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"Lockdown kam deutlich zu spät"

Zumindest aus medizinischer Sicht, meint Dr. Martin Wolz, Ärztlicher Direktor am Elblandklinikum Meißen. Das Krankenhaus habe seine Belastungsgrenze erreicht.

Dr. Martin Wolz ist Ärztlicher Direktor am Elblandklinikum Meißen und Chefarzt der Fachabteilung für Neurologie und Geriatrie, die unter anderem die Schlaganfallstation umfasst.
Dr. Martin Wolz ist Ärztlicher Direktor am Elblandklinikum Meißen und Chefarzt der Fachabteilung für Neurologie und Geriatrie, die unter anderem die Schlaganfallstation umfasst. ©  Archivfoto: Claudia Hübschmann

Meißen. Im Landkreis Meißen sei die Situation schon seit den Herbstferien angespannt, erklärt Dr. Martin Wolz, Ärztlicher Direktor im Elblandklinikum Meißen. "Das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Kontaktbeschränkungen ist essenziell. Deswegen ist dieser Lockdown alternativlos." Das Elblandklinikum in Meißen konzentriert sich seit dem Frühjahr fast ausschließlich auf Corona-Patienten. "Die strukturellen Voraussetzungen haben uns jetzt geholfen", so Martin Wolz. "Zwar sind wir in Meißen mit einer deutlich schwächeren Patientenzahl unterwegs als sonst, aber trotzdem an einer Belastungsgrenze."

"Zum einen ist der Pflegeaufwand für Corona-Patienten deutlich höher", erläutert der Ärztliche Direktor. Sicherheitsvorkehrungen wie das An- und Ablegen der Schutzkleidung erschweren zusätzlich die Arbeit. "Das führt zu einem deutlich höheren Personalaufwand." Zum anderen gab es im November 2020 doppelt so viele Fehltage der Mitarbeiter wie im selben Monat 2019. "Das heißt, auf der einen Seite gibt es mehr Bedarf, auf der anderen Seite eine Schwächung durch die Pandemie bei den Mitarbeitern", sagt Martin Wolz.

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Die Schicksale hinter den Zahlen sind belastend

Am Montag besuchte Ministerpräsident Michael Kretschmer das Elblandklinikum. Im Zuge dessen erklärt Frank Ohi, Vorstand der Elblandkliniken, die kritische Situation in Meißen. So bedeute ein Corona-Patient einen Aufwand von drei regulären. In Meißen können dabei etwas mehr als 300 Patienten aufgenommen werden. Jetzt seien täglich zwischen 110 und 130 Patienten in stationärer Behandlung, sagt darauf Martin Wolz. Zum Vergleich: Bis Ende Mai wurden 36 Corona-Patienten betreut, mit Stand Montag sind es 586. Das Krankenhaus hat also sein Limit erreicht.

Besonders die Schicksale hinter den Zahlen sind dabei zunehmend belastend, so der Chefarzt. Laut der Pflegedirektorin Bianca Svoboda betrage das Durchschnittsalter der Patienten zwischen 75 und 80 Jahren. Die seien besonders gefährdet. Martin Wolz ergänzt: Jeder fünfte ältere Patient, der im Krankenhaus behandelt werden muss, sterbe an den Folgen der und mit Corona. "Das ist eine sehr starke emotionale Belastung für die Mitarbeiter hier und für die Angehörigen. Dazu kommen Besuchsstopps, die das Abschiednehmen schwerer machen."

Weihnachtsbesuche: Auf das absolut Notwendige beschränken

Weil die Situation so schwer in den Krankenhäusern ist, habe er sich gewundert, warum das nicht in den Medien zeitiger behandelt wurde. Aber mittlerweile sei die Situation der Krankenhäuser wieder im Bewusstsein der Menschen. Deshalb sollten die Kontaktbeschränkungen unbedingt eingehalten werden. "Aus medizinischer Sicht kommt der Lockdown deutlich zu spät", mahnt Martin Wolz. Er und die Mitarbeiter im Elblandklinikum hoffen aber, dass sich die Menschen daran halten und auch verstehen, warum. Gerade das sei entscheidend. "Nicht, ich mache das, was erlaubt ist, sondern ich überlege vorher, ist das sinnvoll oder nicht."

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Deshalb müsste man auch zu Weihnachtsbesuchen aus medizinischer Sicht sagen: "Auf das absolut Notwendige beschränken und nur mit Maske und Abstand. Das ist das Maximum", so Martin Wolz. Jeder muss sich also fragen, welches Risiko man bereit ist einzugehen. Das heißt, sollte man sich mit Menschen der Risikogruppe treffen oder nicht? Erst zur Generaldebatte am 9. Dezember im Bundestag argumentierte Angela Merkel den Lockdown damit: "Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben. Das sollten wir nicht tun."

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