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Im Interesse der Kollegen

Bernd Callwitz hat den ersten Betriebsrat in Meißen gegründet – vor 30 Jahren. Daran zu erinnern, liegt ihm am Herzen.

Bernd Callwitz hat viele Unterlagen zur Gründung des ersten Betriebsrates in Meißen vor 30 Jahren aufbewahrt.
Bernd Callwitz hat viele Unterlagen zur Gründung des ersten Betriebsrates in Meißen vor 30 Jahren aufbewahrt. © Claudia Hübschmann

Meißen. Jetzt kommen die nächsten, die hier mitmischen wollen. Diese Worte des Werkleiters hat Bernd Callwitz noch genau im Ohr. Das war 1990 im Plattenwerk „Max Dietel“. „Gerade war die Herrschaft der Partei in den Betrieben beendet worden, nun wollten wir einen Betriebsrat gründen“, erinnert sich der inzwischen 82-Jährige – und er fügt hinzu, dass er den Werkleiter sogar verstehen konnte.

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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Es ging aber nicht um die Lenkung der Wirtschaft, sondern um eine Interessenvertretung für dir damals über 1.000 Beschäftigten im damals noch volkseigenen Betrieb (VEB). Partei und Betriebsgewerkschaftsleitung waren viel zu sehr diskreditiert. Das hat er dem Werkleiter damals klarmachen können. Und so wurde vor 30 Jahren im Meißner Plattenwerk der erste Betriebsrat in der Stadt gegründet. Sein Vorsitzender war Bernd Callwitz.

Der Hauptkeramiker, der zu den Mitgestaltern der politischen Wende ein Meißen gehörte, nahm aufmerksam wahr, dass die Wende und der Weg zur deutschen Einheit ihren Preis haben. Zu den Produkten des VEB Plattenwerk „Max Dietel“ gehörten auch Wandfliesen, die zum allergrößten Teil für den Export in den Westen hergestellt wurden. „Plötzlich waren unsere bis zum Ende der DDR so begehrten Erzeugnisse nicht mehr gefragt, unsere Arbeit nichts mehr wert“, berichtet Bernd Callwitz. Denn mit der Einführung der D-Mark zum 1. Juli 1990 wurden DDR-Produkte auf vielen Märkten unbezahlbar und demzufolge kaum noch zu verkaufen. Der Enttäuschung darüber folgte die Angst – die Angst vor Entlassungen, erinnert er sich.

Bernd Callwitz war damals Hauptkeramiker. Der diplomierte Ingenieur arbeitete im Hauptwerk, von dessen Existenz heute nur noch das Teichert-Gebäude am Neumarkt kündet. Gespräche mit Kollegen und Freunden mündeten in eine gemeinsame Idee: „Wir müssen etwas unternehmen, damit die Belegschaft zu Wort kommt“, beschreibt er den Ursprung der Betriebsratsgründung. Bis das zwölfköpfige Gremium dann im April 1991 gewählt wurde, galt es allerhand vorzubereiten und zu bedenken. Am wichtigsten war, das Verfahren zur Gründung so vorzubereiten, dass keine Fehler unterlaufen, was die Interessenvertretung der Beschäftigten später hätte juristisch angreifbar werden lassen können.

Akribische Vorbereitungen

Deshalb nahm das Studium des Betriebsverfassungsgesetzes, von Verordnungen, Bestimmungen und Gerichtsurteilen breiten Raum bei den Vorbereitungen ein. Gespräche mit der Werkleitung und Informationen an die Belegschaft folgten. Schließlich die Suche nach Kollegen, die für den Betriebsrat kandidieren. Dabei galt es zu beachten, dass sich die Anteile der Arbeiter, Handwerker und Ingenieure unter den Beschäftigten des Plattenwerkes im Betriebsrat wiederfinden.

Die zwölf Kollegen, die vor 30 Jahren in den Betriebsrat gewählt wurden, bestimmten Bernd Callwitz zum Vorsitzenden. Schließlich war er derjenige Betriebsrat, der bei der Wahl die meisten Stimmen von den Plattenwerkern erhalten hatte. Von der Rechtslage her hätte er sich freistellen lassen und hauptamtlich als Betriebsratsvorsitzender wirken können. „Ich wollte weiter als Ingenieur arbeiten und nah dran sein an den Kollegen“, begründet Bernd Callwitz, warum er das damals ablehnte.

Für den Betriebsrat und seinen Chef gab es viel zu tun. In Betriebsvereinbarungen galt es vieles wie Arbeits- und Ausbildungszeiten, Fragen des Arbeitsschutzes oder der Gewährung von Urlaub und freien Tagen zu regeln und dabei die Interessen der Belegschaft zu wahren. Und die Betriebsräte mussten auch über Entlassungen entscheiden – vor allem in der Zeit, nachdem der VEB in eine GmbH überführt worden war.

Dass sie dabei streng auf die Wahrung sozialer Aspekte achteten, konnte die Betriebsräte nicht davor bewahren, dass sie manchen Kollegen, der sie gewählt hatte, zu enttäuschen. Das gehört zu den bitteren Erfahrungen, erinnert sich Bernd Callwitz, der wegen seines sozialen Engagements in Meißen geschätzt wurde. Im Herbst des Jahres 1991 übergab er den Betriebsratsvorsitz und folgte dem Ruf in die Stadtverwaltung, wo er viele Jahre als Bürgermeister für Soziales und Kultur arbeitete.

Viele Protokolle, Betriebsrats-Infos und weitere Dokumente aus der Zeit vor 30 Jahren nimmt Bernd Callwitz in diesen Tagen erneut in die Hand. Die Unterlagen zur Gründung des ersten Betriebsrates in Meißen vor 30 Jahren möchte er der Öffentlichkeit – dem Stadtmuseum oder dem Stadtarchiv – zur Verfügung stellen. Schließlich sollte die Erinnerung an die politische Wende sowie an die Zeit, die ihr unmittelbar folgte, wachgehalten werden.

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