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Meißen: Wer baut denn da mit Lehm?

Auf einer modernen Baustelle in Meißen wurde jetzt Richtfest gefeiert. Dabei sind die Methoden über tausend Jahre alt.

Der Mohn blüht, der Dachstuhl leuchtet hell: An einem besonderen Haus in Meißen konnte jetzt der letzte Nagel in die Dachkonstruktion eingeschlagen werden.
Der Mohn blüht, der Dachstuhl leuchtet hell: An einem besonderen Haus in Meißen konnte jetzt der letzte Nagel in die Dachkonstruktion eingeschlagen werden. © Claudia Hübschmann

Meißen. Irgendetwas ist anders bei diesem zweistöckigen Rohbau oberhalb des Elbecenters in Meißen. Aber woran liegt dieser Eindruck? Der frisch gezimmerte Dachstuhl leuchtet weithin sichtbar. Ein Birkenbäumchen deutet auf das bevorstehende Richtfest hin. Das Bier ist kaltgestellt. Altbrauer Andreas Girbig von der Privatbrauerei Schwerter Meißen hat für die Befeuchtung gesorgt.

Der Trompeter spielt "What a wonderful world" von Louis Armstrong. Pfarrer Gerold Heinke spricht über den Besuch Jesu beim Zöllner Zachäus. Der Beruf war damals nicht gerade beliebt. Aber, darum geht es nicht. Heinke wünscht, dass das Gebäude zur Heimstatt wird und viele Gäste empfängt. Damit dürfte er dem Baufuchs, Bauherren und Bauforscher Wolfram Jäger aus dem Herzen sprechen. Ihm bleibt es vorbehalten, den letzte Nagel in den Dachstuhl zu hämmern. Zimmerermeister Lars Wenzel aus Meißen liefert dazu sein Sprüchlein ab.

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Doch zurück zum Eigentlichen: Die Mauern des Rohbaus sind komplett mit zwei Schichten Folie gegen Regen und sonstige Feuchtigkeit geschützt. Lange Leisten befestigen die Isolierung. Das erklärt den verwirrenden Eindruck. Die Vorsichtsmaßnahmen haben ihren guten Grund. In der Nassau entsteht das erste deutsche Wohnhaus, das aus tragenden Lehmziegelwänden besteht. Der größte Feind des Lehms ist das Wasser. Deshalb die Folien.

"Man muss es einfach machen", sagt Wolfram Jäger. Der Professor möchte mit dem Haus den Nachweis erbringen, dass nachhaltiges Bauen zu verträglichen Kosten und mit normalen Standards möglich ist. Deshalb sitzt das Obergeschoss beispielsweise auf einer Spannbetondecke. Der Radebeuler will zeigen, dass es mit dieser Technik funktioniert, dass so mehrgeschossig gebaut werden kann. Für künftige Bauten sind freilich auch Holzbalkendecken denkbar.

Zimmermann Lars Wenzel, Pfarrer Gerold Heinke, der Musiker und Bauherr Wolfram Jäger nebst Gattin zelebrieren in Meißen ein außergewöhnliches Richtfest.
Zimmermann Lars Wenzel, Pfarrer Gerold Heinke, der Musiker und Bauherr Wolfram Jäger nebst Gattin zelebrieren in Meißen ein außergewöhnliches Richtfest. © Claudia Hübschmann

Der Rohbau, sagt Jäger, habe keine Probleme bereitet. In Kürze geht es in die nächsten Phasen. Wichtig ist ihm, alles genau zu dokumentieren. Eine Blaupause soll entstehen, wie nachhaltiges Bauen mit Lehm dazu beitragen kann, Deutschlands Klimabilanz zu verbessern. So wie Meißen einst Maßstäbe bei der Meißner Ofenkachel setzte, könnte der Stadtname künftig als Marke für klimaneutrale und recycelbare Wohnbauten stehen.

Meißens Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) hat die Botschaft verstanden. Erst jüngst versuchte er, Bauholz fürs eigene Heim zu ergattern. In dieser Woche durfte der Rathauschef zusammen mit der Chefin der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Birgit Richter einen Preis für klimaneutrales und bezahlbares Bauen am Albert-Mücke-Ring entgegennehmen. "Auf die Mischung kommt es beim Bauen in Meißen an", sagt Raschke. Er sei stolz darauf, dass ein solches Pilotprojekt in Meißen Maßstäbe setze.

Energie kann massiv eingespart werden

Der Radebeuler Ingenieur Jäger verfolgt mit seinem Modellhaus in Meißen ein langfristiges Ziel: Er möchte praktisch beweisen, dass sich aus industriell gefertigten Lehmziegeln tragende Wände und schließlich ein ganzes Haus errichten lassen. Aber nicht nur das: Gleichzeitig könne sowohl bei der Produktion der Ziegel als auch bei einem späteren Rückbau des Gebäudes massiv Energie eingespart werden, so der Baufachmann. Nur auf diese Weise sei es aus seiner Sicht möglich, dass Deutschland die selbst gesteckten Klimaziele einhält.

Der Baufachmann hat seine Liebe zum Lehm durch ein einmaliges Projekt entwickelt. 2005 habe ihn ein Hilferuf aus der Stadt Bam im Iran erreicht, erzählt er. In den beiden Vorjahren war die historische Oasenstadt im Süden des Landes von verheerenden Erdbeben heimgesucht worden.

Die zentrale Zitadelle und die umliegenden Gebäude gelten als größter Lehmbaukomplex der Welt. Bei der Rekonstruktion des Unesco-Weltkulturerbes war der Rat des sächsischen Baustoffexperten der Technischen Universität Dresden gefragt. Dank eines Programms des Auswärtigen Amts konnte ein zentrales Gebäude der Zitadelle wiederaufgebaut worden: das Sistani Haus. Es handelt sich um ein typisches iranisches Wohnhaus einer Kaufmannsfamilie aus dem 18. Jahrhundert.

Es geht noch höher mit Lehm hinaus

Nach umfangreichen Untersuchungen und praktischen Experimenten flossen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und angepasste Technologien in die Arbeiten ein. So wurden zunächst die bestehenden Reste mit Glasfaserstäben stabilisiert. Anschließend rekonstruierten Handwerker die Räume mit einem speziell entwickelten palmfaserbewehrten Lehmstein und umwickelten die Gewölbedecken und Gurtbögen mit Glasfasergewirk.

Während der zweistöckige Bau in Meißen wächst, denkt Wolfram Jäger an die Zukunft. Die Lehm-Technologie soll auch höhere Bauwerke möglich machen. Der Wissenschaftler und seine Mannschaft arbeiten daran, die Dämmeigenschaft der Ziegel zu verbessern. Das Modellprojekt in Meißen habe jetzt fünf bis zehn Jahre Vorsprung, schätzt der Radebeuler. Wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen wolle, sollten die Ziegelhersteller und Bauindustrie dem Meißner Weg folgen. Auf 20 Prozent veranschlagt Jäger den künftig möglichen Marktanteil der Lehmbauten.

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