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Aus Gaudi auf Menschen geschossen?

Der Angeklagte ist ein Waffennarr. Seine Taten versucht er vor Gericht zu verharmlosen.

Mit einer Schreckschusspistole ähnlich dieser schoss der Angeklagte auf Menschen.
Mit einer Schreckschusspistole ähnlich dieser schoss der Angeklagte auf Menschen. © Symbolfoto: Oliver Killig/dpa

Meißen/Dresden.  Es sind schwere Vorwürfe, die die Staatsanwältin dem 23-jährigen Dresdner macht und deretwegen er nun vor dem Meißner Amtsgericht sitzt.  Er soll mit einer Softair-Pistole mehrfach auf Menschen geschossen haben. Auch mit solch einer Schreckschusspistole können schwere Verletzungen verursacht werden, besonders, wenn die Schüsse aus nächster Nähe abgefeuert werden. Und er hat auch getroffen, die Opfer leicht verletzt. 

Der junge Mann ist ein Waffennarr, besitzt mehrerer solcher Waffen. So soll er in einer Wohnung in Meißen mit einer Softairpistole "Berreta" auf einen Kumpel geschossen und diesen am Oberarm leicht verletzt haben. Als dieser dann aus dem Haus lief, soll er aus dem Fenster noch nach ihm geschossen haben. Auch seine Ex-Freundin nahm er ins Visier. Auf sie soll er durch ein Fenster im Schlafzimmer mit einer Softairpistole vom Typ "Umarex" 4,5 Millimeter geschossen haben. Die damals 20-jährige Meißnerin erlitt einen Streifschuss am linken Oberschenkel.  

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Dass er auf seinen Kumpel geschossen hat, gibt er zu. "Wir waren betrunken, es war eine Dummheit", rechtfertigt er sich.  Bei der Polizei hatte er davon gesprochen, "aus Jux und Gaudi" auf Menschen geschossen zu haben.  Dass er auch noch aus dem Fenster geschossen habe, als sein Kumpel abhaute, bestreitet er. Und auch auf seine Ex-Freundin habe er nicht geschossen. "Das würde ich nie tun", sagt er mit Unschuldsmiene.  Und überhaupt:  Die Pistole sei ja schussunfähig gewesen. Er habe beim Zusammenbauen einen Fehler gemacht. 

Am Rande der Falschaussage

Er hat aber auf die Frau geschossen. Im Gegensatz zu seinem Kumpel, der unbekannt verzogen ist,  ist sie nämlich als Zeugin erschienen. Doch sie nimmt den Angeklagten in Schutz. Der Kumpel habe den Angeklagten provoziert, habe gewollt, dass  er auf ihn schießt, behauptet sie heute.  Es sei ein "Spaß" gewesen. 

Bei der Polizei hatte sie ganz anderes ausgesagt. Nämlich, dass es zuvor zwischen den beiden Männern einen Streit gegeben hatte. Und dass sie einmal eine Pistole des Angeklagten zur Polizei brachte, weil sie Angst hatte. Nachdem ihr Richterin Ute Wehner ihre Aussagen bei der Polizei vorhält, fällt es der Frau doch wieder ein.  Und sie nennt auch den Grund, warum sie den Angeklagten in Schutz nehmen will. "Wir sind jetzt wieder Freunde."

Auch dass der Mann auf sie geschossen habe, bestreitet sie anfangs. Auch hier helfen die Vorhalte aus der polizeilichen Vernehmung. "Ja, aber das war an einem anderen Tag", versucht sie, sich herauszureden Mit ihrem Verhalten wandelt die Zeugin gefährlich am Rand der uneidlichen Falschaussage. Nur weil sie ihre Aussagen korrigiert, bewahrt sie das vor Konsequenzen. 

Erst nachdem die Frau die Tat geschildert hatte, räumt sie auch der Angeklagte ein: "Wir hatten uns gerade getrennt. Ich war geladen", rechtfertigt er sich.

Für Staatsanwältin Christine Eißmann ist völlig klar, dass sich alle Tatvorwürfe bestätigt  haben. Die entscheidende Frage ist nicht nur für sie, wie der Mann zu bestrafen ist, nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht. Zwar ist er  23 Jahre und sechs Monate alt, was Jugendstrafrecht ausschließt.  Entscheidend ist aber das Alter zur Tatzeit. Und da war der junge Mann 19 Jahre und elf Monate alt.  Unglaublich, aber wahr: Es dauerte  fast dreieinhalb Jahre, bis es zu einer Verhandlung kam. 

Der junge Mann habe in dieser Zeit einen Reifeprozess durchgemacht, so die Staatsanwältin. Nach zwei abgebrochenen Lehren habe er nun eine dritte begonnen. Er hat eine eigene Wohnung, eine feste Freundin und ein eineinhalbjähriges Kind.  Zur Tatzeit habe er jedoch noch nicht die Reife eines Erwachsenen gehabt, sagt sie und fordert nach Jugendstrafrecht, dass er 60 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten soll. Der Erlös soll der Opferhilfe zugute kommen.  

"Zuchtmittel" statt Gefängnis

Richterin Ute Wehner urteilt noch milder. Wegen Körperverletzung in drei Fällen wird er verwarnt. Sie spricht nur ein "Zuchtmittel" aus, ein Begriff aus dem vorvorigen Jahrhundert, der im Strafgesetzbuch wie so vieles überlebt hat. Das "Zuchtmittel" besteht darin, dass er 200 Euro an das Kinder- und Jugenddomizil Coswig bezahlen muss. Macht er das nicht, geht es vier Wochen in den Jugendarrest. Den kennt er schon aus einem früheren Verfahren, als er Auflagen nicht erfüllte.

Wie gut er damit bedient ist, hatte ihm die Staatsanwältin schon zuvor deutlich gemacht: "Nach Erwachsenenstrafrecht hätte ich eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren beantragt", sagte sie. 

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