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Neue Ausstellung: Klima, Corona und ein Blindflug

Der Neue Sächsische Kunstverein hat 30 Künstler auf die Albrechtsburg Meißen in eine Hybridausstellung eingeladen.

Anfassen erlaubt, ansehen verboten: Rainer Jacob schuf in dem Kubus "Blind I" eine Skulptur, die zerstört wird, wenn man sie sieht.
Anfassen erlaubt, ansehen verboten: Rainer Jacob schuf in dem Kubus "Blind I" eine Skulptur, die zerstört wird, wenn man sie sieht. © Matthias Rietschel

Wachstum und Stillstand. Innehalten und Aushalten. Status Quo und Natur. Perspektiven und Alternativen. Aus den Worten auf dem Ausstellungsplakat, das über dem Eingang zur Albrechtsburg Meißen und voller Größe und Schönheit noch einmal am Eingang zur Sonderschau „Emergency Break“ hängt, kann man Wortpaare bilden, Gegensätze konstruieren, Gedankenketten knüpfen. Schon dabei entstehen Bilder im Kopf, die in der Ausstellung immer wieder bedeutungsschwanger überhöht, ironisch gebrochen, künstlerisch kommentiert werden.

Der Neue Sächsische Kunstverein (NSKV), der sich geraume Zeit im Umbruch befindet, startete eine Ausschreibung, an der sich 130 Künstler beteiligten. Dreißig wurden ausgewählt, sieben historische Gewölberäume zu bespielen. Wenn die Albrechtsburg bisher moderne Kunst zeigte, waren das Ausstellungen, die gut ins Gehäuse passten. Mit „Emergency Break“ wird die Burg zum Diskursraum. Gut, dass niemand die Notbremse zog. Dieser Kunstzug fährt unter Volldampf in die aktuelle Debatte um Klima, Corona und Wachstum.

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Eigentlich wollte sich der Neue Sächsische Kunstverein aus Anlass seines 30-jährigen Bestehens neu erfinden. Die Idee für die „Notbremse“ hatte der Künstler Dirk Großer vor zweieinhalb Jahren, da war Corona noch nur eine Biersorte. „Wir wollten das Wachstumsparadigma hinterfragen und den Raubbau an natürlichen Ressourcen: Wenn wir eine Krise haben, wie viel Wasser gibt es, wie viel frische Luft? Was braucht der Mensch zum Leben?“.

Dieses Siegertreppchen von Dirk Großer ist selbst für den dritten Sieger zu hoch. Dahinter das leuchtende "Wir" ist von einer befreienden Diversität.
Dieses Siegertreppchen von Dirk Großer ist selbst für den dritten Sieger zu hoch. Dahinter das leuchtende "Wir" ist von einer befreienden Diversität. © Matthias Rietschel

Als das Virus die Weltherrschaft übernahm, fühlten sich die Künstler bestätigt. „Nur eins hatte sich geändert: Die Diskussion über Alternativen war noch lauter geworden. Vorher war es fraglich, ob sich an dem Wachstumsparadigma überhaupt etwas ändern lässt“, sagt Großer. „Aber in einer Ausnahmesituation wie dieser besteht auch die Möglichkeit, das System runterzufahren, um etwas Neues zu installieren.“

Uwe Michel, Direktor der Albrechtsburg, ergänzt: „Im Frühjahr war noch davon die Rede, dass es eine Chance sein könnte, das Wachstum ein wenig einzugrenzen und die Dinge neu zu betrachten. Diese Diskussion ist völlig zum Erliegen gekommen.“ Nun wird sie mithilfe der Künstler neu angeschoben. Und da nicht sicher ist, wann Museen wieder Besucher empfangen, wächst die Ausstellung bildlich und wortreich im Netz. Die Website bietet keinen dieser mehr oder weniger gut abgefilmten Museumsrundgänge. Man erlebt Performances, liest Statements von und hört Interviews mit den Künstlern. Das ist für die Arbeit des NSKV mit seinen etwa 400 Mitgliedern ein kleines Novum und ein großer Schritt Richtung Zukunft.

Preise wurden ausgelobt für die ausstellenden Künstler. Die Jury setzte Rainer Jacob auf den ersten Platz. Er hat einen großen schwarzen Kubus ins Gewölbe der Albrechtsburg gestellt, der den schönen historischen Raum fast zerstört. Dieser Kubus birgt eine Sandsteinskulptur, die der Künstler – so behauptet er – mit verbundenen Augen gemeißelt hat und die man ebenfalls mit verbundenen Augen ertasten darf. Anfassen ist erlaubt, ansehen bei Strafe verboten. Dass sich die Jury für „Blind 1“ entschieden hat, zeigt ihren Sinn für Absurdes und eine gewisse selbstkritische Reflexion des Kunstbetriebs, der – Krise hin oder her– immer neue Formate findet.

Jascha Wolfram baute einen antiseptischen "Corona-Altar" (Detail).
Jascha Wolfram baute einen antiseptischen "Corona-Altar" (Detail). © Matthias Rietschel

Als Internetkampagne hat Jonas Leweck seine Arbeit gestartet. Er nimmt sich das „Recht auf Faulheit“ und dokumentiert seine Versuche, sich die handlungsfreie Zeit finanzieren zu lassen. Damit dockt er an die Debatte über Grundrechte und ein bedingungsloses Grundeinkommen an und meint wohl auch augenzwinkernd: Wer nichts macht, macht nichts verkehrt und kann keinen Schaden anrichten.

Annika Stoll geht viel direkter zu Werke. Sie hat an den Amazongründer Jeff Bezos eine Mail geschrieben, die nun in einem Leuchtkasten zu lesen ist. Überaus freundlich fragt sie ihn, ob er ihr eine Million Dollar überweisen kann. Da sind wir doch mal gespannt, wie liebevoll die Antwort formuliert werden wird. Falls überhaupt eine kommt.

„Über die Unmöglichkeit von Revolution in der Kunst“ hat sich Simon Rosenthal Gedanken gemacht. Der Hammer, den er ausstellt, ist viel zu klein. Null Schlagkraft. Und die Warnweste hängt auf einem Stacheldrahtbügel und ist eine Batikarbeit, also völlig unbrauchbar. Ebenfalls nicht ganz ironiefrei ist Michael Merkels „Sondereinsatztruppe“, eine Sammlung von Rettungswagen im Miniformat, sauber sortiert und fein gerahmt in einem Plexiglaskasten.

In Hartmut Kiewerts Gemälde "No Cars Go" treffen sich Mensch und Tier auf einer leeren Straße.
In Hartmut Kiewerts Gemälde "No Cars Go" treffen sich Mensch und Tier auf einer leeren Straße. © © by Matthias Rietschel

Ein großes Gemälde von Hartmut Kiewert zeigt ein seltsames Picknick. Menschen und Tiere versammeln sich auf einer leeren Fahrbahn. „No cars go“ heißt das Bild. In einem anderen Raum werden „Bootschaften“ verkündet. Carsten Busse fordert in seinem großen Papierschnitt „Carpe diem“, nutze den Tag. Und zwar „Jetzt“, meint Josh Diegel. Das Wort steht auf Megafon, Plakat, Schutzschild und leuchtet aus einem Video. Also los, fangt endlich an, der Moment ist jetzt! Wie oft werden Inhalte formuliert, Programme aufgestellt, aber umgesetzt werden sie nicht. Diegel hat kein Programm, und Großer zeigt Einsatz mit dem Megafon auf dem menschenleeren Burghof. Auf der Website ist die Performance zu sehen.

Der Kurator tritt in der Schau auch mit eigenen Werken auf. Zwei Mauern aus Gasbetonsteinen hat er gebaut, eine davon als Siegertreppchen. Doch das ist viel zu hoch sogar noch für den dritten Sieger. Mauern nennt er Überwindungsarchitektur. „Sie sind die mächtigsten Bauwerke der Menschheit, aber sie sind eigentlich nur Provisorien und dazu da, sie zu überwinden“, erklärt der Künstler. Hinter der Siegertreppe an der Wand hängen drei Leuchtbuchstaben, die unterschiedlicher nicht sein können. Sie bilden das Wort „Wir“. So viel Diversität kann befreien.

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