merken
PLUS Meißen

Stasi-Mann mit 100 Legenden in Dresden vor Gericht

Ein Betrüger will in Meißen eine Villa, in Hannover einen Mercedes und andernorts eine Hochzeit ergaunern. Er fliegt auf. Doch wer ist der Mann wirklich?

Einer der am stärksten beschäftigten und doch erfolglosesten Betrüger Deutschlands musste sich am Dienstag vor dem Landgericht in Dresden verantworten. Mit interessanten Erkenntnissen.
Einer der am stärksten beschäftigten und doch erfolglosesten Betrüger Deutschlands musste sich am Dienstag vor dem Landgericht in Dresden verantworten. Mit interessanten Erkenntnissen. © René Meinig

Meißen. Fast möchte man Mitleid haben mit diesen zusammengesunkenen Häufchen Elend von 2,12 Meter Körpergröße. In einem Rollstuhl wird der notorische Betrüger Henryk B. an diesem Dienstagmorgen aus dem Gefängnis in den Verhandlungsaal des Landgerichtes in Dresden gebracht. Er sieht gesundheitlich angegriffen aus, wirkt nach außen hin abwesend.

Das Verlesen der im Bundeszentralregister eingetragenen Vorstrafen macht andererseits schnell deutlich, dass der 61-Jährige in den vergangenen knapp drei Jahrzehnten eine beeindruckende, um nicht zu sagen, beängstigende kriminelle Energie an den Tag gelegt hat. Viermal saß er in Haft. Zwölf bis 13 Jahre kamen dabei zusammen. Auf ein paar Monate mehr oder weniger kommt es nicht an, sagt er selbst.

Anzeige
Ab ins Kultursommer-Wochenende!
Ab ins Kultursommer-Wochenende!

Der Kultursommer in Meißen geht weiter und hat vom 13. bis 15. August wieder viel Spiel, Spaß und Unterhaltung für Groß und Klein zu bieten.

Der sogenannte Plossen, ein Höhenzug über Meißen, gehört zu den bevorzugten und teuren Wohngegenden in der Stadt. Betrüger Henryk B. hätte sich hier gern angesiedelt.
Der sogenannte Plossen, ein Höhenzug über Meißen, gehört zu den bevorzugten und teuren Wohngegenden in der Stadt. Betrüger Henryk B. hätte sich hier gern angesiedelt. © Claudia Hübschmann

Angeklagt ist er diesmal wegen mehrfachen Betruges und des Missbrauchs der Berufsbezeichnung Anwalt. In Meißen hatte der gebürtige Greifswalder im Sommer vergangenen Jahres versucht, sich eine stattliche Villa im Nobelviertel Plossen zu ergaunern. Dabei benutzte er die Gutgläubigkeit seiner damaligen Partnerin, prellte Handwerker sowie den Notar, einen Rechtsanwalt und das Maklerbüro um deren Honorare. In Hannover legte er es darauf an, sich einen teuren Mercedes zu erschleichen. Vor dem Abenteuer in Meißen fiel noch eine Hochzeitsorganisatorin auf ihn herein, die für ihn und seine vierte Frau eine Feier für über 60.000 Euro auf die Beine stellen sollte.

Das Vertrauen seiner Opfer verschaffte sich Henryk B. häufig mit der Legende, als Rechtsanwalt und Berater, vor allem in der Russlandpolitik sowohl für den damaligen Kanzler Helmut Kohl als auch für die heutige Regierungschefin Angela Merkel (CDU), zu wirken. Mal machte er sein Geld auf der Krim mit einer gut gehenden Kanzlei. Dann wieder schlichtete er in geheimem Auftrag im Streit um die Gasleitung Nord Stream 2. Gemeinsam sind allen diesen Geschichten drei Dinge: Der grauhaarige Hüne aus dem Norden trägt sie spannend sowie überzeugend vor, und sie enthalten nicht ein Quäntchen Wahrheit.

Das Lügen hat der 61-Jährige nach der Wende, vielleicht auch bereits zuvor, bis zur Perfektion entwickelt. Das wird deutlich bei dem knapp einstündigen Vortrag des Richters Joachim Kubista aus dem Vorstrafenregister, welches insgesamt acht Einträge beinhaltet.

In Zürich täuschte der Angeklagte Anfang der 1990er-Jahre den Besitz von 20 Kilogramm des ultraharten Spezialmetalls Osmium vor. Dieses wollte er anschließend für viel Geld verkaufen. 1992 gab er sich in Thüringen als Vertreter verschiedener Scheinfirmen aus, um in deren Auftrag teure Dienstwagen in seinen Besitz zu bringen. Ende der 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre sollte Henryk B. einen von Kumpanen gestohlenen und anschließend frisierten Scheck einlösen. Beim nächsten Coup war das Ziel, die Versicherung Allianz in München mithilfe falscher Rechnungen für Softwareupdates gleich um mehrere Hunderttausend Euro zu erleichtern.

Seine überragende Größe nutzte der vermutliche Betrüger Henryk B. aus Mecklenburg-Vorpommern gern, um Frauen, aber auch mögliche Geschäftspartner zu beeindrucken. Auch in Sachsen hatte er mit seinem Vorgehen Erfolg.
Seine überragende Größe nutzte der vermutliche Betrüger Henryk B. aus Mecklenburg-Vorpommern gern, um Frauen, aber auch mögliche Geschäftspartner zu beeindrucken. Auch in Sachsen hatte er mit seinem Vorgehen Erfolg. © privat

Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Auf der anderen Seite lässt sie sich abkürzen: Das Prinzip, nach dem der Greifswalder handelt, funktioniert stets gleich: Kaum aus dem Gericht oder Gefängnis entlassen, geht er mit eindrücklicher Energie die nächste Tat an. Große Lügen verfangen am leichtesten. Diese Lektion hat er gelernt. Um Zahlungsschwierigkeiten zu bemänteln, erfindet er schon mal ein Attentat, bei dem er durch einen Kopfschuss verwundet worden sei. Bei den Objekten seiner Begierde handelt es sich zumeist um Immobilien, große Autos oder Geld. Körperliche Gewalt ist bei der Vorgehensweise eher nicht im Spiel.

An diesem Vormittag in Dresden möchte der Berufsverbrecher unter seine Vergangenheit allerdings einen Schlussstrich ziehen. Seine Schuld gesteht er vollumfänglich ein. Bei den Geschädigten möchte er sich entschuldigen. Nach dem Verlust seiner Existenz in der DDR habe er den Halt verloren. Das Erfinden von Lebensläufen und Titeln habe ihm Selbstbewusstsein gegeben und eine "gewisse Lebenszufriedenheit". Trotzdem sei ihm klar gewesen, dass er mit seinen Lügengeschichten irgendwann auffliegen werde. Künftig wolle er sich mit seinen tatsächlichen Lebensumständen, die wahrscheinlich auf eine Mindestrente nach der Haftentlassung hinauslaufen, begnügen. Für diese "Lebensbeichte" sagt das Gericht zu, ein Höchstmaß von fünf Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe beim Urteil nicht zu überschreiten.

Richter Joachim Kubista bleibt trotz dieser Einigung neugierig und hakt nach. Ihn interessiert der Punkt, wie ein gelernter DDR-Bürger innerhalb von 30 Jahren zu einem der möglicherweise am stärksten beschäftigten und gleichzeitig erfolglosesten Betrüger Deutschlands werden kann. Was dann zutage tritt, wirft mehr Fragen auf, als es Antworten ergibt.

Festzustehen scheint, dass Henryk F. im September 1959 in Greifswald als Sohn von zwei Mitarbeitern der Grenztruppen der DDR, angeblich im Stab, geboren wurde. Zu seiner später geborenen Schwester habe er keinen Kontakt mehr. Der Vater sei wohl tot. Ob die Mutter noch lebe, könne er nicht sagen, gibt er vor dem Landgericht an. Wie viele Kinder er aus seinen vier Ehen habe? Um dies zu sagen, muss der Angeklagte länger nachdenken. Schließlich werden es fünf.

Lüge und Wahrheit nicht mehr auseinanderzuhalten

In Widersprüche verstrickt er sich zudem, was seine Tätigkeit in der DDR anbelangt. Nach POS, Berufsausbildung mit Abitur und zwei Jahren bei den Grenztruppen sei er zur Staatssicherheit gewechselt, so die Aussage am Dienstag in Dresden. Bei vorherigen Angaben zu seiner Vita war er wahlweise als Spezialist für den Grenzzaunausbau tätig, auf "operativem Einsatz" in Afrika, der Schweiz und Niederlande unterwegs, oder dem Oberkommando der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland zugeordnet.

Noch haarsträubender geht es weiter: Seine zweite Frau sei 1993 in der Schweiz "getötet" worden, um ihn zur Preisgabe der Geheimnisse aus seiner Stasi-Tätigkeit zu erpressen. Den Vater hätten die "Agenten der BRD" mit Zahlung einer vollen Rente zum Verrat des Sohnes bewogen. Eine Heirat in der "BRD" sei ihm verweigert worden. Im Gefängnis hätten Unbekannte ihm verbotene Dinge wie Tabletten und eine Sim-Karte untergejubelt, um seine vorfristige Entlassung zu verhindern.

Weiterführende Artikel

Der Stasi-Spitzel und die Angst der Opfer

Der Stasi-Spitzel und die Angst der Opfer

Gebrochene Herzen in Meißen, geprellte Handwerker, gefälschte Titel in Dresden: Ein in der DDR angelernter Betrüger geht in den Knast. Und was passiert dann?

Immobilien-Betrüger bleibt in Haft

Immobilien-Betrüger bleibt in Haft

Hochstapler Henryk B., der 2020 in Meißen und der Region aktiv war, macht der Polizei viel Arbeit.

"Größter" Immobilien-Betrüger aller Zeiten?

"Größter" Immobilien-Betrüger aller Zeiten?

Ein Hochstapler, der sich gern als Berater von Angela Merkel und Helmut Kohl ausgab, ist jetzt beim Kauf einer Villa in Meißen aufgeflogen.

All dies gibt Henryk F. am Dienstag zusätzlich zu seiner "ehrlichen Lebensbeichte" zu Protokoll. Bei den Zuhörern dürfte der Eindruck entstehen, dass es für den 61-Jährigen mittlerweile unmöglich geworden sein könnte, selbst bei der eigenen Biografie zwischen Lügengespinst und Wahrheit zu unterscheiden. Die Verhandlung wird in den kommenden Tagen fortgesetzt.

Mehr zum Thema Meißen