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Wo Pulverschnee zu Kunst wird

Vom Ballonfahrer zum Schneebildhauer: Gerd Melchinger lockert den Lockdown-Alltag auf. Mit eigenen Schneeskulpturen an der Elbe.

Gerd Melchinger modelliert gern Schneefiguren. Seit Montagabend entstehen jeden Tag neue: am rechtselbigen Parkplatz in Meißen.
Gerd Melchinger modelliert gern Schneefiguren. Seit Montagabend entstehen jeden Tag neue: am rechtselbigen Parkplatz in Meißen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Erst Hochwassergefahr, dann so viel Schnee wie seit Langem nicht mehr. Schneemassen und Eiseskälte beherrschen weite Teile Deutschlands. Der "Flockdown" macht vielen zu schaffen: Unfälle, Staus, verspäteter ÖPNV, Heizungsausfälle und liegengebliebene Autos. Die nächsten Tage bleiben die Minusgrade noch. Das ärgert einige, die trotz Corona beruflich unterwegs sind. Doch Gerd Melchinger freut es. Denn der als Ballonfahrer bekannte Meißner braucht diese Wetterbedingungen für seine weißen Kunstobjekte auf dem Parkplatz an der Elbe. Auch wenn der Pulverschnee eigentlich nicht dafür geeignet ist. Denn der hat Kristalle.

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"Dadurch entstehen Klumpen, die beim Bearbeiten herausbrechen können", erklärt er ernst. Das erschwere die Feinarbeit an seinen Eisskulpturen, die er seit Montag an der Elbe formt. Dadurch könne man nichts mehr ausbessern, wenn er einen Schneestich nicht richtig platziere. "Richtige Künstler", sagt er, "verwenden deshalb Maschinen, um Schnee ohne Kristalle herzustellen." Um den weichen Pulverschnee fest zu bekommen, muss er aufgeschüttet werden. Nach ein bis zwei Stunden könne er dann bearbeitet werden. "Das ist natürlich sehr aufwendig. Mir macht es aber Spaß."

Ein Krokodil entfachte seine Leidenschaft

Seine Eisskulpturen sind mehr als ein Hobby. Sie begleiten ihn schon länger: fast 20 Jahre. Es hat zwar nichts mit seinem Beruf zu tun, fing allerdings damit an. Anfang der 2000er-Jahre arbeitete Gerd Melchinger als Ballonfahrer im Vogtlandkreis. Es war damals ein Winter mit viel Schnee, der sich auf dem Gasballon festsetzte. Dieser musste beräumt werden, damit er nicht kaputtging. So sprach ihn damals eine Kollegin an, warum er nicht das Kinderlied-Krokodil "Schnappi" aus dem übriggebliebenen Schnee forme. So skurril, wie es klingt: Das entfachte seine eisige Leidenschaft, die bis heute anhält.

In seiner Freizeit zeichnet er zudem gern mit Bleistift oder schnitzt Holzskulpturen. Als ehemaliger Porzellanmaler hat Gerd Melchinger eine kreative Ader. Er liebt es, mit den Händen zu arbeiten. Es war naheliegend, dass er nun den Schnee schnitzt. So entstehen am Flussufer verschiedene Motive: zum Beispiel zeugt ein Schnee-Sofa von seiner Lebensfreude, wenn auch nicht auf den ersten Blick erkennbar. Das war die erste Skulptur, die entstand. Sie ist eigentlich ein aufwendiger Witz für eine Bekannte, deren Sofa wegen des Wintereinbruchs am Wochenende nicht geliefert werden konnte. Gerd Melchinger schickte ihr ein Foto und schrieb: "Dein Sofa steht an der Elbe." Als er die Geschichte erzählt, lacht er herzlich.

Eiseskälte macht sich im Landkreis Meißen breit. Sie wird wohl noch ein paar Tage halten. Für Gerd Melchinger ein Glücksfall: So bleiben seine Schneeskulpturen möglichst lange erhalten.
Eiseskälte macht sich im Landkreis Meißen breit. Sie wird wohl noch ein paar Tage halten. Für Gerd Melchinger ein Glücksfall: So bleiben seine Schneeskulpturen möglichst lange erhalten. ©  Claudia Hübschmann (Symbolbild)

Ein großer Wanderschuh steht ebenso am Ufer, genauso wie ein Dampfschiff und ein Seestern. Die Motive könnte man als Sehnsucht begreifen. Nach einer Zeit ohne Corona-Lockdown, wenn das Reisen wieder möglich wird. Die Ideen für seine Schneearbeiten kommen Gerd Melchinger dabei spontan. Oder er probiert vor Ort einfach etwas aus: So soll noch ein Buddha entstehen. Er wisse aber nicht, ob das klappe. "Wenn keiner den Buddha erkennt, liegt das auf jeden Fall am Pulverschnee", sagt er mit einem Grinsen im Gesicht.

Bislang kein Vandalismus an den Figuren

Gerd Melchinger ist froh und dankbar, dass seine Skulpturen bislang nicht zerstört wurden. Das hätte er nicht erwartet. Den Standort habe er jedoch bewusst gewählt. "Etwas abseits vom Besucherverkehr", sagt er. Trotzdem kommen viele Menschen extra zu den Schneefiguren, um sie zu bewundern. Man sieht sie schon von der Altstadt- oder Eisenbahnbrücke. Außerdem schlendern immer wieder Passanten vorbei, um ihn zu loben oder auszufragen. "Das Feedback ist schön." Offensichtlich sind die Meißner von den Schneeskulpturen genauso begeistert wie er selbst. Wem es aber nicht gefällt, der muss nur bis zum Tauwetter warten. "Meine Kunst ist vergänglich."

Doch manchmal muss er ermahnen, wenn sich Menschen auf das Sofa setzen, um zum Beispiel ein Foto zu schießen. "Bitte nicht hinsetzen", ruft er, als es zwei Frauen versuchten. Er erklärt, dass das Sofa kein Gewicht aushält. Das demonstriert er, indem er seinen Finger in die Sitzfläche steckt. Ohne größeren Kraftaufwand entsteht so ein Loch. "Der Pulverschnee hält leider nichts aus", erklärt der Schneebildhauer.

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Trotzdem freue er sich, dass die Menschen die Skulpturen so gut annehmen. Er möchte mit ihnen ein wenig Spaß und Abwechslung in den Alltag bringen. Für ihn ist die Kunst auch ein wenig Therapie. Mit einem Augenzwinkern sagt er zu drei vorbeilaufenden Frauen, die ihn nach den Skulpturen fragen: Er sei nur an der Elbe, um wegen des Lockdowns zu Hause nicht zu verblöden.

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