Meißen
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Die Meißner Alleswehr

Die Freiwillige Feuerwehr hat dieses Jahr so viele Einsätze gefahren wie nie zuvor. Bei vielen Fällen fragt man sich: Ist das wirklich Aufgabe einer Feuerwehr?

Von Andre Schramm
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Die Einsatzmontur der Freiwilligen Feuerwehr Meißen musste dieses Jahr schon besonders oft angelegt werden.
Die Einsatzmontur der Freiwilligen Feuerwehr Meißen musste dieses Jahr schon besonders oft angelegt werden. © Claudia Hübschmann

Meißen. 6.57 Uhr: Ein Telefonmast in Meißen ist umgestürzt. 8.04 Uhr: Äste drohen am Heinrichsplatz herabzustürzen. 8.45 Uhr: Am Jüdenberg gibt es auch Probleme mit einem Baum. 8.53 Uhr: Ein schwerer Verkehrsunfall in Gröbern. Eine eingeklemmte Person muss befreit werden. 11.22 Uhr: Hilflose Person in der Talstraße. Türöffnung erforderlich. 12.25 Uhr: Auf der Fabrikstraße ist ein Baum umgefallen. 13.21 Uhr: Wieder eine Türöffnung. Diesmal auf der Ossietzkystraße. 19.36 Uhr: Die Brandmeldeanlage der Neumarkt Arkaden hat Alarm geschlagen, weil jemand ein Feuerwerk abgebrannt hat. 21.14 Uhr: Die Brandmeldeanlage im Wellenspiel springt an – Fehlalarm.

Der 20. Mai 2022 hatte es in sich und ist vielleicht ein Extrembeispiel dafür, was die Kameraden der Meißner Feuerwehr leisten. Alles ehrenamtlich. Ehrlicherweise muss man erwähnen, dass am Vortag auch eine Windhose durch Meißen zog. Gemeindewehrleiter Frank Fischer erinnert sich: "Meine Frau hatte den Samstag Dienst. Ich war eigentlich für meine beiden Kinder zuständig – acht und elf Jahre alt." Gesehen hat er sie an diesem Samstag nur kurz am Nachmittag. "Nach so einem Tag kriecht man auf dem Zahnfleisch", schiebt er hinterher.

Wer bei der Freiwilligen Feuerwehr unterschreibt, der gibt ein Stück seines Privat- und Familienlebens auf. An manchen Tagen ist dieses Stück größer, an anderen etwas kleiner. Was konstant bleibt, ist die Einsatzbereitschaft, egal was gerade anliegt: Hochzeit, Schuleinführung, Weihnachten, Grillabend, Bettzeit – für die Meißner Kameraden gab es schon jede vorstellbare Situation, die für sie ein abruptes Ende fand. Dafür braucht man Partner mit Verständnis. In Momenten abzuhauen, die selten, vielleicht nur einmal im Leben vorkommen, erfordert aber auch eine große Bereitschaft zum Verzicht. "Wenn der Pieper geht, läuft die Zeit. Da kann man Angefangenes nicht noch zu Ende bringen", meint der Gemeindewehrleiter. Ist das Fahrzeug voll, wird ausgerückt. Bis dahin sind in der Regel nur fünf Minuten vergangen.

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Einsatzgeschehen: Drei Monate Vorsprung

Insgesamt zählt die Freiwillige Feuerwehr 58 Kameraden. "Geht man davon aus, dass jedes Fahrzeug doppelt besetzt sein muss, müssten wir 88 sein", sagt Fischer. Bereitschaft im Sinne der Feuerwehr haben eigentlich nur zwei Personen: der Fahrer vom Dienst und der Zugführer. Alle anderen müssen sich aber auch bereithalten. Dieses Gefühl, dass jederzeit der Pieper anspringt, ist für sie allgegenwärtig, am Wochenende ebenso wie auf Arbeit. Nur wer Urlaub hat, kann wirklich abschalten – den Pieper und im Kopf.

Inzwischen schreiben wir den 22. Juli und Gemeindewehrleiter Frank Fischer sitzt in seinem Büro. Unser Gespräch könnte jederzeit vorbei sein. Angesichts des Einsatzgeschehens der letzten Tage ist das auch wahrscheinlich. "Wir hatten Montag drei Brände, Dienstag drei, Mittwoch zwei und Donnerstag vier", sagt er. Dieser Freitag sei bisher ruhig. Mir kommt entgegen, dass es Donnerstag geregnet hat. Es gibt lediglich einen Funkspruch der Feuerwehr Weinböhla. Es geht um die Glutnester an der Autobahn 13 bei Radeburg.

Fischer hat einen dicken Hefter vor sich liegen. "Wir haben bis zum heutigen Tag 243 Einsätze gefahren", erzählt er. Im Vorjahr stand diese Zahl erst am 18. Oktober in seinem Block. Drei Monate Vorsprung. Was ist da los? "Ehrlich gesagt kann ich keinen genauen Grund nennen", sagt er. Sind es die Fehlalarme? Etwa 50 Fehlalarme pro Jahr seien normal. Ausrücken müssen die Kameraden trotzdem. Erst kürzlich meldete sich die Anlage vom Landesgymnasium. "Als wir die Tür aufmachten, kam uns Qualm entgegen", meint Fischer. Zehn Einsatzkräfte waren vor Ort, weitere mussten hinzugerufen werden.

Die Einsatzfahrzeuge der Meißner Feuerwehr. Für eine Doppelbesetzung wären 88 Kameraden nötig.
Die Einsatzfahrzeuge der Meißner Feuerwehr. Für eine Doppelbesetzung wären 88 Kameraden nötig. © Claudia Hübschmann

In den letzten Jahren hat sich die Meißner Wehr eher unfreiwillig auf einem anderen Gebiet Kompetenzen erarbeitet: Türöffnungen für in Not geratene Bürger. Erst Mittwochabend hatte es so einen ähnlichen Fall wieder gegeben. Eine Person im 4. Obergeschoss eines Meißner Mehrfamilienhauses sei in einer Notlage. Ein Telefonat mit einem Bekannten sei vorher abgebrochen, hieß es.

Also machte sich ein Fahrzeug auf den Weg, fuhr die Drehleiter bis zum Küchenfenster aus und ein Kamerad pochte freundlich gegen die Fensterscheibe. Der Mann, der vor einer Schnapsflasche im Sitzen eingeschlafen war, wurde munter und öffnete wenig später die Tür. Fälle dieser Art gibt es immer häufiger. Meistens werden die Kameraden gerufen, um die Tür aufzubrechen. Inzwischen gibt es in Meißen schon bestimmte Adressen, wo vorher schon klar ist, wie der Einsatz nachher ausgeht. Dass mancher Kamerad das dritte Mal an ein und demselben Tag nicht mehr dafür anrückt, kann man da irgendwie nachvollziehen. In Feuerwehrkreisen ist dann meist vom "billigen Schlüsseldienst" die Rede. Bezahlt wird der Einsatz übrigens vom Steuerzahler.

"Ich bin jetzt 30 Jahre bei der Feuerwehr und kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, dass wir sowas früher gemacht haben, zumindest nicht in dieser Häufigkeit", sagt Fischer. Steht ein Krankentransport an, setzt man ebenfalls gern auf die Hilfe der Kameraden, vor allem wenn die Person zu schwer ist. "Manchmal zieht Leichengeruch durchs Haus oder die Mittagessen stapeln sich vor der Wohnungstür, dann sind das keine Notfälle mehr, zumindest nicht für uns", erzählt der Gemeindewehrleiter weiter. Auffällig sei, dass Nachbarn nicht mehr so aufeinander achten, wie früher.

Großartig bewerten tut Frank Fischer die Einsatzentwicklung nicht. Er sagt nur, dass er bei der Feuerwehr arbeite. Seine Betonung liegt auf dem vorderen Teil des Wortes. "Sechs hauptamtliche Mitarbeiter tagsüber wären gut, um die Situation zu entspannen", schiebt er hinterher. Immerhin: Ab 1. September soll es einen Neuen geben.

Als neulich eine Katze vom Dach geholt werden musste, sagte der Anrufer, ein Nachbar: "Da habt ihr auch mal was zu tun". Frank Fischer wäre da fast geplatzt. Die Szene hat ihm aber letztlich gezeigt, wie wenig eigentlich über die Freiwillige Feuerwehr bekannt ist.