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Keine Zeit, die Oma zu schlagen

In einer Meißner Familie gibt es öfter Konflikte. Doch einen Tag vor der Verhandlung hält man zusammen und heckt einen Plan aus.

Ihre Oma soll die angeklagte Meißnerin geschlagen haben. Erst leugnet sie. Die Großmutter hatte ihre Anzeige zurückgezogen.
Ihre Oma soll die angeklagte Meißnerin geschlagen haben. Erst leugnet sie. Die Großmutter hatte ihre Anzeige zurückgezogen. © Symbolfoto: Claudia Hübschmann

Meißen. Es ist schon ein schwerer Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft der 27-jährigen Meißnerin macht. Sie soll einer alten, kranken und wehrlosen Frau mit der Hand ins Gesicht und mit einer Stehlampe auf den Arm geschlagen haben. Und zwar ihrer eigenen Großmutter. Die hat mit einer handschriftlichen Anzeige ihre Enkelin wegen Körperverletzung bei der Polizei angezeigt. Übrigens nicht zum ersten Mal. Doch alle anderen Verfahren hat die Staatsanwaltschaft im Hinblick auf eine zu erwartende Verurteilung in dieser Sache eingestellt.

Einen Tag vor dem Verhandlungstermin passiert etwas Merkwürdiges. Die alte Frau ruft im Gericht an, erklärt der Richterin, ihre Enkelin habe sie gar nicht geschlagen. Außerdem sei die Sache schon zwei Jahre her. Den ganzen Tag säße schon ihre Tochter bei ihr, man habe den ganzen Vormittag über nichts anderes als über die anstehende Verhandlung gesprochen, alle würden weinen. Ihre Anzeige hatte sie zurückgezogen. Das hilft aber nichts. Die Staatsanwaltschaft sieht ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung. Und so muss die 27-Jährige vor Gericht.

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Betreuerin soll schuld sein

Hier tritt sie zunächst sehr selbstsicher auf. Sie habe an jenem 27. Mai 2019 um 13 Uhr ihre Oma gar nicht schlagen können. Die habe sich nämlich von 8.30 bis 16.30 Uhr in der Tagespflege befunden. Merkwürdig nur: Obwohl also an dem Tag nichts Außergewöhnliches vorgefallen sein soll, kann sie sich genau an jenen Tag vor zwei Jahren erinnern. "Ich hatte andere Sorgen, als meine Oma zu schlagen", sagt sie. Ihr Opa sei gestorben und in der Rechtsmedizin "verschollen". Man habe sich darum gekümmert und die Beerdigung vorbereitet.

Doch wie kommt die Oma dann zu dieser Anzeige, will die Richterin wissen. Die Betreuerin sei schuld, so die Angeklagte. "Die hat was gegen mich. Meine Oma macht alles, was sie sagt, weil sie Angst hat, sonst schlecht von ihr behandelt zu werden", behauptet sie.

Allerdings war die Richterin zum Tatzeitpunkt Betreuungsrichterin, kennt sowohl die Betreuerin als auch die Familie der Angeklagten und die dortigen Verhältnisse. Sie kündigt an, die Betreuerin und auch die betagte Oma als Zeugen vor Gericht zu laden. Das wollte sie der alten Frau eigentlich ersparen.

"Im Affekt gehandelt"

Ob sie denn am Vortag der Verhandlung bei ihrer Oma war, will die Richterin wissen. Ja, am späten Nachmittag, so die Angeklagte. Die Richterin liest ihr das Gesprächsprotokoll mit der alten Frau vor. Demnach sei die Enkelin am Morgen bei ihr gewesen und habe viel geweint. Ja, morgens sei sie auch schon mal da gewesen, räumt die Angeklagte jetzt kleinlaut ein. Es wird deutlich, dass die Familie einen Plan ausgeheckt hat.

Der Staatsanwalt verweist auf die Vorgeschichte, darauf, dass die Geschädigte schon mehrfach behauptet hat, dass sie sowohl von ihrer Tochter als auch der Enkelin geschlagen worden sie. Dabei sei es auch um Geld gegangen.

"An diesem Tag habe ich meine Oma jedenfalls nicht mit der Stehlampe ins Gesicht geschlagen", so die Angeklagte. Aber vielleicht an einem anderen Tag? "Wenn, dann war es früher. Ich weiß nicht mehr, wann es war. Kann sein, dass ich im Affekt gehandelt habe", sagt die junge Frau, die von Arbeitslosengeld II lebt. Jetzt hat sie ihr Gedächtnis doch wiedergefunden. "Die Stehlampe stand im Wohnzimmer. Ich habe sie ihr aus Wut weggenommen. Kann sein, dass ich sie damit am Arm getroffen habe. Ich wollte meiner Oma aber nichts Böses tun", sagt sie.

Das ist nichts anderes als ein Geständnis. Allerdings: Ohne dieses hätte sie nicht überführt werden können. Dies würdigen Gericht und Staatsanwaltschaft. Die nicht vorbestrafte Frau wird lediglich verwarnt, die Geldstrafe von 300 Euro unter Strafvorbehalt für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt. Wenn es wieder eine Auseinandersetzung mit der Oma gibt, werde die Geldstrafe vollstreckt, droht die Richterin der Angeklagten an. Dass sich die Familie frage, wo das Geld der Großeltern geblieben sei, dürfe aber nicht dazu führen, dass sie die alte, kranke Frau schlage.

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