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„Ich würde bei mir nicht einsteigen“

Rasen durch Polens Wälder zum Kopf freibekommen: Ein Klipphausener Team gewinnt Europas größte Offroad-Amateur-Rallye.

Kay Messner rast bei der Breslau-Rallye mit seiner Burglinde hauchdünn an Bäumen vorbei. Mit Erfolg, sein Team gewinnt in der Lkw-Klasse.
Kay Messner rast bei der Breslau-Rallye mit seiner Burglinde hauchdünn an Bäumen vorbei. Mit Erfolg, sein Team gewinnt in der Lkw-Klasse. © Actiongraphers

Klipphausen. Mit 80 bis 90 Sachen rast – oder besser gesagt – fliegt Kay Messner mit seiner Burglinde durch enge, teils schlammige Waldwege, mit gerade einmal einen Zentimeter Abstand an Bäumen vorbei. „Ich würde bei mir nicht einsteigen“, sagt der Weistropper voller Hochachtung vor seinen zwei Beifahrern. Jedes Jahr nimmt er an der Rallye Breslau teil. Es ist Europas größte Offroad-Amateur-Veranstaltung. Vor wenigen Tagen ist er mit seinem Team aus Polen mit dem Siegerpokal zurückgekehrt. Mehr als 400 Teilnehmer aus rund zwölf Nationen haben in diesem Jahr in den verschiedenen Klassen, vom Motorrad bis hin zum Lkw teilgenommen.

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Auf dem etwa 100 Kilometer östlich von Stettin liegenden größten Truppenübungsplatz von Europa rasen die Fahrzeuge in fünf Tagen insgesamt 1.500 Kilometer über Sandpisten und durch Schlammlöcher, wobei eine Nachtetappe dabei ist. Bis zur Mitte der Frontscheibe verschwindet dann die Burglinde, ein MAN KAT 4×4 Extrem-Truck, schon mal im Wasser. „Bis zu zwei Meter tief können die Schlammlöcher sein“, erzählt der 39-Jährige.

Bei der Breslau-Rallye sind die Löcher bis zu zwei Meter tief.
Bei der Breslau-Rallye sind die Löcher bis zu zwei Meter tief. © RBI Media | Mika Pietrus
Kay Messner wirft ein Seil zu seinem Team-Kollegen.
Kay Messner wirft ein Seil zu seinem Team-Kollegen. © RBI Media | Mika Pietrus
Nico Huth befestigt die Seilwinde an einem Service-Truck.
Nico Huth befestigt die Seilwinde an einem Service-Truck. © Actiongraphers

Mit dem ehemaligen Bundeswehr-Fahrzeug startete Messner erstmals 2015 in der Lkw-Klasse. Zuvor nahm er seit 2011 mit einem Pkw-Geländewagen teil. Der Vorteil im Truck: „Man sitzt höher und man wird nicht nass“, sagt er lachend. Denn durch den „braunen, stinkenden Modder“ zu waten, darauf hätten die drei überhaupt keine Lust. „Man kommt dort auch trockenen Fußes durch“, selbst wenn der Truck feststecke, sagt der Gartenbau-Ingenieur. „Vorbereitung ist alles.“ So haben sie unter anderem auch immer eine Wurfschnur und ein Windenseil dabei.

Während ihre Kontrahenten sich durch den Schlamm quälen, steigt Messner durch das Fenster seines Trucks auf das Fahrerdach, wirft Nico das Seil zu, der es an einem Baum oder einem Service-Fahrzeug befestigt. „Ich kann die anderen nicht verstehen. Es gibt welche, die stehen drauf oder brauchen das, durch den stinkenden, dreckigen Schlamm zu laufen“, sagt Messner kopfschüttelnd mit einem Lachen.

Kay Messner (rechts) mit seinen Beifahrern Anja Wilhelm und Nico Huth.
Kay Messner (rechts) mit seinen Beifahrern Anja Wilhelm und Nico Huth. © Actiongraphers

Die beiden Mutigen, die sich trauen, bei Messner in der Burglinde mitzufahren, sind seine Lebensgefährtin Anja Wilhelm und Nico Huth. „Es fehlt die Zeit zum Schlechtwerden während der Fahrt“, sagt Messner lachend. Die Beifahrer müssen ihn durch das Gelände jeden Tag zum Ziel navigieren. Ein modernes Navigationsgerät: Fehlanzeige. Es gibt ein Papier, auf dem die Richtung und jeweilige Kilometeranzahl von Punkt zu Punkt angegeben ist. Für die Navigierenden dabei die Herausforderung: Bei 80 Kilometern pro Stunde das „Nullsetzen“ des Kilometeranzeigers nicht vergessen, ansonsten kann es an der nächsten Abzweigung schon zum Verhängnis werden. Einmal verfahren und umkehren, das koste bereits den Sieg, erklärt Messner. „Das richtige Navigieren macht 80 Prozent des Sieges aus“, sagt er lobend an seine Beifahrer.

Auf dem Truppenübungsplatz in der Nähe von Stettin findet die Breslau-Rallye statt.
Auf dem Truppenübungsplatz in der Nähe von Stettin findet die Breslau-Rallye statt. © Actiongraphers
Bei der Breslau-Rallye gibt es eine Nacht-Etappe.
Bei der Breslau-Rallye gibt es eine Nacht-Etappe. © Actiongraphers

Doch nicht nur sie haben einen hohen Anteil. Auch das gesamte Team, zu dem sechs Service-Leute mit einem weiteren Lkw gehören. Da dieser vom gleichen Modell ist, musste er diesmal „als Ersatzteilspender her“, sagt Messner. Kurzerhand wurde das Gaspedal ausgebaut. Zum Glück müssen die Service-Lkws nicht die ganze Strecke mitfahren, da die Rallye-Route nicht wie früher von einer Stadt zur anderen führt. So gibt es während der fünf Tage nur zwei Camps, nach drei Tagen wird vom ersten in das zweite umgezogen. Die Heimkehr war auch gesichert, da das Wettkampf-Fahrzeug ohnehin auf einem Anhänger transportiert wird.

Generell, so erzählt Messner, „hatten wir in diesem Jahr den Fehlerteufel im Gepäck. Wir hatten unheimlich viele technische Ausfälle.“ Aber nie so schlimm, dass sie auf einer Etappe zu viel Zeit verloren haben, denn eine Hürde ist auch die zu schaffende Vorgabezeit pro Tag. Ansonsten bekommt man eine Strafzeit aufgebrummt. „Wir konnten zum Glück immer weiterfahren. Aber mussten in der Nacht immer bis kurz vor dem Start schrauben.“ So geht sein Dank auch an sein Service-Team, denn er selbst musste auch mal schlafen. „Es ist eine Woche mit wenig Schlaf und Kantinenessen“, sagt er lachend. Den Reiz beschreibt er so: „Eine Woche bin ich nur konzentriert darauf, das Fahrzeug zum Start und Ziel zu bekommen. Ich habe nur diese eine Aufgabe.“

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