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Schrottimmobilie überteuert gekauft

Das Haus in Meißen soll beim Plossenausbau abgerissen werden. Der Erwerber wusste davon allerdings nichts.

Die Veräußerer des Hauses Wilsdruffer Straße 2 sollen dem Käufer bewusst verschwiegen haben, dass es bei einem Ausbau der Straße abgerissen werden dürfte. Der Käufer spricht von Betrug.
Die Veräußerer des Hauses Wilsdruffer Straße 2 sollen dem Käufer bewusst verschwiegen haben, dass es bei einem Ausbau der Straße abgerissen werden dürfte. Der Käufer spricht von Betrug. © Claudia Hübschmann

Meißen. Das Angebot klang als Anlage-Objekt interessant. Ein am Fuße des noblen Meißner Stadtteils Plossen gelegenes Mehrfamilienhaus mit neun Wohnungen, erbaut um 1900 und teilweise saniert, kam bei einer Versteigerung am 26. August dieses Jahres unter den Hammer. Anbieter war die Sächsische Grundstücksauktionen AG. Das Dresdner Unternehmen besteht seit 1998 und macht regelmäßig mit interessanten Offerten auf sich aufmerksam.

Rolf Weiß, selbst in der Immobilienbranche bei Magdeburg tätig, nutzte die Gunst der Stunde und erwarb das Gebäude. Die Vertragsangelegenheiten nahmen ihren juristischen Lauf. Alles schien in bester Ordnung zu sein, bis Weiß Anfang November nach eigenen Angaben einen überraschenden Anruf aus dem sächsischen Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) erhielt. Was er dabei von einem Behördenmitarbeiter erfuhr, machte ihn sprachlos.

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Der Mann habe ihm mitgeteilt, eine Kopie des Kaufvertrages erhalten zu haben. Anschließend wies er den Käufer daraufhin, dass die Immobilie Wilsdruffer Straße 2 seit rund fünf Jahren Teil eines Planfeststellungsverfahrens für den Ausbau der Plossenauffahrt sei. Wird das Vorhaben realisiert, solle das Mehrfamilienhaus enteignet und abgerissen werden, um die Straße zu verbreitern. Als Entschädigung stünden 50.000 Euro im Raum. Der Lasuv -Angestellte habe von einem offensichtlichen Betrug des Verkäufers gesprochen und dazu geraten, eine Strafanzeige zu stellen sowie einen Anwalt zu konsultieren, so Weiß.

Behörden waren die Entschädigungspläne bekannt

Auf SZ-Anfrage hin werden die Fakten zu dem Haus vom Landesstraßenamt bestätigt. Das Planfeststellungsverfahren wurde laut Sprecherin Isabell Pfeifer 2016 bei der Landesdirektion Sachsen beantragt. Die erste öffentliche Auslegung erfolgte im März 2017. Die zweite öffentliche Auslegung fand vom 26. Juni 26. Juli 2017 statt. In den Unterlagen ist der vorgesehene Abbruch der Gebäude auf dem Flurstück 784 der Gemarkung Meißen für die geplante Änderung der Fahrbahnränder der S 177, die Anlage des Rad- sowie Gehweges und die Neuordnung der Zufahrt zum Restaurant Waldschlößchen sowie dem Stadtpark deutlich gekennzeichnet und beschrieben. Für das Flurstück ist der vollständige Erwerb durch die Straßenbaubehörde vorgesehen.

Ähnlich lautet eine von der SZ angeforderte Auskunft des Meißner Rathauses. Sowohl die Tatsache, dass das betreffende Grundstück Teil des Planfeststellungsverfahrens ist als auch der Punkt, dass das Gebäude im Zuge des Ausbaus betroffen sein könnte, seien der Behörde durch das Planfeststellungsverfahren bekannt, so die Pressestelle. Der entsprechende Grunderwerbsplan wurde im Rahmen der öffentlichen Auslegung bereits 2016 bekannt gemacht.

Keine weiterführenden Angaben zu dem Fall möchte die Sächsischen Grundstücksauktionen AG machen. Sie teilt lediglich mit: "Aus grundsätzlichen Erwägungen lehnen wir eine Beantwortung derartiger Anfragen generell ab."

Mit dieser Anzeige wurde im Katalog der Sächsischen Grundstücksauktionen für die Versteigerung einer überteuerten Meißner Schrottimmobilie im August in Dresden geworben.
Mit dieser Anzeige wurde im Katalog der Sächsischen Grundstücksauktionen für die Versteigerung einer überteuerten Meißner Schrottimmobilie im August in Dresden geworben. © Screenshot Webseite

Rolf Weiß ist unterdessen in die Offensive gegangen. Mit Hilfe eines Rechtsanwalts und Notars sei es ihm gelungen, zumindest die Auszahlung des Kaufpreises zu stoppen, so der Geschädigte in einem Telefonat mit der Meißner SZ-Redaktion. Zudem liegt der SZ eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft Dresden gegen das Ehepaar vor, welches als Veräußerer der Immobilie Wilsdruffer Straße 2 vermutlich die Angaben zu einem möglichen Abriss des Gebäudes bewusst verschwiegen haben dürfte.

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Rolf Weiß spricht rückblickend von einem geplanten Betrugsversuch. Er hofft, den Kaufvertrag komplett rückabwickeln zu können und möglicherweise auch die zu zahlende fünfstellige Courtage von der Sächsischen Grundstücksauktionen AG erstattet zu bekommen. Diese äußert sich auch hierzu gegenüber der SZ nicht. Die Veräußerer dürften sich Weiß zufolge ins Ausland abgesetzt haben. Er spricht von Italien oder England. Im Internet finden sich von ihnen auch vorher nur sehr spärliche Spuren.

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