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Wertloses Haus in Meißen versteigert

Ein erfahrener Investor kauft in Meißen ein Haus, das beim Plossenausbau abgerissen werden soll. Handelt es sich um eine Betrugsmasche?

Haben die Verkäufer des Hauses der Wilsdruffer Straße 2 bewusst verschwiegen, dass es beim Ausbau der Straße abgerissen werden dürfte?
Haben die Verkäufer des Hauses der Wilsdruffer Straße 2 bewusst verschwiegen, dass es beim Ausbau der Straße abgerissen werden dürfte? © Claudia Hübschmann

Meißen. Ein Haus zu ersteigern, ist für Rolf Weiß schon lange nichts Besonderes mehr. Als Geschäftsführer eines Immobilienunternehmens bei Magdeburg hat er schon über 100 Objekte ersteigert. Er weiß, worauf es zu achten gilt, und trotzdem führt ihn eine Auktion aufs Glatteis.

Als Weiß im August 2020 ein Mehrfamilienhaus mit neun Wohnungen ersteigert, nobel am Fuße des Plossen gelegen; zahlt er dafür gerne 250.000 Euro. Schließlich ist es um 1900 erbaut und teilweise saniert. 300.000 Euro wollte er noch hinein investieren, womöglich selbst nach Meißen ziehen. Doch ein Anruf aus dem sächsischen Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) lässt den Wert des Hauses und seine Pläne bröckeln.

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Weiß muss erfahren, dass sein neu erworbenes Grundstück spätestens seit 2016 Teil eines Planfeststellungsverfahrens für den Ausbau der Plossenauffahrt ist. Die Straße soll verbreitert und gestützt werden. Um das Vorhaben zu realisieren, müsste von mehreren Grundstücken etwas abgezwackt werden. Weiß' Mehrfamilienhaus gleich ganz enteignet und abgerissen werden.

Vorwurf: Arglistige Täuschung

Statt des Kaufpreises von 250.000 Euro stand eine Entschädigung zwischen 50.000 und 100.000 Euro im Raum: "Dabei ging es nie um die Frage, ob enteignet wird, sondern wann", sagt Weiß, der deshalb vor dem Landgericht Dresden seinen Kaufpreis aufgrund arglistiger Täuschung zurück streiten möchte. Und zwar nicht von der Sächsischen Grundstücksauktionen AG, die das Haus versteigerte, sondern von der Besitzerin.

Die Angeklagte ist eine promovierte Apothekerin, mit Wohnsitz in Großbritannien und mehreren Immobilien in Deutschland. In der Verhandlung am Montag muss eine Dolmetscherin jede Antwort aus dem Italienischen übersetzen. Da Deutschkenntnisse bei der Hausverwaltung von Vorteil sind, übernehme ihr deutscher Mann alle Aufgaben – abgesehen von größeren Entscheidungen, die eine Unterschrift benötigen.

Und genau das galt es am Montag zu klären: Wusste die Angeklagte davon, dass bald eine Straße durch ihr Meißner Grundstück führen könnte? Die Angeklagte kann sich zwar noch daran erinnern, dass der Bürgermeister einmal ihren Mann angerufen habe, mit der Absicht ihr Haus zu kaufen – irgendwas wegen einer Bahnstrecke.

Ihr Mann - der vor dem Landgericht als Zeuge geladen war - konnte sich auch an einen solchen Anruf der Stadt erinnern: "Allerdings wurde mit keinem Wort erwähnt, dass das Haus im Weg steht. Ich habe extra noch mal nachgefragt, gibt es irgendetwas, was meine Frau wissen muss."

Das ändert sich, als ein Jurist des Lasuv als Zeuge aufgerufen wird: Er versichert, dass private Besitzer so früh wie möglich mit einbezogen würden. "In diesem Fall haben wir die Eigentümer sogar deutlich vor der Finanzierung informiert." Und kann das mit einem Schreiben aus dem Jahr 2009 bezeugen, auf das die Angeklagte 2011 unter Bezug auf das letzte Schreiben antwortete und ein Gutachten anhing: als Orientierung für die Höhe der Entschädigung.

Als der Angeklagten der Brief mit ihrer Unterschrift zur Prüfung überreicht wird, versteift sich ihr Gesicht, während Weiß lächelt, seine vor sich liegenden Prozessunterlagen zusammenklopft und sich zurücklehnt. "Ich finde es dreist, dass Sie trotz der vorliegenden Beweise bei Ihrer Geschichte geblieben sind: Nichts vom Bauvorhaben gewusst zu haben", sagt Weiß nach der Verhandlung, die noch keine Entscheidung brachte. Beide Parteien haben zwei Wochen Zeit, auf die rechtliche Würdigung zu reagieren.

Gängige Betrugsmasche?

Weiß steht mit seiner viel zu teurer erworbenen Immobilie nicht allein da. Bei ihm habe sich ein Käufer gemeldet, der eine Immobilie in Glauchau unter der Vorspiegelung von "Fantasieverträgen" ersteigert hätte. Ein privater Immobilieninvestor aus Norddeutschland kann eine ähnliche Geschichte zu einem Haus in Chemnitz berichten. Alle drei Häuser wurden von der Sächsischen Grundstücksauktionen AG (SGA) versteigert.

Weiß möchte der SGA keinen Vorwurf machen, da sie Immobilien sehr gründlich prüfen würde. Gerade in seinem Fall handele es sich um einen Sonderfall, den man nicht auf dem Schirm haben könne: "In einer Auktion werden zwischen 50 und 100 Immobilien versteigert, da kann es schon mal sein, dass ein unerfreuliches Objekt darunter ist."

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Der norddeutsche Investor wirft dem Auktionshaus hingegen vor, "Beihilfe zum Betrug" zu leisten, auch wenn sie rechtlich auf der sicheren Seite seien. Ihm ist es wichtig, dass nicht noch mehr auf die "Masche" des Auktionshauses hereinfallen: Das Wichtigste sei es, ein Haus niemals ohne Besichtigung zu ersteigern, am besten mit einem Sachverständigen. Das Haus in Chemnitz hätte er sonst gar nicht ersteigert.

In Weiß' Fall hätte das nichts gebracht: "Ein Sachverständiger kann ja nicht sehen, welche Baumaßnahmen einmal auf dem Grundstück geplant sind." Die SGA hatte bereits im November eine SZ-Anfrage aus grundsätzlichen Gründen abgelehnt.

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