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Krankheit schützt vor Fahrverbot

Unfallfluchten gehören zu den häufigsten Straftaten im Landkreis. Nicht jeder Angeklagte hat so viel Glück wie dieser.

Auch ein Zettel am Scheibenwischer reicht nicht nach einem Unfall. Es muss eine angemessene Zeit gewartet und dann die Polizei gerufen werden.
Auch ein Zettel am Scheibenwischer reicht nicht nach einem Unfall. Es muss eine angemessene Zeit gewartet und dann die Polizei gerufen werden. © Symbolfoto: Thomas Fiedler

Meißen. Es geht schneller, als man denkt: Eine Sekunde nicht aufgepasst, ein bisschen zu viel Gas gegeben beim Ausparken oder einfach nur verschätzt - und schon wird ein anderes Fahrzeug gerammt. Das ist ärgerlich, weil so ein Bumser richtig viel Geld kosten kann. Auch wenn die Versicherung den Schaden reguliert, wird man in der Versicherungsklasse hochgestuft, zahlt höhere Beiträge. Davor fürchten sich viele, hauen einfach ab, in der Hoffnung, dass niemand den Unfall bemerkt hat. Doch es sind nicht nur finanzielle Gründe, die zu solch einer Straftat führen. Mitunter sind die Unfallverursacher betrunken, fürchten, dass der Alkohol bemerkt wird und dann der Führerschein weg ist.

Doch weg ist er in der Regel auch bei einer Unfallflucht. Dennoch ist diese Straftat oder - wie es juristisch korrekt heißt "unerlaubtes Verlassen des Unfallortes" - zu einer Art Volkssport geworden. Allein im vergangenen Jahr gab es am Amtsgericht Meißen 36 derartige Strafverfahren. Mehr Verfahren gab es hier nur wegen Körperverletzung und Betruges.

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Wie viele Unfallfluchten es insgesamt gibt, ist unklar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher ist als die tatsächlich angezeigten Taten. Ärgerlich ist eine Unfallflucht vor allem für die Geschädigten. Denn die bleiben auf den Reparaturkosten sitzen.

Ein überraschender Anruf

Hier im Falle eines damals 48 Jahre alten Moritzburgers war es anders. Dieser hatte an einem Abend Ende Januar 2018 an einer Gaststätte in Moritzburg geparkt. Als er mit seinem Ford wieder losfuhr, stieß er beim Rückwärtsfahren gegen einen Opel. Es entstand an diesem ein Schaden von fast 1.500 Euro. Dennoch haut der Mann ab, fährt danach seelenruhig mit einem Kumpel mit dem Bus nach Dresden. Dort bekommt er überraschend einen Anruf. Am anderen Ende der Leitung ist die Besitzerin des geschädigten Autos. Die Polizei war gerade bei ihr. Ein Zeuge hatte den Unfall beobachtet, die Autonummer notiert. Jetzt geht der Ärger für den Mann los.

Er erhält einen Strafbefehl, doch den akzeptiert er nicht, geht in Einspruch. Warum, weiß er wohl selbst nicht. Vor Gericht gibt er einen erbärmlichen Eindruck ab, beantwortet Fragen, die gar nicht gestellt wurden, druckst herum. Bei konkreten Fragen redet er um den heißen Brei, widerspricht sich mehrfach. Er sei an das andere Auto "ein bissel rangefahren", gibt er erst zu. Später behauptet er, dass er den Unfall nicht mitbekommen habe. Sein Auto habe er sich erst später nach dem Anruf angesehen. Dabei habe er keine Unfallspuren entdeckt, sagt der Mann, der schon 19 Vorstrafen hat.

Plötzlich gibt er die Tat zu

Allerdings hat seine Versicherung den Schaden vollständig und offenbar auch zügig reguliert. Der Staatsanwalt bittet um eine Unterbrechung, spricht mit dem Verteidiger. Danach gibt dieser im Namen seines Mandanten die Tat zu, beschränkt seinen Einspruch auf die Rechtsfolgen, also auf die Höhe der Strafe. Und die Strafe Nummer 20 fällt dann tatsächlich ungewöhnlich mild aus. Wie vom Staatsanwalt beantragt verurteilt die Richterin den Mann zu einer Geldstrafe von gerade mal 375 Euro. Sie berücksichtigt dabei, dass der Angeklagte Unterhaltspflichten für ein 18 Monate altes Kind hat.

Vor allem aber kommt er um ein Fahrverbot oder einen Entzug der Fahrerlaubnis herum. Begründet wird dies damit, dass die Tat ja nun schon fast drei Jahre zurückliegt. Schuld der Justiz ist es freilich nicht, dass es so lange dauert. Denn es konnte nicht verhandelt werden, weil der Angeklagte lange krank war. Deshalb war das Verfahren schon einmal vorläufig eingestellt worden. Und nun schützt ihn die Krankheit praktisch vor einem Fahrverbot.

Ein Freibrief sollte dieses milde Urteil nicht sein. Bei Unfallflucht sind bis zu drei Jahre Haft möglich. Die Entziehung der Fahrerlaubnis und das Einziehen des Führerscheines sind der Regelfall.

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