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Kettensäge im Rucksack

Ein Serientäter sitzt vor Gericht. Mal wieder. Wenn er klaut, dann richtig. Das Motiv ist immer das gleiche. Nun sitzt er ein.

Von Jürgen Müller
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Auch in diesem Coswiger Baumarkt packte der Angeklagte Geräte für mehrere hundert Euro in den Rucksack und wollte verschwinden. Doch er wurde geschnappt.
Auch in diesem Coswiger Baumarkt packte der Angeklagte Geräte für mehrere hundert Euro in den Rucksack und wollte verschwinden. Doch er wurde geschnappt. © Claudia Hübschmann

Coswig/Dresden. Die beiden Männer sind dem Ladendetektiv gleich aufgefallen. Über Überwachungskameras verfolgt er die beiden Männer, sieht, wie sie fleißig Waren im Wert von mehreren hundert Euro in einen Rucksack packen. An der Kasse zahlt dann einer der Männer lediglich etwas Tierfutter. Der andere will mit dem vollen Rucksack durch die Kasse gehen. Jetzt greift der Detektiv zu. Widerstandslos folgen die beiden Männer dem Detektiv ins Büro. Der holt die Polizei.

Einer der beiden, ein 25-jähriger Dresdner, sitzt nun vor Gericht. Gegen seinen Kumpel wird getrennt verhandelt. Nicht Kleckern, sondern Klotzen, das war wohl das Motto des Angeklagten. Insgesamt 15 Taten wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann vor. Wenn er zulangte, dann richtig. In einem Radebeuler Supermarkt sackte er mit seinem Kumpel beispielsweise Wlan-Sticks, SD-Karten und USB-Sticks – alles klein, aber teuer – für sage und schreibe 1.062 Euro ein. In einem Coswiger Baumarkt landeten vier Akkuschrauber und Bohrmaschinen für insgesamt mehr als 700 Euro im Rucksack.

Mit gefälschtem Rezept

Auch in Riesa war das Duo aktiv. Einen Baumarkt wollten sie mit einer Marken-Kettensäge im Wert von 829 Euro ohne zu bezahlen verlassen. Am Berufsbildungszentrum entwendete der Angeklagte ein Mountainbike im Wert von 600 Euro. Eine ganze Reihe weitere Diebstähle beging er in Dresden. Dort versuchte er auch, in zwei Apotheken ein gefälschtes Rezept einzulösen. In einem Autohaus soll er versucht haben, ein Fahrzeug zu klauen, bis die Alarmanlage losging. In einer Wohnung in Radebeul soll er gleich zweimal eingebrochen sein und hochwertige Technik geklaut haben. Und schließlich wird er in Radebeul mit Crystal erwischt.

Bei zwei Diebstählen hatte er in einem Fall ein Taschenmesser, in einem anderen Fall ein Cuttermesser bei sich. So zählen diese Taten als Diebstahl mit Waffen.

Drei bis vier Gramm Crystal täglich

Sein Problem: Bei allen Taten wird er entweder auf frischer Tat ertappt oder von Überwachungskameras gefilmt. Und so versucht er auch gar nicht erst, die Taten zu leugnen. Nur mit der Sache im Autohaus will er nichts zu tun haben. Er kenne das Autohaus nicht und sei auch nie dort gewesen, sagt Verteidiger Ulf Israel. Zwar wurde sein Mandant auch hier gefilmt, der Mann auf den Bildern könnte durchaus sein Mandant sein. Oder eben auch nicht. Selbst ein Gutachten kommt zu keinem Ergebnis.

Der Grund für die vielen Taten mit den hohen Schäden ist zu ahnen. Der Mann, der sechs Jahre die Förderschule besuchte, keinen Beruf erlernt und noch nie in seinem Leben gearbeitet hat, ist schwer drogenabhängig. Drei bis vier Gramm Crystal will er jeden Tag konsumiert haben. Bei einem Grammpreis von rund 70 Euro geht das mächtig ins Geld. Da ist das Arbeitslosengeld II ganz schnell alle und noch viel Monat übrig.

Alle Taten in der Bewährungszeit

Da der Angeklagte weitgehend geständig ist, kann die Verhandlung abgekürzt werden. Zwölf Zeugen müssen so nicht gehört werden. Das Geständnis ist so ziemlich das Einzige, was das Schöffengericht des Dresdner Amtsgerichtes zugunsten des Angeklagten, der seit 20. Juli vorigen Jahres in Haft ist, werten kann. Schwer ins Gewicht fällt, dass der Dresdner im April 2020 wegen Diebstahls mit Waffen zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt wurde. Die Bewährungszeit läuft bis zum Mai dieses Jahres. Mit anderen Worten: Bei allen jetzt angeklagten Taten war er Bewährungsbrecher.

Das Gericht verurteilt ihn unter sehr straffer Zusammenführung aller Taten zu einer Haftstrafe von zwei Jahren, allerdings ohne Bewährung. Der Mann bleibt weiterhin im Gefängnis. Wird das Urteil rechtskräftig, muss er mit dem Widerruf der Bewährung aus dem anderen Urteil rechnen und die sechs Monate auch noch absitzen. Das ist noch nicht alles. Es gibt ein weiteres Urteil zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Die Staatsanwaltschaft hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt.