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"Größter" Immobilien-Betrüger aller Zeiten?

Ein Hochstapler, der sich gern als Berater von Angela Merkel und Helmut Kohl ausgab, ist jetzt beim Kauf einer Villa in Meißen aufgeflogen.

Die Straße lässt es nicht vermuten, aber links und rechts sind auf dem Plossen über Meißen die begehrtesten Grundstücke der Stadt zu finden. Eine Immobilie fand jetzt das Interesse eines Hochstaplers.
Die Straße lässt es nicht vermuten, aber links und rechts sind auf dem Plossen über Meißen die begehrtesten Grundstücke der Stadt zu finden. Eine Immobilie fand jetzt das Interesse eines Hochstaplers. © Claudia Hübschmann

Meißen/Dresden. Die Geschichte von Henryk B. klang plausibel. Seine Partnerin wolle in Meißen eine neue Arbeitsstelle antreten. Er selbst suche ein schönes Plätzchen, um sich von seiner aufreibenden Arbeit als Politikberater, Jurist und Vermittler zu erholen. Auch sonst machte der Mann mächtig Eindruck. Im Pass wird seine Körpergröße mit 2,12 Meter angegeben.

Der frühere Meißner Unternehmer Andreas T., der seinen Namen nicht in den Medien lesen möchte, fasste Vertrauen zu dem hünenhaften Norddeutschen. Dieser interessierte sich für die Villa des mittlerweile im Ruhestand lebenden Ex-Geschäftsinhabers. Das stattliche Gebäude kann sich sehen lassen. Es liegt in einer der begehrtesten Lagen der Porzellanstadt. Der Blick reicht weit ins Tal. Hier auf der Höhe lebt, wer es zu etwas gebracht hat und sich das leisten kann.

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Seine überragende Größe nutzte der vermutliche Betrüger Henryk B. aus Mecklenburg-Vorpommern gern, um Frauen, aber auch mögliche Geschäftspartner zu beeindrucken. Auch in Sachsen hatte er mit seinem Vorgehen Erfolg.
Seine überragende Größe nutzte der vermutliche Betrüger Henryk B. aus Mecklenburg-Vorpommern gern, um Frauen, aber auch mögliche Geschäftspartner zu beeindrucken. Auch in Sachsen hatte er mit seinem Vorgehen Erfolg. © privat

Im Laufe der vielen Wochen, in denen Andreas T. dieses Jahr mit Henryk B. telefonierte und Whatsapp-Nachrichten austauschte, kamen immer weitere interessante Details aus dem spannenden Leben des Berliner Rechtsanwalts ans Licht. Beiläufig erzählte er, beim Auflösen des Streits um die geplante Ostsee-Gasleitung Nordstream 2 zu helfen. Die Namen der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und des Bundesaußenministers Heiko Maaß (SPD) fielen. Dieses Engagement für Russland habe schon unmittelbar nach der Friedlichen Revolution begonnen, so der Ostexperte. Bei den Verhandlungen zum Zwei-Plus-Vier-Vertrag sei der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) seinem Rat gefolgt.

Andreas T. zeigte sich nachhaltig beeindruckt. "Es schmeichelt einem ja durchaus, so einen bedeutenden Mann zu kennen." Es habe ihm auch eingeleuchtet, dass eine solche Persönlichkeit oft Termine verschieben müsse und zudem nicht groß in der Öffentlichkeit erscheinen wolle. Schließlich jedoch kam es zum Notartermin in Großenhain. Gültige Ausweisdokumente lagen vor. Die Zahlungsmodalitäten wurden vereinbart. Alles erschien in bester Ordnung.

Der mutmaßliche Betrüger Henryk B. hat sich bei einem versuchten Villenkauf in Meißen - wie in früheren Fällen schon - als Jurist sowie Professor, Doktor, Doktor ausgegeben. Seine großen Lügen wurden ihm zumeist abgenommen.
Der mutmaßliche Betrüger Henryk B. hat sich bei einem versuchten Villenkauf in Meißen - wie in früheren Fällen schon - als Jurist sowie Professor, Doktor, Doktor ausgegeben. Seine großen Lügen wurden ihm zumeist abgenommen. © privat

Dann allerdings geschah nichts. Zumindest floss das Geld, knapp eine Million Euro, nicht wie vereinbart. Auch der Makler sah keinen Heller von der vereinbarten Courtage. Statt dessen entwickelte der Käufer eine muntere Bautätigkeit. Eine Handwerker-Brigade nach der anderen rückte an, um Grundstück und Villa nach seinen Wünschen und den Ideen seiner Partnerin umzugestalten. Im Spätsommer schließlich sollte die Straße vor dem Grundstück aufgerissen werden. Die Stadtwerke waren als Partner mit ins Boot geholt worden. Der frühere Meißner Geschäftsinhaber vermittelte bei diesen Arbeiten. An diesem Punkt sei ihm mulmig geworden, sagt er im Nachhinein. "Ich wollte wissen, wer dieser Mann eigentlich ist, der Helmut Kohl und Angela Merkel beraten hat", so der Ruheständler. Auf allen ihm zugänglichen Informationskanälen habe er nachgeforscht und sei schließlich fündig geworden.

2015 wurde Henryk B. der damals noch einen anderen Nachnamen trug, in Greifswald schon einmal als Betrüger verurteilt. Nun dürfte er bald aufgrund einer erneuten Betrugsserie in Sachsen vor Gericht stehen.
2015 wurde Henryk B. der damals noch einen anderen Nachnamen trug, in Greifswald schon einmal als Betrüger verurteilt. Nun dürfte er bald aufgrund einer erneuten Betrugsserie in Sachsen vor Gericht stehen. © privat

Das Ergebnis jedoch jagte dem Meißner einen gehörigen Schrecken in die Glieder. Bekannte aus Bayern machten ihn darauf aufmerksam, dass es sich bei Henryk B. eigentlich um Henryk F. handelt. Über diesen wiederum finden sich Gerichtsberichte, unter anderem in der Ostseezeitung aus dem Juni 2015. Dort heißt es, Henryk F. sei vom Amtsgericht Greifswald zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. In neun Fällen habe er vorsätzlich betrogen. Als angeblicher Jurist, Doktor und Professor logiert er in noblen Hotels, blieb die Zeche jedoch schuldig.

"In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen", sagt Andreas T. Jetzt hieß es, schnell zu handeln. Obwohl ihn die schlechte Nachricht am Wochenende erreichte, setzte er bei der Polizei in Dresden durch, dass sein umfängliches Wissen über den vermutlichen Betrüger Henryk B. in einer Anzeige dokumentiert wurde. Dem Opfer des norddeutschen Hochstaplers gelang es, den Kaufvertrag rückgängig zu machen. Bei seinen anschließenden Recherchen vor allem in Sachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern stieß er auf weitere, zahlreiche Betrugsversuche, die Henryk B. wahrscheinlich zuzuordnen sein dürften.

Es bleibt ein riesiger Vertrauensverlust

Mehrere Wochen sind seitdem ins Land gegangen. Seit dem Dienstag hat Andreas T. Gewissheit, dass sich sein früherer Geschäftspartner in Haft befindet. Wie die Staatsanwaltschaft Dresden mitteilte, konnte der zwischenzeitlich untergetauchte Beschuldigte am 19. Dezember in Malchin an der Mecklenburgischen Seenplatte festgenommen werden und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Gegen den 61-jährigen Deutschen werde unter anderem wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs in vier Fällen ermittelt. Dies dürfte noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

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Der geschädigte Meißner Villenbesitzer vernimmt diese Nachricht am Dienstagvormittag mit hörbarer Freude in der Stimme. "So ist diese Geschichte wenigstens vor Weihnachten abgeschlossen." Trotzdem bleibt für ihn ein Scherbenhaufen. Wie stehe er nun da vor den Handwerkern, die er an Henryk B. vermittelt habe, fragt Andreas T. Gar nicht zu reden von den grundsätzlichen Zweifeln und dem tief erschütterten Vertrauen, welche nach dieser Erfahrung bleiben werden.

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