merken
PLUS Meißen

Frank Richter adoptiert zwei Geflüchtete

Die Adoption soll zeigen, die beiden gehören nicht nach Pakistan. Die Angst vor einer Abschiebung wächst dennoch. Gerade mit Blick aufs Nachbarland Afghanistan.

Der SPD-Landtagsabgeordneter und DDR-Bürgerrechtler Frank Richter möchte die beiden Asylbewerber, Faisal Jahangir (rechts) und Khurrm Gill adoptieren.
Der SPD-Landtagsabgeordneter und DDR-Bürgerrechtler Frank Richter möchte die beiden Asylbewerber, Faisal Jahangir (rechts) und Khurrm Gill adoptieren. © Claudia Hübschmann

Meißen. "Ich glaube alles hat damit angefangen, dass Faisal Papa zu mir gesagt hat", erinnert sich Frank Richter (SDP). "Das ist ihm einfach so herausgerutscht."

Dafür, dass der Theologe und Bürgerrechtler, die stärkste Form der persönlichen Bindung - eine Adoption - eingehen möchte, kennt Frank Richter (61) die beiden Pakistanis Khurrm Gill (42) und Faisal Jahangir (41) noch gar nicht so lange. Doch Vertrauen könne nicht nur wachsen, es könne auch explodieren: "Als ich Faisal im Abschiebegefängnis besucht habe und wir zusammen gebetet haben und er auf einmal angefangen hat zu weinen, konnte ich seine existenzielle Angst förmlich spüren. Das hat uns so nah zusammengebracht".

Autohaus Dresden
Eines der besten Autohäuser in Deutschland
Eines der besten Autohäuser in Deutschland

Dresden braucht starke und innovative Unternehmen, wie das Autohaus Dresden. Der Opelhändler ist seit über 25 Jahren tief mit der Region verwurzelt.

Der DDR-Bürgerrechtler kämpft erst für Faisal Jahangirs Freilassung, dann gegen die Abschiebung. Und nun um die Adoption: Ein drastisches Mittel in einem aufopferungsvollen Kampf?

Rein faktisch ändert die Adoption überhaupt nichts am Aufenthaltsstatus: "Nicht einmal die Eheschließung schützt Faisal vor seiner Abschiebung", erklärt Richter. "Das ist die rechtliche Seite. Die menschliche Seite sieht so aus, dass ich Vatergefühle für die beiden entwickelt habe." Aktuell werde die Adoption und alle notwendigen Dokumente mit einem Notar vorbereitet. Allerdings sei der Vorgang ins Stocken gekommen, denn die vor Wochen beantragten Dokumente von Khurrm Gill würden noch immer bei der Landesdirektion Chemnitz liegen. Sobald alles zusammengetragen ist, würde die Glaubwürdigkeit geprüft; wie eng die Bindung ist, ob es gemeinsame Ausflüge gab. "Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Das soll gerne geprüft werden."

Religiöse Konflikte schwappen nach Deutschland

Für Khurrm Gill und Faisal Jahangir gibt nicht erst der enge Kontakt zu Frank Richter neuen Halt: In den fünf Jahren in der Gemeinschaftsunterkunft in Riesa habe Khurrm Gill keinen einzigen Christen kennengelernt: "Ich hatte einen Freund in Dresden, aber der wurde abgeschoben. Zum Glück habe ich Faisal kennengelernt." Letztlich spiegelt das nur die demografischen Verhältnisse in Pakistan wider, nach Angaben der Regierung leben in Pakistan weniger als zwei Prozent Christen.

Mit Faisal Jahangir hat er sogar einen Freund gefunden, der in der gleichen pakistanischen Stadt gewohnt hat und die gleichen Sprachen spricht (Hindi, Punjabi). Kennengelernt haben sie sich jedoch erst in Mühlberg. Seitdem telefonieren sie viel, schicken sich Nachrichten in ihrer Muttersprache oder verabreden sich zum Kochen.

Redebedarf gebe es viel, denn für Christen sei das Leben in einer Gemeinschaftsunterkunft nicht einfach. Und Khurrm Gill ist nicht nur bekennender Christ, sondern auch ordinierter Pastor. "Die religiösen Konflikte schwappen auch nach Deutschland rüber", sagt Richter.

Nicht nur religiöse Konflikte stehen auf der Tagesordnung: "Wenn ich in der Küche koche, muss ich immer aufpassen, weil viel Bier getrunken wird und Drogen genommen werden", sagt Khurrm Gill. Besonders heikel werde es, wenn abends der Whiskey ausgepackt wird. "In solchen Nächten verlasse ich mein Zimmer nicht mal, um auf die Toilette zu gehen. Besser ich stelle mir eine Flasche ans Bett, als mich auf dem Flur vor einem Messer ducken zu müssen." Lieber ist Khurrm Gill bei Frank Richter zu Besuch, spätestens am Abend müsse er zurück in die Gemeinschaftsunterkunft, so die Vorschriften.

Jeden Tag kehrt die Angst zurück

Frank Richter möchte mit der Adoption zum Ausdruck bringen, dass die beiden nicht nach Pakistan gehören. "Die Nachrichtenlage ist nämlich eindeutig: Selbst die AfD-Fraktion hat eine Erklärung zum Schutz der Christen in Pakistan abgegeben." Zwar gebe es keine staatlich organisierte Verfolgung, dafür eine sehr aufgeheizte Stimmung: "Wenn ein Mullah zum Ausdruck bringt, dass ein Christ verfolgt werden muss, hat er dort im Zweifelsfall das Sagen."

Doch auch Frank Richters Rückhalt mindere die Angst vor der Abschiebung nicht. Im Gegenteil: Mit Blick auf die zugespitzte Situation im Nachbarland Afghanistan hat sich die Angst in Panik verwandelt. "Jedes Mal, wenn wir uns treffen, müssen wir zuerst versuchen die Angst wegzuschieben, doch am nächsten Tag ist diese Angst wieder da. Das ist die Lebensrealität der beiden", so Frank Richter.

Was hat sich also durch die anstehende Adoption verändert? "Bei mir ist ein Stückchen Familienleben eingezogen", sagt Frank Richter. "Aber viel stärker hat sich aber meine Wahrnehmung verändert: Mir war immer klar, dass ein Rechtsstaat Lücken hat. Wie groß diese Lücken tatsächlich sind, habe ich erst durch diese Situation gelernt und das empört mich zutiefst", sagt Frank Richter, der als Politiker aber auch zugeben muss, dass er sich das schon früher hätte kritisch anschauen müssen: "Mich fragen müssen, was passiert hier eigentlich. Aber das war für mich ganz lange unsichtbar, weil, wer kommt schon in ein Abschiebegefängnis rein? Ganz wenige", sagt Frank Richter und möchte nachschieben, dass er sich deshalb nicht grundsätzlich gegen Abschiebungen ausspricht: "Ich glaube manche Menschen müssen wirklich abgeschoben werden: Teilweise haben wir es mit Kriminellen zu tun, doch gerade diese Menschen kann die Polizei oft nicht habhaft werden, weil sie so kriminell sind."

Weiterführende Artikel

Für einen Stempel zurück nach Pakistan

Für einen Stempel zurück nach Pakistan

Das Landratsamt Meißen hat einem Visum für Faisal Jahangir vorab zugestimmt. Das Dokument kann ihm aber nur in seinem Heimatland ausgehändigt werden.

Bei der neuen Familiengründung darf nicht vergessen werden: Es gibt noch die Kernfamilie in Pakistan. Als Faisal Jahangir nach Deutschland kam, war es besonders schwierig den Kontakt zu halten, die Telefonrechnung im­mens. Videotelefonie habe vieles einfacher gemacht: Doch weder die Adoption noch die Hochzeit stießen auf großes Verständnis. Gerne hätte Faisal Jahangir zumindest seinen Vater nach Deutschland geholt, um ihm seine neue Familie vorzustellen. Am Ende sei es an den 3.000 Euro gescheitert, die als Sicherheit hinterlegt werden müssten.

Mehr zum Thema Meißen