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Immer wieder ein schreckliches Gefühl

Im vorigen Sommer war in Coswig eine Radfahrerin von einem Lkw überrollt und tödlich verletzt worden. Der Fahrer stand jetzt in Meißen vor Gericht.

Noch an der Unfallstelle war die Radfahrerin verstorben.
Noch an der Unfallstelle war die Radfahrerin verstorben. © Archivbild: Roland Halkasch

Meißen/Coswig. Der Lkw hatte die Radfahrerin überrollt, mit dem linken Vorderrad. Noch am Unfallort auf der Kreuzung von Weinböhlaer und Auerstraße in Coswig war die 47 Jahre alte Frau im Sommer vorigen Jahres verstorben. Beim Rechtsabbiegen habe er die Radfahrerin nicht beachtet – durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht. So lautete der Vorwurf, den Staatsanwalt Steve Schulze-Reinhold in seiner Anklage vor dem Amtsgericht in Meißen vortrug.

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Zu verantworten hatte sich der Fahrer des Lkw. Immer wieder rang der junge Mann mit den Tränen – während der Verhandlung ebenso wie in den Pausen, als er auf die beiden Töchter der Verstorbenen traf, die als Nebenklägerinnen auftraten. Vier bis sechsmal am Tag sei er auf der Strecke unterwegs gewesen, um Bauschutt von Coswig nach Ottendorf zu transportieren, berichtete der gelernte Berufskraftfahrer, der in Dresden wohnt und seit 2016 im Besitz eines Führerscheins und einer Lkw-Fahrerlaubnis ist.

An jenem 27. Juli 2020, einem Montag, sei es seine zweite oder dritte Runde gewesen, erzählte der inzwischen 24-Jährige. Er habe mit seinem Laster vorn an der Ampel gestanden. Als sie auf Grün sprang, habe er beim Anfahren in alle Spiegel geschaut. Weil die Kreuzung so eng ist, habe er beim Abbiegen mit seinem Fahrzeug ein bisschen nach links ausgeholt. Was dann passierte, habe er nur verschwommen wahrgenommen. Er könne sich nicht erinnern, erklärte er auf die Nachfragen von Richterin Petra Rudolph.

Wie es letztlich zum tödlichen Zusammenstoß mit der Radfahrerin kam, konnte vor Gericht nicht geklärt werden. Nach Aussagen des Sachverständigen Matthias Müller, der von der Polizeidirektion Dresden mit Beweissicherungsmaßnahmen an der Unfallstelle beauftragt wurde, fanden sich am Lkw keinerlei Hinweise darauf, wie die Radfahrerin mit dem Fahrzeug zusammenstieß. Spuren am Unterboden des Fahrzeuges lassen darauf schließen, dass sie überrollt wurde. Dabei wurde sie so schwer verletzt, dass sie noch am Unfallort verstarb.

Zwei Zeugen, die mit ihren Autos zum Zeitpunkt des schweren Unfalls ebenfalls an der Ampelkreuzung standen, hatten lediglich wahrgenommen, dass die Frau vom Lkw erfasst wurde und stürzte. Sie fährt da jetzt gleich rein, habe sie vom Beifahrersitz aus geschrien, schilderte eine Zeugin ihre Erinnerung. Die gelernte Altenpflegerin habe sofort versucht, die Frau zu reanimieren, nachdem sie der erste Zeuge unter dem Laster hervorgezogen hatte, berichtete sie.

Im Namen der Hinterbliebenen bedankte sich Rechtsanwalt Markus Haselier, der die Nebenklägerinnen vertrat, bei den Zeugen für die am Unfallort geleisteten Maßnahmen zur Ersten Hilfe.

Im toten Winkel

Der Lkw sei „behutsam und langsam“ angerollt. Diese Wahrnehmungen der Unfallzeugen bestätigen auch die Untersuchungen des Sachverständigen aus Radebeul – ebenso, dass sowohl Lkw als auch Fahrrad keinerlei technische Mängel aufwiesen. Er war mit einem Kollegen vor Ort, um an der Unfallstelle die Sichtfelder zu vermessen, berichtete Matthias Müller. In einer Projektion führte er vor, wie diese Sichtfelder sich in der kurzen Zeit vom Anfahren an der Kreuzung bis zum Zeitpunkt des Unfalls veränderten. Die Sicht nach vorn und zur Seite sowie die vier Spiegel verhindern nicht, dass tote Winkel bleiben und die Wahrnehmungsmöglichkeit in der Fahrerkabine sehr eingeschränkt ist, erklärte der Gutachter.

Der Fahrer des Lkw hat die Radfahrerin nicht gesehen, sagte Staatsanwalt Steve Schulze-Reinhold in seinem Plädoyer. Aus juristischer Sicht habe der Angeklagte einen Fehler begangen, der zu einem schlimmen Ende führte. Er sprach von einem „sehr geringen Handlungsunrecht“.

Der junge Mann, der sich nach dem Unfall in psychologische Behandlung begab, arbeitet wieder als Berufskraftfahrer. Das tragische Geschehen an jenem Juli-Tag sei für ihn wie ein „Rucksack“: Immer wieder habe er ein schreckliches Gefühl, vor allem dann, wenn er über die Unfallkreuzung fahren muss, sagte er. Auch, weil er sich bislang außer einer Geschwindigkeitsübertretung nichts zuschulden kommen ließ, beantragte der Staatsanwalt eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 50 Euro.

Verteidiger Klaus Kucklick griff die vom Staatsanwalt gebrauchte Formulierung des geringen Handlungsunrechts auf und schlug vor, es bei einer Verwarnung zu belassen. Damit verbunden wäre eine Bewährungszeit. Eine Geldstrafe bliebe angedroht, sollte gegen die Auflagen zur Bewährung verstoßen werden. Die Nebenklage hatte gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden.

Dem schloss sich Richterin Petra Rudolph an. Sie sprach den Angeklagten schuldig wegen fahrlässiger Tötung. Das Urteil sieht eine Verwarnung vor, die mit der Androhung einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen von 40 Euro verbunden ist. Die Bewährungszeit ist auf ein Jahr festgesetzt. Der Angeklagte muss die Kosten des Verfahrens tragen.

Unmittelbar nach der Verkündung erklärten alle an diesem Verfahren Beteiligten, dass sie keine Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen werden.

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