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"Ich bin ein konservativer Pragmatiker"

Überraschend möchte Andreas Jahn aus Berlin dem Meißner Kreis-CDU-Chef die Nachfolge des Bundestagsmandats von Thomas de Maiziére streitig machen.

Kommt aus Berlin, ist aber in der Region Meißen geboren und aufgewachsen: Andreas Jahn (48). Er möchte das Bundestagsmandat von Thomas de Maiziére übernehmen. Sein Gegner ist der Meißner CDU-Kreischef.
Kommt aus Berlin, ist aber in der Region Meißen geboren und aufgewachsen: Andreas Jahn (48). Er möchte das Bundestagsmandat von Thomas de Maiziére übernehmen. Sein Gegner ist der Meißner CDU-Kreischef. © Claudia Hübschmann

Herr Jahn, Sie möchten Nachfolger des langjährigen CDU-Bundestagskandidaten für den Landkreis Meißen Thomas de Maiziére werden. Warum?

Parteifreunde aus dem CDU-Stadtvorstand in Riesa haben mich zu einer Kandidatur für das Bundestagsmandat ermutigt. Zum einen konnte ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Thüringer CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Selle seit nunmehr elf Jahren wertvolle Erfahrungen zur Arbeit eines Abgeordneten des Deutschen Bundestages sammeln und kenne die Aufgaben in den entscheidenden Gremien des Parlaments sehr gut. Zum anderen bin ich in der Region stark verwurzelt. Aufgewachsen bin ich in Wülknitz, habe in Riesa Abitur gemacht und somit die ersten 19 Lebensjahre hier im Landkreis verbracht. Darüber hinaus habe ich regelmäßig den Kontakt zu meinen Freunden und Klassenkameraden gehalten. Außerdem verfüge ich über eine ausgewiesene Wirtschaftsexpertise. Seit einiger Zeit bin ich beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft in der Geschäftsleitung für die Bereiche Politik und Außenwirtschaft zuständig. Gerade bei der Bewältigung der Coronakrise könnte ich mittelständischen Firmen im Landkreis Meißen meine Erfahrungen anbieten und den betroffenen Unternehmen und ihren Angestellten aktiv zur Seite stehen. Nicht nur der Mittelstand, sondern auch viele Kleinstunternehmer, Handwerker und Angestellte im Landkreis brauchen eine starke Stimme in Berlin. Deshalb kandidiere ich.

Hängt Ihre Bewerbung nicht auch mit dem Auslaufen Ihrer Tätigkeit für den Bundestagsabgeordneten Johannes Selle zusammen, der einen CDU-internen Wettstreit verlor und nicht mehr antreten darf?

Das ist richtig. Er hat bei der Nominierung für das Direktmandat im Wahlkreis Jena gegen seinen Herausforderer Mike Mohring verloren.

Sie arbeiten und wohnen in Berlin. Was verbindet Sie noch mit der Region Meißen?

Ich bin ein heimatverbundener Mensch, hänge sehr an der Region und habe hier meine Wurzeln. Drei meiner Geschwister wohnen hier im Wahlkreis, ein Bruder lebt mit seiner Familie in Dresden. Ich habe Anfang der 90er Jahre im Kammerorchester Meißen musiziert und war im Riesaer Jugendchor aktiv. Auch in den vergangenen Jahren war ich in die politischen Prozesse in Riesa und Umgebung eingebunden. So habe ich 2009 die Riesaer Gespräche „20 Jahre friedliche Revolution“ mit organisiert und moderiert. Wir haben damals mit Rainer Eppelmann zum Mauerfalljubiläum diskutiert. Viele Riesaer erinnern sich sicher auch noch an das Weihnachtskonzert des russischen Orchesters „Silberne Saiten“, das ich 2009 in der Trinitatiskirche organisiert habe.

Bisher gibt es erst einen Bewerber um das Mandat des CDU-Direktkandidaten. Das ist der Kreisvorsitzende Sebastian Fischer. Was halten Sie von ihm?

Ich trete nicht gegen Sebastian Fischer, sondern für den Landkreis Meißen an. Wir werden in einen Wettstreit der Ideen treten, unsere Konzepte den CDU-Mitgliedern des Landkreises vorstellen und zu einer guten Lösung kommen.

Nach Niederlagen zur Landtags- und Landratswahl möchte der Meißner CDU-Kreisvorsitzende Sebastian Fischer (38) jetzt endlich mal wieder gewinnen und als CDU-Direktkandidat in den Bundestagswahlkampf ziehen.
Nach Niederlagen zur Landtags- und Landratswahl möchte der Meißner CDU-Kreisvorsitzende Sebastian Fischer (38) jetzt endlich mal wieder gewinnen und als CDU-Direktkandidat in den Bundestagswahlkampf ziehen. © Kristin Richter

Was können Sie besser machen als Sebastian Fischer?

Ich könnte nach der Bundestagswahl vom ersten Tag an auf tragfähige Netzwerke im Bundestag zurückgreifen, die für den Landkreis Meißen sofort genutzt werden könnten. Ein Beispiel wären Bundesprogramme und Fördertöpfe, die ich für die Ansiedlung neuer Unternehmen in der Region nutzbar machen könnte. Die Weiterentwicklung ländlicher Räume beim Breitbandausbau und die Förderung der Digitalisierung sind Schwerpunktthemen meiner derzeitigen Tätigkeit. Durch die Bildung von Mittelstandsclustern und der Nutzung von Förderprogrammen für innovative Spitzentechnologien wie Wasserstoff könnten wir neue Arbeitsplätze im Landkreis schaffen.

Sie müssen am 8. Januar in Großenhain einen Nominierungsparteitag der Kreis-CDU bestehen. Wie wollen Sie die Delegierten überzeugen?

Die persönliche Überzeugungskraft in Kompetenz und Netzwerke vor Ort sind von zentraler Bedeutung. Neben meiner Vernetzung im Bundestag und in der mittelständischen Wirtschaft würde ich auch meine hervorragenden Kontakte zu Entscheidungsträgern in den Bundesbehörden, Ministerien und internationalen Vertretungen anführen. Gerade jetzt, wo viele Messebauer, Hoteliers, Restaurantbesitzer, Soloselbständige, Künstler und Freiberufler um ihre Existenz ringen, ist schnelle und unbürokratische Hilfe gefragt. Die Menschen werden uns an der Effizienz messen, mit der wir die Krise bewältigen.

Dürfen Sie als Berliner sich überhaupt für Meißen zur Wahl stellen?

Ja, das lässt die Satzung zu. Wenn ich in den Bundestag gewählt werde, würde ich mit meiner Familie selbstredend in den Wahlkreis ziehen.

Wie schätzen Sie den politischen Gegner ein?

Der Gegner ist vor allem rechts außen zu verorten. Leider haben wir in den letzten Jahren das Herz vieler CDU-Stammwähler verloren. Viele Menschen erreichen wir nicht mehr mit unseren Botschaften. Bei der letzten Bundestagswahl 2017 sind nahezu 50.000 Menschen in unserem Landkreis nicht wählen gegangen. Viele Menschen, mit denen ich spreche, sind zudem durch die Pandemie zutiefst verunsichert und ringen um Orientierung. Wir müssen die getroffenen Entscheidungen nachvollziehbarer begründen und verständlicher machen, um Vertrauen zurückzugewinnen. Da möchte ich gern ansetzen und durch persönliche Begegnungen und aktive Unterstützung der Hilfesuchenden Signale der Verlässlichkeit und Planbarkeit aussenden. Thomas de Maizière hat dies erfolgreich praktiziert und den Wahlkreis drei Mal erfolgreich gewonnen, er war und ist ein Aushängeschild. Mit seiner Bürgernähe und Heimatverbundenheit hat er Maßstäbe gesetzt. Die Fußtapfen sind groß, gewiss, aber ich möchte versuchen, in sie hineinzuwachsen.

Welchen Flügel würden Sie sich in der CDU zuordnen: Links, rechts, Mitte?

Ich bin mit meinen fünf Geschwistern in einem Elternhaus groß geworden, das dem Protestantismus lutherischer Prägung nahestand. Ich würde mich deshalb als konservativen Pragmatiker und Brückenbauer bezeichnen, als Netzwerker, der zuhört und der Menschen zusammenführt.

Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Veränderungen und Krisen sind immer eine Chance für einen Neuanfang. Wir dürfen den Kampf um das Vertrauen der Menschen in unsere politische Glaubwürdigkeit nicht aufgeben. Selbst wenn wir dabei nicht immer siegen, gewinnen wir als Menschen und können daraus für die Zukunft lernen. Ich hoffe, dass ich die CDU-Delegierten am 8.Januar beim Nominierungsparteitag in Großenhain davon überzeugen kann.

Vita von Andreas Jahn

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  • Am 8.8. 1972 in Riesa geboren
  • Abitur am Max-Planck Gymnasium in Riesa
  • 1993 Freiwilliges Soziales Jahr in einem Straßenkinderprojekt in Mexiko-Stadt
  • Studium der Germanistik und Romanistik
  • Hauptstadtrepräsentant der Nehemiah Gateway gGmbH
  • Seit 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag
  • Seit 2019 Mitglied der Bundesgeschäftsleitung im Bundesverband mittelständische Wirtschaft

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