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Die Geschichte hinter der Schrankwandtür

Die zwei mittelalterlichen Räume hinter den Schaufenstern im Haus Burgstraße 2 erleben eine merkwürdige Veränderung. Was hat es damit auf sich?

Die Berlinerin Gaby Taplick verwandelt die Galerie des Meißner Kunstvereins in ein begehbares Kunstwerk. Ihr Material: alte Möbelteile.
Die Berlinerin Gaby Taplick verwandelt die Galerie des Meißner Kunstvereins in ein begehbares Kunstwerk. Ihr Material: alte Möbelteile. © Claudia Hübschmann

Meißen. Die Berliner Künstlerin Gaby Taplick fühlt sich in letzter Zeit häufig beobachtet. Mit Holzplatten, Säge und Schrauber werkelt sie in den beiden Galerieräumen des Meißner Kunstvereins im Erdgeschoss des Hauses Burgstraße 2. Die großen Schaufenster geben den Blick frei auf ihre immer weiter fortschreitenden Arbeiten. Den Passanten kann man die Fragen, regelrecht von den Gesichtern ablesen, wenn sie kurz innehalten. "Was macht die Frau da?" Oder: "Was soll das werden?" So dürften die Fragen lauten.

Im linken Raum der Kunstvereinsgalerie hat ihr Werk im Vorfeld der Ausstellungseröffnung am 29. Mai bereits sichtbar Gestalt angenommen. Der Boden ist unter größeren Holztafeln mit unterschiedlichen Oberflächen und Farben verschwunden. Wie ein großflächiges Parkett durchziehen sie den Raum und gleiten die Wände pyramidenförmig bis fast in zwei Drittel der Höhe hinauf. Es entsteht ein Gegenstück zum Rippengewölbe der Decke. Manche Formen spiegeln sich, andere werden verdreht oder anderweitig verfremdet. Nur keine Angst, das Kunstwerk darf auch betreten werden. Noch lässt sich ein Blick unter und hinter die Konstruktion werfen. Diese ruht auf soliden Holzlatten.

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Ikea nimmt immer mehr zu

Die Idee, die Formen der steinernen Decke im unteren Teil des Raumes mit einer hölzernen Installation aufzunehmen, habe sie nach und nach entwickelt, sagt Gaby Taplick. Als eine der Residenzstipendiaten des Kunstvereins hat sie seit Anfang Mai die Möglichkeit erhalten, innerhalb von vier Wochen ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Der Verein sorgt für diese Zeit für freies Wohnen und ein auskömmliches Stipendium.

Die Platten für den zweiten Raum stehen an diesem Montagvormittag bereits stapelweise an die Wand gelehnt zum Einbau bereit. Die Berliner Künstlerin verfolgt dabei keinen unabänderlichen Plan. Sie lässt ihr Werk aus einer Ecke heraus kontinuierlich wachsen. Beim Material greift sie - wie auch bei anderen Arbeiten in der Vergangenheit - auf Teile von Schrankwänden zurück. "In Hannover gab es früher regelmäßig Sperrmülltage, wo die Leute nicht benötigte Möbel rausstellen konnten", sagt sie. Manchmal finden sich geeignete Platten in den Container von Wertstoffhöfen oder im Internetportal E-Bay-Kleinanzeigen. Mittlerweile nehme der Anteil von Ikea-Hinterlassenschaften zu. Klassische Schrankwände verschwinden zusehends.

Die ausgediente Schrankwand wird zum Kunstwerk

Neben formalen Aspekten wie Farbe und Oberflächenbeschaffenheit bewegt Gaby Taplick die Vergangenheit der Schrankwand-Versatzstücken. Über Jahrzehnte standen sie bei Menschen im Wohnzimmer, begleiteten ihren Alltag, waren Teil ihres Lebens. Irgendwann sind sie nur noch Müll und landen im Container. In den Installationen der Berlinerin erhalten sie in zweites Leben und werden zu Kunst.

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Begleitet wird die Ausstellung der Residenzstipendiatin durch die Kunsthistorikerin Maren Marzilger. Wie die Eröffnung ausfallen werde, ob digital oder mit persönlichen Begegnungen lasse sich derzeit noch nicht sagen, so die Dresdnerin. Gleiches treffe auf den weiteren Verlauf der Sonderschau zu. Es gilt die Entwicklung der Inzidenzen zu beobachten.

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