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Heynitz sucht Relikte der Geschichte aus NS-Zeit

Dorfbewohner beteiligen sich am Projekt zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Projektleiter Marcel Langenbacher von der Feuerwehr hofft auf viele Hinweise.

Historiker Clemens Tangerding (links) und die Kameraden Marcel Langenbacher (rechts) sowie Oliver Klengel begutachten einen alten Löscheimer.
Historiker Clemens Tangerding (links) und die Kameraden Marcel Langenbacher (rechts) sowie Oliver Klengel begutachten einen alten Löscheimer. © Claudia Hübschmann

Nossen. Heynitzer Bürger wollen ihre Dorfgeschichte aufarbeiten. Und zwar die Zeit zwischen 1933 und 1945. Möglich ist dies mithilfe wissenschaftlicher Unterstützung der Universität Gießen im Rahmen des bundesweiten Projektes „Das Dritte Reich und wir“. Die Teilnahme initiiert hat der Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Heynitz, Marcel Langenbacher. Ursprünglich war das Projekt mit dem Thema „Feuerwehren in der NS-Zeit“ viel enger gesteckt. Jetzt gab es ein erstes Treffen mit den Dorfbewohnern im Gerätehaus, um Geschichten, Fotos und Funde aus dieser Zeit gemeinsam mit dem Mitarbeiter der Uni Gießen, Clemens Tangerding, zu sichten.

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„Ich erhoffe mir, mehr über die Feuerwehr in Heynitz zu erfahren“, begründet Langenbacher die Bewerbung. Denn aus der Zeit vor 1945 gibt es so gut wie keine Unterlagen oder Gegenstände. Noch nicht einmal das Gründungsdatum war bekannt. Dieses Rätsel scheint aber nun bereits gelöst. So hat Siegfried Bossack vom Sächsischen Feuerwehrmuseum in Zeithain den sächsischen Feuerwehrkalender aus dem Jahr 1943 gefunden, in dem es einen Eintrag der Heynitzer Wehr gibt, mit dem Vermerk: gegründet 1942. „Eine Gründungsurkunde wäre zwar noch besser“, erklärt Bossack, aber auch der Kalender sei ein amtliches Dokument.

Rund 25 Menschen haben sich zum ersten Projekttreffen in Heynitz eingefunden. Eigentlich war der Termin bereits für April vorgesehen, doch wegen der Pandemie hat sich alles verschoben. Gesucht wurde bis jetzt schon fleißig. So präsentieren Langenbacher und Kamerad Oliver Klengel einen uralten Löscheimer aus Leinen mit der Aufschrift „Heinitz“, vielleicht aus der Zeit um 1900. Das älteste, was die Kameraden bisher gefunden haben, ist ein Spritzenprüfprotokoll aus dem Jahr 1903. Zwar sind diese Fundstücke nicht aus der NS-Zeit, dennoch soll alles Geschichtsträchtiges gesammelt werden, damit es nicht irgendwann einmal verloren geht.

Beim ersten Treffen im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr in Heynitz haben viele Einwohner bereits wertvolle Informationen geben können.
Beim ersten Treffen im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr in Heynitz haben viele Einwohner bereits wertvolle Informationen geben können. © Claudia Hübschmann

Clemens Tangerding betont, dass ruhig auch unterschiedliche Ansichten zur Aufarbeitung und unterschiedliche politische Haltungen aufeinandertreffen dürfen „Natürlich kann es Streit darüber geben, wie freiwillig im Einzelfall eine NSDAP-Mitgliedschaft war, was den Einzelnen antrieb und wie wir das heute einordnen und bewerten.“ Das gleiche betreffe die Zwangsarbeit in dieser Zeit. Aber es gebe keinen Grund dafür, Angst vor etwaigen Konflikten zu haben. „Wir wollen niemanden anprangern“, betont Marcel Langenbacher. Ziel sei es, gemeinsam mit den Bewohnern, gern auch aus dem Nachbardorf, die Geschichte von Heynitz und Umgebung aufzuarbeiten und darüber den Zusammenhalt zu stärken.

Es dauert dann auch nicht lange, bis die ersten etwas erzählen. Ein Senior berichtet von einem polnischen Zwangsarbeiter, der gern selbst gepanschten Schnaps getrunken habe und eines Tages tot in der Küche lag. Er selbst war damals noch ein Kind. Ein anderer erzählt von einem Russen, der Zwangsarbeiter war und ermordet wurde. Dann bringt ein weiterer Mann eine Fotochronik, darin enthalten auch ein Foto von einem Stein mit der Aufschrift „Hier wurde im April 1945 ein kriegsgefangener Rotarmist ermordet“.

Fotos, Fundstücke, Erinnerungen aus NS-Zeit sind gefragt

Ein anderer, Maik Lantzsch, erzählt, er habe von seinem Großvater – der Sanitäter war – eine Wehrmachtsuniform gefunden, die später blau eingefärbt wurde, zur Verwendung bei der Feuerwehr. „Jacke und Mütze sind noch recht gut erhalten.“ Auch habe er Unterlagen eines ehemaligen Zwangsarbeiters gefunden, „ich glaube, er war aus der Ukraine“. Lantzsch sagt, seine Großmutter habe erzählt, als es zum Ende des Krieges hieß, die Russen würden kommen, habe der Ukrainer gesagt, „Ich bin weg“ und verschwand.

Marcel Langenbacher erzählt, die Heynitzer Wehr hatte einst auch eine Fahne. Ein älterer Herr erinnert sich. Auf einmal war sie aber weg, später tauchte eine Fahne in der DDR auf. Der Wehrleiter hofft nun, dass vielleicht Fotos gefunden werden, auf denen die alte Fahne zu sehen ist. Alles, was Hinweise auf die Vergangenheit rund um Heynitz gibt, werde gesucht.

Der Historiker Clemens Tangerding ist begeistert: „So viele Informationen gleich beim ersten Treffen. Das gab es noch nie. Die Leute sind normalerweise viel verhaltener. Und Heynitz hat gerade einmal 200 Einwohner.“

Drei weitere Treffen sind geplant, um Ergebnisse neuer Recherchen vorzustellen und Ideen auszutauschen. Bei der fünften und letzten Zusammenkunft in etwa einem Jahr sollen die Ergebnisse präsentiert werden. In welcher Form, in einer Ausstellung, Videopräsentation, Lesung oder vielleicht einer Kombination, das ist noch offen.

Kontakt Projektleiter Heynitz: Marcel Langenbacher, Telefon 0173 5604274, [email protected]

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