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Lossens letzter Gastwirt

Seit 1523 gibt es in Lossen ein Gasthaus. 37 Jahre davon betreibt es Wolfgang Möllendorf. Macht Corona das Jubiläum kaputt?

Wolfgang Möllendorf betreibt den Gasthof in Lossen. Seit 1983 arbeitet der 60-Jährige hier. 2023 will er das 500-jährige Bestehen des Gasthofs feiern.
Wolfgang Möllendorf betreibt den Gasthof in Lossen. Seit 1983 arbeitet der 60-Jährige hier. 2023 will er das 500-jährige Bestehen des Gasthofs feiern. © Gerhard Schlechte

Nossen. Im Grunde war es eine Flucht. Eine Flucht aus Meißen. Eine Flucht vor der Wohnungsnot. Wolfgang Möllendorf  arbeitete damals im "Goldenen Löwen“ in Meißen und suchte dringend eine Wohnung. Weil die Familie in der Stadt keine Bleibe fand, flüchtete sie aufs Land. Hier in Lossen gab es für die Möllensdorfs nicht nur eine Wohnung im damaligen Konsum-Gasthof, sondern für Wolfgang Möllendorf gleich noch einen Job. 

Er fing in der Gaststätte als Gaststättenleiter an. 1983 war das. Noch heute arbeitet er dort. Der 60-jährige ist jetzt nicht mehr angestellt, sondern sein eigener Chef.  Nach der Wende kaufte er es dem Konsum ab, sanierte es in den 1990er-Jahren grundlegend. Mit drei Teilzeitbeschäftigten führt er einen der wenigen Gasthöfe,  die es noch im Meißner Land gibt. Und einen sehr traditionsreichen. 

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1523 wurde dieses Gasthaus erstmals urkundlich erwähnt. Auf den Mauern des jetzigen Hauses wurde das heutige errichtet. In drei Jahren könnte also das 500-jährige Bestehen gefeiert werden. Könnte. Wenn nicht Corona einen Strich durch die Rechnung macht.

Bestellungen bis Ende 2021

Wolfgang Möllendorf hat sehr gute Zeiten in Lossen erlebt, aber auch sehr schwierige. Die wohl schwierigste gibt es derzeit. Vor Corona lief es blendend, das Haus war voll. Bis Ende nächsten Jahres standen an fast jedem Wochenende Veranstaltungen und Familienfeiern im Buch. 

"Die Leute reservieren teilweise ein Jahr im Voraus", sagt der Inhaber. Doch dann kam der große Knall. Am 29. Februar gab es die letzte Veranstaltung, dann ging es bergab. Zeitweise musste der Gasthof wie alle anderen Restaurants wegen Corona komplett schließen. 

Keine Einnahmen, die Kosten liefen aber weiter: Strom, Heizöl, Krankenversicherung, Rentenversicherung, laufende Kosten für die Fahrzeuge. "Drei, vier Monate hält man das vielleicht durch, viel länger aber nicht", sagt Wolfgang Möllendorf. Zum Glück gab es Soforthilfen.  Damit war wenigstens ein Teil dieser Kosten gedeckt. 

Im Gegensatz zu anderen Gastwirten hat Wolfgang Möllendorf einen Vorteil. Die Familie ist nicht auf Gedeih und Verderb auf die Einnahmen angewiesen. Seine Frau hat einen anderen Job. Und die Kredite sind abbezahlt. Und dennoch: Wenigstens die eigenen Kosten sollten auch in Krisenzeiten eingespielt werden. Mit ein bisschen Catering, mit Verkauf außer Haus, hielt er sich über Wasser.

Doch es lief ja wieder besser, nachdem die Einschränkungen aufgehoben wurden.  Veranstaltungen und Familienfeiern fanden wieder statt. Ab 15. Mai konnten wieder bis zu 15 Leute bedient werden, ab 15. Juli gingen die Veranstaltungen wieder los. Die Zehntklässler der Lommatzscher Oberschule feierten mit 97 Mädchen und Jungen in Lossen ihren Schulabschluss. 

Auch Familienfeiern fanden wieder statt. Alle Weihnachtsfeiertage und die Silvesterveranstaltung waren ausverkauft. Doch nun kommt wieder das große Zittern. Der Leubener  Karnevalsklub hat seine Veranstaltung für den November bereits abgesagt. "Seit zwei Wochen gibt es wieder einen großen Einbruch. Nicht nur Familienfeiern, sondern auch alle großen Veranstaltungen wurden gestrichen", so der Lossener.   Er fürchtet den Supergau, wenn er wieder komplett schließen muss.

Bekannt für Exotisches

Dabei konnte er sich auf seine Stammkunden immer verlassen, vor allem auf die Vereine. Tischtennisverein, Feuerwehr, Spielmannszug, Faschingsverein, Fußballer, Museumsverein, sie alle führen in Lossen ihre Veranstaltungen durch. "In 37 Jahren hat man sich eben einen Namen gemacht", sagt er und holt die Speisekarte hervor.

 Deutsche Hausmannskost zu verträglichen Preisen. Die teuersten Gerichte kosten durch die Bank 12,90 Euro. Es gibt nur einen "Ausreißer", Känguru zu 14,90 Euro. Das ist aber nicht immer zu haben. Der gelernte Koch ist bemüht, auch exotische Gerichte anzubieten.  So gibt es bei ihm auch ostasiatische, spanische und tschechische Küche.  Eine Tradition, die er aus DDR-Zeiten fortführt. Schon damals machte er sich mit ostasiatischen  Gerichten einen Namen.

Doch im Moment kreist wieder das Damoklesschwert der zeitweiligen Schließung über dem Gasthof Lossen. "Sollte es wieder so kommen, muss ich mir zeitweise einen anderen Job suchen, um die Kosten bezahlen zu können", sagt er, der aus Görlitz stammt, dort Koch lernte und später auch in Berlin arbeitete. Und macht sich schon mal Gedanken, was passiert, wenn die Krise zu lange dauert. Dann könnte Corona sogar das 500-jährige Bestehen des Gasthofs infrage stellen. 

Wolfgang Möllendorf hofft, dass es nicht soweit kommt. Gleichzeitig weiß er aber, dass das Jubiläum auch der Endpunkt für den Gasthof sein könnte. Denn wenn seine gleichaltrige Frau in den Ruhestand geht, will er das auch tun. In drei Jahren könnte es soweit sein, also zeitgleich mit dem 500-jährigen Bestehen. Er macht sich keine Illusionen, einen Nachfolger zu finden. Seine 34 und 40 Jahre alten Töchter haben sich anders orientiert, eine arbeitet in der Schweiz.  

Dass er einen Nachfolger findet, der den traditionsreichen Gasthof weiter betreiben würde, glaubt er eher nicht. So dürfte er der letzte Gastwirt von Lossen in den 500 Jahren bleiben. Wahrscheinlich werden die Möllendorfs das Haus dann verkaufen. Sie wollen  mit dem Kapitel Lossen abschließen, wieder nach Meißen ziehen. Auch wenn es diesmal keine Flucht ist.  

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