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Tanzschulen fordern: Let's dance

Die Betriebe in Sachsen brauchen einen Plan, wie es mit den Kursen weitergehen soll. Politiker tun sich mit einer Einordnung der Branche schwer.

In ihrer Not haben sich die Tanzschulen im Freistaat an die Politik gewandt. Auch die Tanzschule von Stefan Linhart in Radebeul nahm mit Kollegen und Mitstreitern an der Onlinekonferenz am Mittwoch teil.
In ihrer Not haben sich die Tanzschulen im Freistaat an die Politik gewandt. Auch die Tanzschule von Stefan Linhart in Radebeul nahm mit Kollegen und Mitstreitern an der Onlinekonferenz am Mittwoch teil. © Arvid Müller

Radebeul/Meißen/Riesa/Großenhain. Es ist viel Platz vorhanden im großen Saal der Radebeuler Tanzschule von Stefan Linhart. Abstände von mehreren Metern sind kein Problem. Glücklich macht das den Unternehmenschef nicht. Die Herbst- und Wintermonate seien für seine Branche die umsatzstärkste Zeit, sagt er. Doch dieses Geschäft ging verloren. Im Frühjahr und Sommer ziehe es die Menschen eher nach draußen.

Sein großer Wunsch wäre es, so schnell wie möglich, wieder eine kesse Sohle auf das Parkett legen zu können. Die Zeit drängt. Schülerkurse aus dem vergangenen Jahr müssen zu Ende gebracht werden, bevor der nächste Durchlauf beginnt. Bei den Erwachsenen dürften einige Elemente und Figuren in Vergessenheit geraten sein. Gar nicht zu reden von der finanziellen Komponente. Die November- und Dezemberhilfen flossen und fließen nur spärlich. Es drohen längerfristige Schäden.

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Kaum eröffnet, schon wieder geschlossen

In ihrer Not haben sich die geschätzt weit über 50 Tanzschulen im Freistaat jetzt an die Politik gewandt. Am Mittwochabend organisierten sie ein virtuelles Treffen mit Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU). Bei Linharts hat Tanzlehrer-Auszubildender Frithjof Kulawik in der Mitte des Saales eine Technik-Insel aufgebaut. Per Beamer werden die Teilnehmer der Konferenz auf eine Leinwand gebracht. Ein Mikro steht für Nachfragen bereit.

Aus Riesa sind Jenny und Jonatan Rodriguez Pérez von der Tanzschule Jenny & Jonatan in die Lößnitz gekommen. Vergangenes Jahr im August hatte das junge Paar in Riesa seine eigene Tanzschule eröffnet. Wenige Wochen später mussten sie bereits wieder schließen. Pünktlich zum Beginn des virtuellen Treffens stößt als Dritte im Bunde Franziska Antrack von der Schule Tanz-Antracktion aus Meißen hinzu. Kurz zuvor versuchte sie noch, per Live-Stream ihre Kunden zu Hause zu erreichen.

Nicht in eine Kategorie mit Bordellen einstufen

So wie in Radebeul haben sich an diesem Abend mehrere, zentral gelegene Tanzschulen im Freistaat in Treffpunkte und Internet-Studios verwandelt. Den Mittelpunkt bildet die alte Kraftverkehrshalle in Chemnitz, mittlerweile ein hipper Standort für Veranstaltungen. Die Moderation dort hat der frühere Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig aus dem Landkreis Sächsische Schweiz und Osterzgebirge übernommen. Der Konservative hatte vergangenes Jahr mit seinem Austritt aus der CDU für Schlagzeilen gesorgt. Was viele nicht wissen: Brähmig ist auch ein begeisterter Tänzer. "Eine der besten Entscheidungen von mir und meiner Frau war, 2008 in der Tanzschule Pötschke in Pirna anzuheuern", sagt der 63-Jährige.

Haben vergangenes Jahr ihre Tanzschule in Riesa eröffnet und mussten schnell wieder schließen: Jenny und Jonatan Rodríguez Pérez sind auch privat ein Paar.
Haben vergangenes Jahr ihre Tanzschule in Riesa eröffnet und mussten schnell wieder schließen: Jenny und Jonatan Rodríguez Pérez sind auch privat ein Paar. © Sebastian Schultz

Das wichtigste Anliegen der virtuellen Konferenz wird schon bei den ersten Beiträgen klar. Es geht darum, Ministerin Barbara Klepsch und den zugeschalteten Landtagsabgeordneten - unter ihnen der Radebeuler Geert Mackenroth (CDU) sowie der Meißner Frank Richter (SPD) - die Bedeutung der Tanzschulen sowie ihre Wünsche nahezubringen. Wie nötig das ist, zeigte die erste Corona-Verordnung. Da wurde die Branche in eine Kategorie mit Bordellen eingestuft.

Jürgen Ball, der Präsident des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV), sieht Bedarf für Aufklärung. Er verweist auf die Rolle der Tanzschulen für die Sozialisierung von Jugendlichen. "Wir machen sie gesellschaftsfähig, bringen ihnen gute Umgangsformen bei", so der Hesse. Oft finde in der Tanzstunde die erste nähere Berührung zwischen Mädchen und Jungen statt. Viele Partnerschaften seien hier gestiftet worden. Die Unesco würdigte diese komplexen Leistungen, indem sie das in Deutschland entwickelte Welttanzprogramm 2018 in ihr Register guter Praxisbeispiele für immaterielles Kulturerbe aufgenommen hat.

Damit nicht genug. Die dänische Forscherin Julia F. Christensen, Autorin des Buches "Tanzen ist die Medizin", macht den Dreiklang Bewegung-Musik-Gemeinschaft für die heilsame Wirkung des Paartanzes verantwortlich. Wer tanze, baue Stress ab, schlafe besser und bleibe gesund. Das sollte bei den künftigen Öffnungsplänen beachtet werden.

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Ministerin Barbara Klepsch hört die Botschaft wohl und schreibt mit. Sie verspricht, die Argumente weiterzutragen. Mehr ist wohl an diesem Abend nicht zu erwarten. ADTV-Chef Jürgen Ball gibt ihr konkrete Forderungen mit auf den Weg: Die Tanzschulen sollten als eine eigene Kategorie und Institution in künftige Corona-Verordnungen aufgenommen werden. Ein Stufenplan sollte Vorlaufzeit und Sicherheit für die Öffnung geben, so der Präsident. Die Vorarbeit hätten die Unternehmen längst geleistet. Kontakte seien dank der Mitgliederlisten vorhanden. Platz gebe es in den Sälen genug. Getrennte Ein- und Ausgänge sind eine Selbstverständlichkeit. Stefan Linhart nickt anerkennend bei diesen klaren Worten. Sie geben etwas Zuversicht, dass Sachsen bundesweit zum Vortänzer in Sachen Tanzunterricht werden könnte.

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