreisverkehr

Ein Meißner spielt sich als selbsternannter Sheriff auf. Vermeintliche Ordnungswidrigkeiten klärt er selbst. Mit der Faust.

Immer mit der Faust ins Gesicht schlägt der Angeklagte. Auch einen Autofahrer an diesem Riesaer Kreisverkehr richtet er so zu.
Immer mit der Faust ins Gesicht schlägt der Angeklagte. Auch einen Autofahrer an diesem Riesaer Kreisverkehr richtet er so zu. © Sebastian Schultz

Meißen/Riesa. Cholerisch, aufbrausend, Streit suchend, provozierend - so beschreibt eine Zeugin vor dem Meißner Amtsgericht den 42-jährigen Angeklagten. Man möchte hinzufügen: anmaßend. Denn er spielt sich immer wieder als selbsternannter Sheriff auf, ahndet vermeintliche Ordnungswidrigkeiten gleich selbst - mit der Faust.

So ist das auch an jenem Dezembertag 2019, als ein Mann aus Ottendorf-Okrilla auf den Meißner Weihnachtsmarkt will, auf der rechten Elbseite einen Parkplatz sucht. Plötzlich baut sich der Angeklagte vor dem Auto auf, zwingt den Fahrer zum Anhalten. Der lässt die Fensterscheibe herunter, will wissen, was los ist. In dem Moment greift der Angeklagte ins Lenkrad, lässt es nicht mehr los, hindert ihn am Weiterfahren. Der Fahrer steigt aus, wird sofort angegriffen, fällt zu Boden, verletzt sich leicht. Abends fährt er noch zum Notarzt, hat eine Woche Schmerzen. Jacke und Hose sind kaputt.

Anzeige
Augen auf beim Küchen-Kauf
Augen auf beim Küchen-Kauf

Wer auf der Suche nach einer neuen Küche ist, sollte Wert auf professionelle Beratung und Planung vor Ort legen, zum Beispiel bei Hülsbusch in Dresden und Weinböhla.

Nach Meinung des Angeklagten ist der Mann zu schnell gefahren. "Ich hatte Angst um mein Kind, das auf dem benachbarten Fuß- und Radweg lief", sagt er. Könne sein, dass er ins Lenkrad gegriffen habe, das Handgemenge sei von ihm ausgegangen. Auch sei der Mann nicht von allein zu Boden gegangen. Immerhin: Vor der Verhandlung hat er sich bei dem Mann entschuldigt.

Weil ein Autofahrer hier in Meißen angeblich zu schnell gefahren ist, stoppt der Angeklagte das Fahrzeug, greift ins Lenkrad, will ihm am Weiterfahren hindern und schlägt den Fahrer schließlich, nachdem dieser ausgestiegen war.
Weil ein Autofahrer hier in Meißen angeblich zu schnell gefahren ist, stoppt der Angeklagte das Fahrzeug, greift ins Lenkrad, will ihm am Weiterfahren hindern und schlägt den Fahrer schließlich, nachdem dieser ausgestiegen war. © Claudia Hübschmann

Wie ein Wahnsinniger geschlagen

Keine drei Monate später ereignet sich ein ähnlicher Vorfall in Riesa. Ein 69-Jähriger will mit seinem Auto in den Kreisverkehr einfahren, als er sieht, dass der Angeklagte ohne zu schauen quer über die Straße läuft. Er bremst, hält an, will mit ihm reden. Und schon hat er die Faust im Gesicht. Seine Brille fliegt weg, er verliert ein Hörgerät. "Der hat sich wie ein Wahnsinniger auf mich gestürzt und wild auf mich eingeschlagen", sagt der Rentner vor Gericht und kann es wohl immer noch nicht fassen, was ihm da in einer völlig harmlosen Situation passiert ist. Eine blutende Nase, eine aufgeplatzte Lippe, ein Riss am Ohrläppchen und eine Schürfwunde im Gesicht sind das Ergebnis des Angriffs. Der Angeklagte geht nach der Aktion einfach weiter, als sei nichts geschehen. Die Besatzung eines Krankenwagens holt ihn zurück, ruft auch die Polizei.

Eine kurze Zündschnur hat er auch, als er in Meißen mit seinem Hund spazieren geht. Ihm passt nicht, dass ein Auto auf dem Fußweg steht. Das darf es, denn das ist ein Privatgrundstück. Die oben genannte Zeugin, die die Grundstückseigentümerin ist, bezeichnet er als "dumme Kuh" und "blöde Schlampe".

Auch ein Paketzusteller ist vor ihm nicht sicher. Er schlägt ihm mit der Hand ins Gesicht, weil der ihn bittet, ihm bei den über 20 Kilogramm schweren Pakete beim Tragen zu helfen. Das komme nicht infrage, es sei Zustellung bis zur Haustür vereinbart, sagt der Angeklagte. Nachdem der Zusteller sagt, er wolle erst noch eine andere Kundin bedienen, schlägt der 41-Jährige zu.

Das Gefängnis kennt er schon

Dass der Meißner ausrastet und zuschlägt, ist nicht neu. Neun Eintragungen zieren sein Sündenregister, fast immer wurde er wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung verurteilt. Zweimal schon saß er im Gefängnis, saß ein Jahr ab, nachdem die zunächst ausgesprochene Bewährung wegen neuer Taten widerrufen wurde. Eine weitere Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten hat er zu zwei Dritteln verbüßt. Der Strafrest wurde zur Bewährung ausgesetzt. In der Haft hat er schon mal ein Anti-Aggressionstraining absolviert. Wie die Taten zeigen, hat das aber nichts gebracht.

Richterin Petra Rudolph folgt dem Antrag des Staatsanwaltes und spricht eine Haftstrafe von sieben Monaten aus. Sie tut sich schwer damit, diese für drei Jahre zur Bewährung auszusetzen. Außerdem muss der Mann 80 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten und erneut an einem Anti-Aggressionstraining teilnehmen. "Wenn sich alle so wie Sie verhalten würden, da möchte man ja das Haus gar nicht mehr verlassen", sagt die Richterin.

Mehr zum Thema Meißen