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"Der Green Deal ist reiner Populismus"

Landwirtschaftsberater Andreas Wilhelm aus Stauchitz sieht Landwirte zu Unrecht als Umweltzerstörer an den Pranger gestellt und kritisiert die Politik.

Andreas Wilhelm,
selbstständiger Agrarberater, sieht Landwirte zu Unrecht von der Politik an den Pranger gestellt.
Andreas Wilhelm, selbstständiger Agrarberater, sieht Landwirte zu Unrecht von der Politik an den Pranger gestellt. © Sebastian Schultz

Stauchitz. Andreas Wilhelm ist Diplom-Agraringenieur und seit 1995 selbstständiger Agrarberater. Unter anderem führt er einen Arbeitskreis von 32 Betriebsleitern aus den Landkreisen Meißen und Mittelsachsen, der sich der Umsetzung von Innovationen in der Landwirtschaft verschrieben hat. Im Gespräch mit der SZ beklagt er, dass Politiker Regelungen treffen, die der selbstständigen Arbeit der Bauern zuwiderlaufen und warum gerade Landwirte aus diesem Frust heraus AfD wählen.

Herr Wilhelm, eine alte Bauernregel sagt "Ist der Mai kühl und nass, füllt er dem Bauern Scheun´und Fass". Können die Landwirte in der Region auf eine bessere Ernte hoffen als in den Jahren zuvor?

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„Wir geben zurück, was wir erhalten haben“
„Wir geben zurück, was wir erhalten haben“

Den Dresdnern war während der Jahrhundertflut 2002 bundesweit geholfen worden. Nun will Dresden den aktuellen Hochwasseropfern helfen.

In der Tat können die Landwirte mit den Witterungsbedingungen bisher sehr zufrieden sein. Durch die Kälte im April und Mai gibt es zwar einen Vegetationsrückstand von ungefähr drei Wochen. Doch das ist nicht so problematisch. Nach drei sehr trockenen und heißen Jahren brauchen wir zwei sehr nasse Jahre, um den Wasservorrat der Böden wieder aufzufüllen. Nicht das Wetter, sondern ganz andere Dinge bereiten den Landwirten enorme Probleme.

Was meinen Sie damit?

Es sind die Verbote und Bestimmungen der Politik. Hier werden Entscheidungen von Leuten getroffen, die von Landwirtschaft nichts verstehen und wissenschaftliche Grundlagen ignorieren. Beispielsweise die Düngemittelverordnung. Auch der Green Deal von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist in meinen Augen reiner Populismus. Den Menschen wird suggeriert, dies sei bereits Gesetz. In Wirklichkeit ist es nur ein Vorschlag der EU, der weder mit dem Europäischen Parlament noch mit der Europäischen Kommission noch mit dem Ministerrat abgestimmt ist. Richtig ist, wir haben weltweit in den vergangenen Jahrzehnten große Fehler in der Landbewirtschaftung gemacht. Aber in einer modernen Gesellschaft müssen die notwendigen Veränderungen mit wissenschaftlich fundierten Innovationen und nicht mit Verboten und Produktionseinschränkungen beantwortet werden. Wenn wir die Ziele des Green Deals umsetzen, muss Deutschland zur Auslastung der vorhandenen Verarbeitungskapazitäten, die Produktion von vier Millionen Hektar Ackerland zusätzlich vom Weltmarkt einführen. Wie nachhaltig ist das denn?

Aber der Einsatz von weniger giftigen Pflanzenschutzmitteln kann doch nicht falsch sein?

Das ist auch so eine Behauptung von Leuten, die keine Ahnung haben. In manchen Medienberichten bekommt man den Eindruck, das wir diese Mittel aus reinem "Sadismus" einsetzen. Alles, was wirklich giftig ist, wurde bereits verboten. Pflanzenschutzmittel sind kein Gift, sondern die Dosis macht das Gift. Wir setzen sie nicht ein, um die Pflanzen zu "dopen", sondern um sie vor schädlichen Erregern zu schützen und Krankheiten abzuwehren. Sie dienen dazu, das Potenzial der Pflanzen auszuschöpfen. Das ist nichts anderes als, wenn wir Bürger zum Arzt gehen und Medikamente verschrieben bekommen. Pflanzenschutz ist nicht billig, keiner gibt Geld aus, wenn es nicht notwendig wäre.

Was bedeutet weniger Pflanzenschutz?

Neben den zunehmenden Restriktionen beim Pflanzenschutz wurde eine Düngemittelverordnung weiter verschärft, die schon jetzt in Sachsen auf 14,5 Prozent der Flächen eine Absenkung der Stickstoffdüngung um pauschal 20 Prozent vorschreibt. Andere europäische Länder, aber auch Brandenburg, belegen weit weniger Flächen mit dieser Absenkung. Damit verringert sich die Wettbewerbsfähigkeit der sächsischen Landwirtschaft zusätzlich. 20 Prozent weniger Dünger bedeutet mittelfristig auch 20 Prozent weniger Ertrag. Dazu kommt die geforderte Ausdehnung des Ökolandbaues, der die Ertragserwartungen auf 50 Prozent des Machbaren senkt.

Aber es gibt doch Subventionen?

Ja, aber an der falschen Stelle. Die deutsche Agrarministerkonferenz hat am 24. März 2021 dem Druck der grünen Minister nachgegeben und will die Auszahlung der direkten Beihilfen für Landwirte bis 2027 auf 50 Prozent beschneiden. Die andere Hilfe soll an die Umsetzung verschiedensten Umweltmaßnahmen gebunden werden. Die damit verbundene Flut von Anträgen, Vorschriften, Kontrollen und Zertifizierungen wird dazu führen, dass bäuerliche Betriebe aufgeben müssen. Geht es nach den Grünen und den Linken, sollen auch nur kleinere Betriebe zusätzlich gefördert werden. Für Ostdeutschland und unseren Landkreis ist das eine weitere Benachteiligung.

Was soll falsch sein, kleinere Betrieb zu fördern?

Wer es heute schafft, ein zu versteuerndes Einkommen von 300 Euro pro Hektar zu erwirtschaften, kann sehr zufrieden sein. Bei 100 Hektar sind das also 30.000 Euro im Jahr. Vergleichen Sie das mal mit dem Einkommen eines VW-Arbeiters. Moderne Technologien können durch den Einsatz von Sensoren teilflächenspezifisch Dünger und Pflanzenschutz platzieren, können Unkräuter erkennen und damit den Einsatz der Mittel effizienter gestalten. Das ist teuer, da muss zur Rentabilität eine ausreichende Fläche dahinterstehen. Das funktioniert nicht mit kleinen Betrieben, diese können sich das nicht leisten. Im Übrigen, wer will sich denn heute noch für seinen Broterwerb die Finger schmutzig und den Rücken krumm machen?

Die Politik betont doch immer, welch große Bedeutung die regionale Produktion von Lebensmitteln hat.

In den vergangenen 30 Jahren ist aus den Landkreisen fast die gesamte regionale Verarbeitung von Agrarprodukten verschwunden. Es gibt nur noch kleine Mühlenbetriebe, keinen Schlachthof, erst 2019 wurde die letzte regionale Zuckerfabrik geschlossen. Fast alles wird über große Entfernungen, zu fast 100 Prozent auf der Straße über Hunderte Kilometer zur Verarbeitung gefahren. Gefragt sind große einheitliche Partien. Für regionale Nischen ist in der wirtschaftlichen Verwertung wenig Platz. Genau hier kann die Politik helfen und durch Investitionsanschub wieder regionale Verarbeitungskapazitäten schaffen, statt Geld für Produktionsabbau zu verschwenden.

Wird es Versorgungsengpässe geben?

In Deutschland nicht, wir kaufen einfach, was wir nicht selbst produzieren. Doch diese Lebensmittel fehlen woanders. Ich nenne das Lebensmittel-Apartheid. Die Weltbevölkerung wird von jetzt 7,5 auf 9 Milliarden Menschen bis 2050 anwachsen, davon allein eine Milliarde in Afrika. Diese wollen ernährt werden. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir diese Aufgabe angehen. Sie verpflichtet geradezu zu einer höheren Produktion an Agrargütern.

Was kann getan werden, den Ruf des Berufsstandes wieder herzustellen?

Dass die Demokratie eine Chance hat, zeigt die Gründung der Initiative "Land schafft Verbindung", die durch junge Landwirte aus Chatgruppen der sozialen Medien auch bei uns in Sachsen entstanden ist. Ehrenamtlich wurden so auch die großen Traktorenkorsos nach Berlin und Dresden organisiert, um auf die Nöte der Landwirte aufmerksam zu machen. Leider sind die Aktionen, die Forderungen und Bitten an den Politikern der regierenden Parteien abgeperlt. Ich habe daraus eine persönliche Konsequenz gezogen.

Welche denn?

Ich bin in die FDP eingetreten.

Warum gerade in die FDP?

Weil von keiner der in Sachsen und im Bund regierenden Parteien eine wirkliche Unterstützung zu erwarten ist, und um Landwirten die Möglichkeit aufzuzeigen, nicht aus Protest die AfD zu wählen.

Planen Sie eine politische Karriere?

Nein, mit 64 Jahren strebe ich kein politisches Amt mehr an. Aber ich möchte den Leuten, die in der Politik in der vordersten Reihe stehen, Fakten und Argumente liefern, denn Landwirtschaft ist die Zusammenfassung der angewandten Naturwissenschaften. Da reichen keine einfachen Antworten.

Würden Sie einem jungen Menschen dazu raten, trotz aller Probleme Landwirt zu werden?

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Auf jeden Fall. Leider gehen viele junge Leute lieber in die Industrie, weil sie sich diesem Regulierungswahnsinn nicht aussetzen wollen. Für mich aber ist Landwirt nicht nur ein Beruf, sondern eine Passion, für die man sich begeistern muss. Ich halte es mit Martin Luther, der gesagt haben soll: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen". Es ist nie zu spät.​

Das Gespräch führte Jürgen Müller

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