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Meissen: Mit 160 Figuren um die Welt

Ungewollt hat die Porzellanmanufaktur mit dem Motto ihrer Jahresausstellung einen Volltreffer gelandet: "Fernweh" beweist, wie weltoffen Sachsen seit 300 Jahren ist.

Sachsen weltoffen: Da fliegt er hin der Engel oder Putto des indischen Künstlerduos Thukral & Tagra in der neuen Meissener Jahresschau.
Sachsen weltoffen: Da fliegt er hin der Engel oder Putto des indischen Künstlerduos Thukral & Tagra in der neuen Meissener Jahresschau. © Claudia Hübschmann

Meißen. Mit vier Kontinenten fing es vor über 300 Jahren an. Mehr waren in den Gründungsjahren der Manufaktur einfach noch nicht bekannt. Deshalb beginnt die aktuelle Sonderschau "Fernweh" der Meissener Porzellanstiftung auch nur mit vier Figuren. Füllhorn und blaues Vögelchen markieren Amerika. Asien macht es sich auf einem Kamel bequem, Afrika reitet einen Löwen.

In den nächsten 300 Jahren wurde das Bild des Fremden weitaus differenzierter und vielfältiger. Insgesamt 160 Porzellane verdeutlichen dies eindrucksvoll. Kaum zu glauben, dass ein nicht zu großes Kabinett im ersten Obergeschoss diese Menge zu fassen vermag.

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Darstellungen der vier Kontinente waren an den Herrscherhöfen des 18. Jahrhunderts weit verbreitet, allerdings durchaus nicht als dreidimensionaler Geografie-Unterricht gedacht. Auch das 1849 verbrannte Deckenfresko des Deutschen Pavillons im Zwinger-Ensemble zierten die vier Erdteile. Sie sollten die Weltgewandtheit August des Starken widerspiegeln, der aus allen Himmelsrichtungen Kunstschätze sammelte und Raritäten bezog. Nur folgerichtig, dass Meissen das Motiv nachbildete. Mit der Formel für das erste europäische Hartporzellan hatte das kleine Kurfürstentum Großes geleistet und ein Pfund aus Weißem Gold in der Hand, mit dem es sich im Konzert der Großmächte wuchern ließ.

Den Nerv der Zeit unbeabsichtigt getroffen

An diesem Vormittag ist es Kuratorin Susanne Bochmann vorbehalten, der Presse einen ersten Eindruck von der neuen Jahresausstellung zu geben. Konzipiert wurde sie, ohne zu ahnen, wie lang die Pandemie für eine Schließung des Museums im Triebischtal sorgen und alle potenziellen Besucher auf einen regional eng begrenzten Kreis einschränken würde. Das Motto "Fernweh" trifft somit den Nerv der Zeit, obwohl dies ursprünglich nicht beabsichtigt war.

"Strand, Sonne und Kultur - mit Covid-Protect-Reiseschutz" - so bewirbt der Reisekonzern TUI derzeit Reisen in die Türkei. Türkenmode stand unter August dem Starken hoch im Kurs. Zwar ließ sich der Kurfürst und König, der in den Jahren 1695 und 1696 den Oberbefehl über die kaiserlichen Truppen in Ungarn innehatte, auch als Türkenbezwinger feiern, aber seine Bewunderung der scheinbar uneingeschränkten Macht des Sultans und dessen Prachtentfaltung trat deutlich in den Vordergrund.

Unter seiner Regierung erlebten orientalische Festaufzüge und andere Inszenierungen ihre Blütezeit in Sachsen. Er inszenierte sich als Sultan begleitet von prunkvoll aufgezäumten, orientalischen Handpferden, in Kaftane gekleideten Dienern wie Kammertürken und -mohren, einem Janitscharencorps mit Musikinstrumenten, das aber auch als repräsentative Garde bei Festivitäten und zur Bewachung der kostbaren Lustschlösser diente.

Das Land des ewigen Lächelns übte schon im 18. Jahrhundert eine unglaubliche Faszination auf Europa aus. Am Japanischen Palais, am Chinesischen Teehaus in Sanssouci und natürlich im Porzellan lässt sich dies erkennen.
Das Land des ewigen Lächelns übte schon im 18. Jahrhundert eine unglaubliche Faszination auf Europa aus. Am Japanischen Palais, am Chinesischen Teehaus in Sanssouci und natürlich im Porzellan lässt sich dies erkennen. © Claudia Hübschmann
Die Darstellungen der vier Kontinente waren im 18. Jahrhundert fast immer weiblich und mit klischeehaften Accessoires ausgeschmückt.
Die Darstellungen der vier Kontinente waren im 18. Jahrhundert fast immer weiblich und mit klischeehaften Accessoires ausgeschmückt. © Claudia Hübschmann
Der Gestalter Erich Hösel war Anfang des 20. Jahrhunderts im "Wilden Westen" unterwegs. Er lieferte die dreidimensionalen Figuren zu den Fantasien Karl Mays.
Der Gestalter Erich Hösel war Anfang des 20. Jahrhunderts im "Wilden Westen" unterwegs. Er lieferte die dreidimensionalen Figuren zu den Fantasien Karl Mays. © Claudia Hübschmann
Das indische Künstlerduo Thukral & Tagra hat 2012 über Wochen hinweg die Träume, das Nahweh, das Fernweh der indischen Mittelschicht in Porzellan-Installationen gepackt.
Das indische Künstlerduo Thukral & Tagra hat 2012 über Wochen hinweg die Träume, das Nahweh, das Fernweh der indischen Mittelschicht in Porzellan-Installationen gepackt. © Claudia Hübschmann

Die Folgen dieser Faszination schlagen sich unmittelbar in einer Figurenserie nieder. Sie orientierte sich an den Alltagsszenen aus dem Leben in Konstantinopel, die unter anderem der französische Maler Antoine de Favray während seines 14-jährigen Aufenthaltes in der Hauptstadt des türkischen Imperiums produzierte.

Ähnlich wie die Türkei regte China die Fantasie des europäischen Adels an. In einer Vitrine der Fernweh-Schau zeigt sich ein facettenreiches Bild des Lebens in Fernost. Bezeichnend ist das immerwährende Lächeln. Mit entrücktem Gesichtsausdruck wird Tee geschlürft. Ein in allen Wonnen des Verliebtseins schwelgendes Pärchen knutscht sich ab. Was für ein hervorragendes Staatsgefüge muss vorhanden sein, um so glückliche Einwohner zu produzieren? Diese Frage stellte man sich damals in Europa.

Der Weltraum, unendliche Weiten

Keine Mode hält ewig. Nur die Abwechslung bleibt konstant. Die Meissener Sonderschau spinnt den Faden weiter über die Idealisierung klassisch griechischer Vorbilder im 19. Jahrhundert, die "Edlen Wilden" Erich Hösels, die "exotischen Schwarzen" Paul Scheurichs bis hin zur DDR, in der das Fernweh auf die Bruderländer oder Reisen in die Märchenwelt beschränkt blieb.

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Den Abschluss bildet ein Aufbruch. Das indische Künstlerduo Thukral & Tagra hat 2012 über Wochen hinweg die Träume, das Nahweh, das Fernweh der indischen Mittelschicht in Porzellan-Installationen gepackt. Die grellen Farben mussten extra gemischt werden. Sie gehörten bis dahin nicht zum Meissener Farbspektrum. Wie Satelliten umkreisen die Gebilde jetzt den barocken Tafelaufsatz und Blickfang im Entrée des ersten Obergeschosses. Goldene Trichter lauschen in den Kosmos. Vielleicht senden sie auch Botschaften? Der Weltraum, unendliche Weiten. Da muss der Begriff Fernweh neu definiert werden.

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